Blindheit II: Ernst Augustin – „Das Monster von Neuhausen“: Vom Kunstfehler zum Selbstverlust

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Holbein d. J. (1497/1498-1543): Totentanz. XLVII. Der Blinde

Der zur Rechenschaft gezogene Arzt streitet den Fehler darin ab, beschuldigt den Patienten zu simulieren und denunziert ihn öffentlich als Hypochonder. Die Behinderung und die fortwährende Erniedrigung, die den Ausschluss Tobias Knopps von seiner Umwelt – körperlich und seelisch – noch verstärkt, lassen den Erblindeten zum Mörder werden. Das Opfer wird zum Täter. Von den Medien wird Knopp zum „Monster“ erklärt.

Dort sitzt er, meine Damen und Herren, sehen Sie ihn an [...]. Scheußlicher, meine Damen und Herren, scheußlicher kann kein Mensch aussehen. Kinder, die mich zu Gesicht bekommen, werden ihr Leben lang den Schrecken davontragen. Schrecken der Nachbarschaft, Monster von Neuhausen. (S. 9)

In den fiktiven Protokollen ergreift der skurrile Verteidiger des „Monsters“ das Wort. Die karikaturhafte Verteidigung ist dem Ausgang des Falls nicht förderlich. Der Mord wird zu einer Tat verletzter Ehre erklärt:

Wenn Ihr einem Mann das Bein abschneidet, verliert er ein Bein. Wenn Ihr ihm auch das andere abschneidet, verliert er zwei Beine. Schneidet Ihr ihm die Ohren ab – Ihr Leute –, dann verliert er das Gehör, und macht Ihr ihn blind, verliert er sein Gesicht. Wenn Ihr aber – hört genau zu! –, wenn Ihr ihm seine Ehre abschneidet – –

Verliert er sich selbst. (S. 60)

Tatsächlich geht es um einen Selbstverlust. Knopp findet nach der missglückten Operation und der andauernden Nicht-Anerkennung ihrer Folgen keinen Halt mehr in seinem Leben. Seine Sehbehinderung grenzt ihn rein physisch von seiner Umgebung ab, mehr aber hat er mit dem Vorwurf der Simulation zu kämpfen bis es schließlich zur ironischen Verkehrung seiner Situation kommt: Er wird wirklich zum Simulanten. Er sieht sich gezwungen zu simulieren, er sei nicht blind.

Da stand er dann wieder auf der Straße, es war noch dieselbe Straße, und sie hieß noch wie vordem, aber er war nicht mehr derselbe Mann. Er wurde gegrüßt, und der grüßte zurück, aber er sah nicht, wen er grüßte, nicht genau. [...]

Er ging in den Bäckerladen, um ein Brot zu kaufen, mit dem fertig abgezählten Geld in der Hand, und im Fleischerladen bezahlte er mit einem großen Schein, vertraute auf korrektes Wechselgeld. [...]

Hier simuliert er jemanden, der sehen kann, wenn das einen Sinn ergibt. Ein Simulant zum Guten. Gar nicht einfach. Auf der Straße simulierte er, indem er schnurstracks geradeaus ging, voraussetzend, daß man ihm auswich, was man auch tat. Ob die Leute den Blinden erkannten, wissen wir nicht, vielleicht ja, vielleicht nein, manche wichen in größerem Bogen aus. [...]

Unser Mandant lief durch die Gegend und befand sich endlich in dem Stadium, in dem er nicht mehr wußte, sollte er nun vortäuschen, nicht blind zu sein, damit sie ihn für keinen Simulanten hielten, oder sollte er einen Simulanten vortäuschen, damit ihn keiner für blind hielt. (S. 81ff.)

Anstatt sich um sich selbst zu kümmern und den Umgang mit seiner Einschränkung zu lernen, sich mitzuteilen und Gerechtigkeit und Respekt einzufordern, versucht der geblendete Tobias Knopp seine Behinderung zu verbergen, um nicht aufzufallen und nicht weiter von außen angegriffen zu werden. Weiterhin ein funktionierender Teil der Gemeinschaft zu sein, hat für ihn oberste Priorität – aber nicht mit seiner Behinderung, sondern ohne sie.

In seinem tragisch-komödiantischen Protokoll verarbeitet Ernst Augustin nicht nur seine eigene Behinderung, er deckt auch den „exklusiven“ Umgang der Gesellschaft mit Behinderung und Krankheit auf. Er zeigt die Folgen der Angst vor Ausgrenzung auf, verbunden mit dem Funktions- und Nützlichkeitsgedanken, der in vielen Gemeinschaften vorherrscht. Solang man funktioniert, ist man Teil der Gruppe. Tut man dies nicht mehr, bleibt man allein. Der Protagonist der Geschichte wagt es daher nicht, seine Sehbehinderung zu zeigen und zu thematisieren. Glücklicherweise tut dies aber der Autor.

Sie werden mit dem Verteidiger übereinstimmen, daß es nur für meinen Mandanten spricht, trotz seiner emotionellen Krise, nein, trotz Vernichtens der seelischen, ja seelischen Konflikte ein nützliches Mitglied der Gesellschaft geblieben zu sein. [...] Von seiner Verzweiflung sprach er nicht, zu niemandem, nicht von Zerstörung, nicht von Verlorenem. Er machte sich – man verzeihe mir den leider zutreffenden Ausdruck –, er machte aus seinem Herzen eine Mördergrube. (S. 87f.)


Verfasser: Laura Velte / Bayerische Staatsbibliothek

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