Frank Wedekind: Lulu, 1913

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Titelblatt der Erstausgabe der Bayerischen Staatsbibliothek

Frank Wedekind: Lulu. Tragödie in fünf Akten mit einem Prolog. Georg Müller, München 1913.

Standortsignatur: DD.I 1262

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Über 20 Jahre beschäftigt sich Frank Wedekind mit Lulu. Es soll eine „Schauertragödie“ werden gemäß einer Tagebuchnotiz vom Juni 1892. Die Entstehungs- und Fassungsgeschichte wird zu einer langjährigen Skandalgeschichte, die von heftigen Turbulenzen zwischen Autor, Publikum, Zensur und Gericht und infolgedessen der Anfertigung immer neuer Textfassungen gekennzeichnet ist. In den Jahren 1905 und 1906 kommt es zu einer Reihe von Gerichtsprozessen. Aufgrund des Urteils des II. Königlichen Landgerichts in Berlin werden die Druckplatten und zahlreiche Buchexemplare vernichtet. Wedekind sieht sich zu einer Überarbeitung gezwungen. 1913 erscheint beim Verlag Georg Müller erstmals eine Gesamtfassung der Einzeldramen Büchse der Pandora und Erdgeist unter dem Titel Lulu, die sich wiederum an der Bühnenbearbeitung der ursprünglichen „Monstretragödie“ von 1898 orientiert.

Auch in den Jahren nach 1913 und zumindest bis zur Aufhebung der Zensur 1918 schlägt Lulu noch heftige Wellen. 1988 bringt der Regisseur Peter Zadek die von der Zensur noch unbeeinträchtigte Urfassung der „Monstretragödie“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg auf die Bühne und erhält dafür den Fritz-Kortner-Preis. Das Skandalon der Theatergeschichte hat sich in einen Klassiker der Moderne verwandelt.

Wedekinds Vater, Gynäkologe von Beruf, war in den USA mit Grundstücksspekulationen zu einigem Vermögen gelangt und 1864 mit seiner Familie nach Deutschland zurückgekehrt. Im selben Jahr wird der Sohn Franklin geboren, der sich später in Frank umbenennen sollte. Seine Jugend verbringt Frank Wedekind in der Schweiz, wo er 1884 ein Literaturstudium an der Universität Lausanne beginnt. Die Versuche, dem Wunsch des Vaters gemäß Jura zu studieren, sind von kurzer Dauer. Wedekind übt verschiedene Tätigkeiten aus. In München arbeitet er beispielsweise beim Zirkus Herzog, ein Milieu, das ihn zeitlebens fasziniert und auch Lulu inspiriert. Als der Vater 1888 stirbt, hinterlässt er ein ansehnliches Erbe, das Wedekind zwar zunächst genügend Freiheit schenkt für seine literarischen und künstlerischen Ambitionen, aber bald aufgezehrt ist.

Wedekind lebt überwiegend in München. Dort ist er Mitbegründer der Satirezeitschrift Simplicissimus, tritt im Kabarett „Die elf Scharfrichter“ auf und spielt in seinen eigenen Stücken mit. In der Münchner Bohème ist er eine feste Größe und schert sich wenig um bürgerliche Moralkonventionen. 1906 heiratet er die Schauspielerin Tilly Newes, seine Lulu-Darstellerin, und bleibt mit seiner Familie bis zu seinem Tod im Jahr 1918 in München.

Links: Lulu 2012, Landestheater Linz, Foto: Christian Brachwitz. Rechts: Lulu 2009, Choreographie: Tomasz Kajdanski, Anhaltisches Theater Dessau – Archiv, Foto: Claudia Heysel

Die Tragödie Lulu zeichnet den von sozialen Verwerfungen geprägten Lebensweg der gleichnamigen Hauptfigur nach. In einer raschen Abfolge von Bildern weisen wechselnde männliche Partner der Protagonistin immer neue Namen und Rollen zu: missbrauchtes Straßenmädchen, Ehefrau eines Medizinalrats, eines Kunstmalers, eines Redakteurs, Geliebte eines jungen Literaten, Abstieg in die Gosse, Mordopfer. Lulu, die mythische weibliche Urgewalt, ist gleichzeitig ein künstliches Konstrukt. Die Handlungsführung gibt sich antiillusionistisch und nutzt die Ästhetik des Schocks. Durch Lulu kommen all ihre Männer zu Tode, am Ende auch sie selbst. Wedekind nennt dies „eine Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen“.

Auf Initiative von Karl Kraus wurde das Drama 1905 am Trianon-Theater in Wien als geschlossene Veranstaltung aufgeführt, bei der Frank Wedekind, seine spätere Frau Tilly Newes und Karl Kraus selbst mitspielten. Unter den geladenen Zuschauern befand sich auch der 20-jährige Alban Berg, der 23 Jahre später mit seiner Oper Lulu die berühmteste Adaption des Stoffes schuf.

Die App Deutsche Klassiker in Erstausgaben kann kostenlos im Apple App Store hier heruntergeladen werden.


Verfasser: Bayerische Staatsbibliothek / Dr. Birgit Ziegler-Stryczek

Sekundärliteratur:

Ceynowa, Klaus; Gilcher, Birgit; Ziegler-Stryczek, Birgit (2016): Erstausgaben im digitalen Gewand. Die App „Deutsche Klassiker“ der Bayerischen Staatsbibliothek, in: Bibliotheksmagazin. Mitteilungen aus den Staatsbibliotheken in Berlin und München 1, S. 12-17.

 

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Frank Wedekind