Tantenschaft zwischen Literatur und Wirklichkeit

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbthemes/2025/klein/Tantenschaft-1_500x333.jpg#joomlaImage://local-images/lpbthemes/2025/klein/Tantenschaft-1_500x333.jpg?width=500&height=333
Die komische Tante. KI-generiertes Bild

Meine Schwester brachte ihr erstes Kind im zweiten Corona-Winter zur Welt. Es war bereits dunkel, als ich nach der Arbeit zum Krankenhaus fuhr. Ich suchte den nächsten Blumenladen auf und kaufte auf Anraten des Händlers mehrere rosa Lilien, zwischen die ich die Karte mit Glückwünschen schob. Den Strauß gab ich an der Pforte des Krankenhauses ab. Wegen der Corona-Beschränkungen war es mir nicht erlaubt, meine Schwester im Zimmer zu besuchen. Als ich wieder in den kalten Dezemberabend hinaustrat, ließ ich meine Augen an den hell erleuchteten Fenstern des Gebäudes entlangwandern. Eines davon musste das meiner Schwester sein. Obwohl sie sich nur wenige Meter Luftlinie entfernt von mir befand, fühlte es sich an, als läge ein ganzes Leben zwischen uns. Das tat es in gewisser Weise auch: das neugeborene Leben in ihren Armen, um das sich bei ihr jetzt alles drehte, und das ich noch nicht kannte.

Als mich meine Schwester ein paar Tage später anrief, erzählte sie mir, dass sie die Lilien sofort wieder aus ihrem Zimmer habe entfernen lassen, weil der Geruch nicht auszuhalten gewesen sei. Dann fragte sie mich noch, wann ich vorbeikommen wolle, um meinen Neffen kennenzulernen. Wenige Tage später hielt ich ihn das erste Mal auf dem Arm. Ich spürte die Wärme und Schwere seines Körpers, die gleichzeitige Zartheit und Zerbrechlichkeit. Und obwohl ich aus lauter Angst, ihn fallen zu lassen, ganz verkrampft auf meinem Stuhl saß und mich nicht traute, meine Position zu ändern, konnte ich mich nicht sattsehen an seinem kleinen Gesichtchen.

Von dem Tag an sah ich meinen Neffen regelmäßig. Nach zwei Monaten passten meine andere Schwester und ich sogar das erste Mal abends allein auf ihn auf. Vor dem ins Bettbringen setzte ich mich mit ihm im Arm auf das Sofa, um ihm das Fläschchen zu geben. Er schmiegte sein Köpfchen an mich und schaute mich neugierig an. Als ich das Fläschchen zu seinem Mund führte, begann er gierig, daran zu saugen. Nach der Hälfte wurde sein Nuckeln schwächer und seine Augenlider schwer, bis sie schließlich ganz zufielen. Vorsichtig entfernte ich die Flasche und lauschte seinen Atemzügen. Erst, als ich ganz sicher war, dass er tief und fest schlief, legte ich ihn in sein Bettchen.

In den darauffolgenden Monaten wiederholten sich diese Abende mehrmals, an denen wir auf unseren Neffen aufpassten und ich ihn fütterte, bis er in meinen Armen einschlief. Jedes Mal war es wieder besonders, und diese Momente vertieften die Nähe und Zuneigung, die ich zum Kind meiner Schwester empfand. Wenn es ein Gefühl gab, das dem Stillen nahekam, dann musste es dieses sein. Später las ich, dass bei Vätern, die ihre Babys mit der Flasche füttern, die Produktion derselben Hormone wie bei stillenden Müttern angekurbelt wird, die als „Kuschelhormone“ bekannt sind. Vielleicht waren diese Hormone auch bei mir mit im Spiel gewesen.

Als mein Neffe mit einem guten Jahr anfing zu sprechen, brachte meine Schwester ihm bei, mich „Tante“ zu nennen. Ich wurde seine „Tante Tina“. Mir gefiel das, weil das für mich die spezielle Bindung zwischen meinem Neffen und mir markierte, und ich es schön fand, dass es wie bei den Eltern und Großeltern einen Begriff für meine Position gab.

