Modernsein

Und so lastet Carry Brachvogel denn auch der Klassik das überkommene realitätsferne Frauenbild an, dass sie in deutschen Familienzeitschriften wie Die Gartenlaube weiterhin kultiviert sieht. Einzig Friedrich Hebbel sei mit seinen Dramen der modernen Frau gerecht geworden. Dem Frauenbild der urklassischen Dichter – Reduktion der Frauen auf Liebe als Lebensinhalt – stellt Carry Brachvogel programmatisch den Typus der modernen, selbstbestimmten Frau entgegen:

Modern sein heißt für die Frau ja nicht etwa, nur einen Beruf haben, promovieren oder an Wahltagen einen Stimmzettel abgeben wollen, nein, modern sein heißt für die Frau, ihr Leben nicht ausschließlich auf die Liebe festlegen, heißt, dem Manne nicht die Gewalt zu binden und zu lösen zugestehn. Modern sein heißt für die Frau ein eigenes Gesetz in der Brust tragen, dessen Erfüllung ihr vielleicht nicht banales Glück, gewiß aber das höchste Glück der Erdenkinder gewährt: die Persönlichkeit. Modern sein heißt für die Frau wohl lieben bis zum höchsten Opfermut, nicht aber bis zur Selbstvernichtung, heißt sich nur fürstlich, nie aber närrisch verschwenden, heißt ein Unlösbares in sich tragen, das nie zerstört werden kann, sozusagen ein Fideikommiß der Seele, das ewig unveräußerlich bleibt.

(Ebda., S. 11f.)

„Modernsein“ bedeutet für die Frau, sich nicht auf die Liebe zu reduzieren, nicht bis zur Selbstzerstörung zu lieben, einen Teil des eigenen Wesens für sich selbst zu bewahren und die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Carry Brachvogel zufolge hat es zu allen Zeiten Frauen gegeben, die in diesem Sinne „modern“ waren, auch den Klassikern sei der Typ bekannt gewesen, aber es hätte nicht ihrer Weltanschauung entsprochen, diesen Typ, abgesehen von wenigen Ausnahmen, ins Drama aufzunehmen. Ihre Favoritinnen seien die „sentimentale Liebesselige“ und die „Liebesunselige“, die unglücklich Liebende, gewesen. Hebbel sei der erste, der Frauenfiguren geschaffen habe, die nicht „nur um Liebe ringen, sondern um sich selbst, die leiden und sterben, weil man ihnen das Gesetz in der eigenen Brust zerschlagen hat, ohne daß sie nicht leben können“ (ebda., S. 22f.).

Im Gegensatz zu den Klassikern macht sie Hebbel auch als den ersten aus, der den Konflikt in der Ehe gestaltet und Dramen der Ehe geschrieben hat, deshalb, weil er als einziger eine „kongeniale Frau“ in sein Leben geführt habe. Und so sieht Carry Brachvogel nicht nur Hebbels Dramen, sondern auch seine Ehe mit der Schauspielerin Christine Engehaus als vorbildhaft für alle an, die sich zur „modernen Frau“ bekennen:

Modern im besten Sinn war dieser Ehebund. Modern nicht etwa insofern, als man sich gegenseitig das Recht auf Untreue zugestand und sich mit Liebschaften anrenommierte, sondern modern, indem zwei Menschen, die das Leben nach allen Seiten, besonders in seiner Härte kennen gelernt hatten, sich rücksichtlos ohne Verschweigen und Heuchelei einander offenbarten.

(Ebda., S. 19)

Dass Carry Brachvogel hochengagiert ist und eine bedeutende Rolle im Verein für Fraueninteressen spielt, zeigt sich auch an ihren Positionen: 1910 wird sie Mitarbeiterin der „Rechtsschutzstelle“ und 1912 Vorsitzende der neugegründeten „Komission für Bühnenangelegenheiten“, die auf der 18. Generalversammlung des Vereins am 11. November 1912 auf ihre Anregung hin gegründet wird. Unter der Leitung von Carry Brachvogel, einer großen Kennerin des Theatermilieus, tritt diese Komission fortan für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Schauspielerinnen ein. In einer Resolution wird es für die dringende Pflicht aller Frauen erklärt, die Bühnenkünstlerinnen im Kampf um ihre berechtigten Forderungen zum Reichstheatergesetz zu unterstützen und ganz besonders den Fragen der Mindestgage und der Kostümlieferung ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Unter Hinzuziehung namhafter Bühnenkünstlerinnen plant man die Einrichtung einer Beratungsstelle für weibliche Bühnenmitglieder nach dem Muster in Berlin und richtet eine wöchentliche Sprechstunde für Bühnenkünstlerinnen ein.


Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Ingvild Richardsen

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Friedrich Hebbel, Porträt von Carl Rahl (1851)