Regina Ullmann – Behinderung als das Hilfreiche und Wesentliche: „Feldpredigt“

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Joaquín Sorolla (1863-1923): Triste Herencia, Öl auf Leinwand, 1899

Die Schwangerschaft und die Geburt ihrer Tochter Gerda im Januar 1906 stellen für Regina Ullmann eine große Herausforderung dar. Der Vater des Kindes ist der bereits verheiratete Hanns Dorn, nachmals Dozent und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der TU München und aktiv in der Münchner Frauenrechtsbewegung, der auch Regina Ullmann beigetreten ist. Ullmann bringt das Kind in Wien zur Welt und begibt sich mit diesem auf einen Bauernhof nahe bei Admont in der Steiermark, wo sie und ihre Mutter ein Unterkommen gefunden haben. Dort verfasst Regina Ullmann ihr Erstlingswerk Feldpredigt, eine „dramatische Dichtung in einem Akt“. Bereits im Februar 1907 ist sie wieder in München, ihre Tochter Gerda bleibt bei den Pflegeeltern in der Steiermark zurück. Durch Vermittlung von Dorns früherer Frau Erika Spann-Rheinsch, mit der Ullmann nach wie vor befreundet ist, kann sie die Feldpredigt im selben Jahr veröffentlichen.

Über Ullmanns Erstling urteilt Rainer Maria Rilke im Hinblick auf den „Beifall“ des Bildhauers Auguste Rodin, dem er den Inhalt des Werks erzählt hat: „Ich kann mir nicht denken, daß eine Kraft, die so maßvolle und echte Gedanken bilden durfte, die die reifen geschlossenen ersten drei Szenen auszuformen geduldig willig war [...]: daß eine solche bescheidene und innige, mit sich selbst beschäftigte Kraft durch rein ausgesagten Beifall verdorben oder ausschweifend werden könnte.“ (S. 435)

Der Inhalt des Einakters ist schnell zusammengefasst: Eine zum ersten Mal schwangere Bäuerin rettet den alten Müller aus dessen brennender Mühle. Ihr Kind, ein 14-jähriger Knabe, der noch sechs gesunde Geschwister hat, ist von Geburt an gelähmt. Der Vater findet sich nicht ab mit der Tatsache, dass sein Ältester aufgrund seiner Behinderung nicht arbeiten kann. In der 4. Szene liegt der Junge schließlich auf dem Feld und arbeitet, die Krücken hinter ihm. Am frühen Morgen tritt der Bauer aus dem Haus und findet seinen Jungen tot auf dem bestellten Acker vor.

Woran sich der Bauer versündigt hat, wird dadurch erhellt, dass der Bauer durch die Sage vom „ewigen Schuster“, die der weißhaarige Botensepp ihm erzählt, gewarnt ist:

„Wie der Christus vorbei ist an meinem Haus, saß ich bei meinem Leisten und war zornig darüber, daß sich die Leute um den Gottessohn stellten und ihm müßig zuhörten, was er sprach, derweil ich hämmerte im Schweiße meines Angesichts. Und ich ward so wild, daß ich meine Kleinheit vergaß und hinaussprang auf die Straße und mit meinem Riemen dazwischen schlug! Zwischen die Jünger! daß sie von ihrem Herrn wichen und ich ihn allein hertrieb vor mir durch die Straßen. – Und seither muß ich wandeln bis in die Ewigkeit, und der Geist des Gottessohnes schreitet hinter mir als mein Gewissen.“ (S. 15)

Der ewige Schuster arbeitet wie der aus dem Paradies vertriebene Adam – der „im Schweiße [s]eines Angesichts“ sein Brot essen soll, bis er wieder zu Erde wird, von der er genommen ist (vgl. 1. Mose 3,19) – und muss zur Strafe wie der Ewige Jude Ahasver unsterblich durch die Welt herumwandern. Am Ende sieht der Bauer ein, dass er am gelähmten Knaben, den die Mutter bedingungslos liebt (S. 11: „Er ist die Bibel in deinem Haus, und du liest sie nicht.“), unrecht gehandelt hat:

„Nein, er war nicht faul, er hat den großen Acker dort bearbeitet. So auf dem Bauch, und jetzt liegt er vor mir wie aus dem Paradies die Schlange und sagt mir, daß ich das getan hab. Ich, ich, und nur wegen der Arbeit. Ja, die Strafe ist gerecht. Ich hab ihn mit meiner eignen Hand geschlagen, den Christus!“ (S. 21)

Damit schließt sich auch wieder der Kreis zum Traum der Großmutter, die vom christusgleichen Knaben ohne Krücken träumt: „Und deine Arme streckten sich aus, daß du aussahst wie ein Gekreuzigter. [...] Und du gabst mir die Worte: Alles fügt sich in deinem mühseligen Leben. Aber du erblickst erst die Allmacht über diese Welt, wenn du am Kreuzweg stehst.“ (S. 10)


Verfasser: Dr. Peter Czoik / Laura Velte

Sekundärliteratur:

Regina Ullmann: Feldpredigt. Dramatische Dichtung in einem Akt. In: Dies.: Erzählungen, Prosastücke, Gedichte. Zusgest. von Regina Ullmann und Ellen Delp. Neu hg. v. Friedhelm Kemp. Bd. 1. Kösel-Verlag, München 1978, S. 5-21.

Delp, Ellen (1960): Regina Ullmann. Eine Biographie der Dichterin. Mit erstmalig veröffentlichten Briefen, Bildern und Faksimiles aus dem Besitze von Regina Ullmann und Ellen Delp. Benzinger Verlag, Einsiedeln u.a.

Kargl, Kristina (2007): „Und nach und nach versiegte die Mondnacht in mir“. In: Literatur in Bayern 22 Jg., Nr. 87, S. 2-16.

Tappolet, Walter (1955): Regina Ullmann. Eine Einführung in ihre Erzählungen. Tschudy-Verlag, St. Gallen.



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