Gleichzeitig erinnerte ich mich daran, dass ich meine eigene Tante immer nur mit Vornamen angesprochen hatte. Dabei hatten auch wir eine enge Tanten-Nichten-Beziehung und bei meiner Geburt war sie – wie ich bei der Geburt meines Neffen – selbst kinderlos und deshalb ausschließlich Tante, was sie auch noch weitere sechs Jahre, bis zur Geburt ihrer eigenen Kinder, bleiben sollte. Trotzdem wollte sie nicht Tante genannt werden.

Bei einem unserer Telefonate erzählte sie mir, dass es in ihrer Kindheit und Jugend gängig gewesen war, Frauen, die man abwerten wollte, als „komische Tante“ zu bezeichnen. In dem Moment erinnerte ich mich daran, dass erst ein paar Monate zuvor auch eine meiner Bekannten diesen Ausdruck benutzt hatte. Und ich dachte an weitere Verwendungen des Begriffs jenseits des verwandtschaftlichen Kontexts. Da war zum Beispiel die „Kindergartentante“ – einerseits vielleicht liebevoll gemeint, blendete das Wort andererseits die beruflichen Fertigkeiten einer Erzieherin aus. Oder die „Tante von nebenan“ – auch wenn nicht explizit als komisch oder seltsam markiert, wirkte er ebenfalls herablassend.

Der Begriff der „komischen Tante“ und andere Verwendungen der Bezeichnung in nicht-verwandtschaftlichen Zusammenhängen hatten ein schlechtes Bild auf die verwandtschaftliche Position geworfen, sodass Frauen – wie meine Tante – damit nicht in Verbindung gebracht werden wollten. Woher aber kommt überhaupt dieses Bild der Tante, das nicht nur ein Relikt aus der BRD der 1960er Jahre, sondern nach wie vor in den Köpfen vorhanden ist?

Weil Literatur die Wirklichkeit gleichzeitig spiegelt und prägt, begann ich in Romanen nach Tantenfiguren zu stöbern, nach Essays und Gedichten über Tantenschaft zu suchen. Aber schnell merkte ich: Während es unzählige Romane aus der Perspektive von Müttern oder aus der Perspektive auf Mütter sowie Lyrik, Kurztexte und Theaterstücke gibt, in denen die Mutter eine wichtige Rolle spielt, kommen Tanten weitaus seltener vor, und es existieren kaum essayistische Texte über Tantenschaft. Vor allem als Protagonistinnen treten Tanten selten auf.

In dem Essay Allein von Daniel Schreiber heißt es: „Es wird so viel über die große Erzählung der romantischen Liebe geschrieben, es werden so viele Filme über sie gedreht und so viele theoretische Erklärungsgebäude für sie errichtet, dass wir andere Erzählungen von Nähe und Intimität häufig außer Acht lassen oder ihnen nicht jene Bedeutung beimessen, die ihnen zusteht.“[1]

Diese Erkenntnis über die unterschiedlichen Erzählungen von romantischer Liebe und Freund*innenschaft lässt sich auf die Erzählungen von Müttern und Tanten übertragen: Dem einen widmet sich die Literatur – und die anderen Künste – sehr viel mehr als dem anderen, der romantischen Liebe mehr als der Freund*innenschaft, den Müttern mehr als den Tanten.

Zumindest auf den ersten Blick. Denn als ich genauer hinsah, konnte ich doch einige Tanten entdecken, die in den Hintergründen von Geschichten herumstreichen, die in den Seitensträngen kurz auftauchen, die flüchtige Gäste des Geschehens sind. Bei meiner Recherche beschränkte ich mich auf Literatur aus Westeuropa und konzentrierte mich auf Tanten, die sich in erster Linie über die Rolle der Tante definieren – auch wenn sie jenseits davon natürlich immer Töchter und Schwestern, manchmal auch Mütter, Großmütter oder Ehefrauen sind. Und schließlich stolperte ich doch über ein paar, die es in das Zentrum der Aufmerksamkeit und teilweise sogar in den Titel geschafft hatten.

 

[1] Daniel Schreiber: Allein, Berlin: Suhrkamp 2024, S. 18.

Verfasst von: Christina Madenach

Sekundärliteratur:

Literaturverzeichnis



https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbthemes/2025/klein/Tante_164.jpg#joomlaImage://local-images/lpbthemes/2025/klein/Tante_164.jpg?width=164&height=220
Christina Madenach. © Christina Madenach
Verwandte Inhalte