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17.12.2019, 13:31 Uhr
Sophie Stroux
Text & Debatte
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Die Autorin Sissel-Jo Gazan © Les Kaner

Weihnachtsbuchtipp: „Was du von mir wissen sollst" von Sissel-Jo Gazan

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Buchcover
Zur Vorweihnachtszeit haben wir einen besonderen Buchtipp für Kurzentschlossene: „Was du von mir wissen solltst" von Sissel-Jo Gazan. Unsere Autorin Sophie Stroux hat die Geschichte über die junge Dänin Rosa und deren Suche nach ihrem leiblichen Vater gelesen und für uns rezensiert. Sissel-Jo Gazan wurde 1973 in Aarhus geboren und hat Biologie studiert. 2008 erschien der Roman „Dinosaurierfedern", der vielfach ausgezeichnet wurde, u.a. als Dänemarks bester Kriminalroman des Jahrzehnts, und verfilmt wird. Bereits 2005 zog Sissel-Jo Gazan nach Berlin, wo sie heute mit ihren drei Kindern lebt.
 
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Man sollte sich nicht von den ersten paar Seiten des Buches täuschen lassen – denn Was du von mir wissen sollst von Sissel-Jo Gazan ist kein Krimi, auch wenn der Prolog vom mysteriösen Tod einer Frau erzählt und die Autorin sich mit dem Krimi Dinosaurierfedern einen Namen gemacht hat. Was du von mir wissen sollst erzählt stattdessen die Coming-of-Age-Geschichte von Rosa, die in Aarhus, Dänemark, aufwächst. Durch ihre Augen verfolgen wir den Anfang der Street-Art-Szene in Dänemark.
 
Rosa und die Street-Art-Szene werden gewissermaßen miteinander groß, da sich die Szene erst nach und nach entwickelt und Rosa von Anfang an dabei ist. Von dem ersten Monchhichi, das sie an die Betonwände der Stadt malt, bis zu den großen Pieces ihrer späteren Gang – Rosa macht nicht nur selber Kunst, sie dokumentiert auch ihre und fremde Werke akribisch in einem Notizbuch. So ist sie eine der ersten Personen, die Straßenkunst katalogisiert und später im akademischen Umfeld analysiert. Die Atmosphäre der Geburtsstunde der Street-Art Szene und die Beschreibung der Pieces wirken authentisch, greifbar, echt – hier ist das Buch besonders gut.
 
Neben der Street-Art-Szene konzentriert es sich vor allem zu Beginn auf die Beziehung von Rosa zu ihrer Mutter, Helle, und ihrem „Ziehvater“ Krudt, dem besten Freund von Helle. Auch wenn ich persönlich den Begriff „alternative Familienkonstellation“ nicht so gern mag (weil er abgrenzt zu „normalen“ Familien), ist es doch anregend, Rosa in einer solchen aufwachsen zu sehen. Ihre Hippie-Mutter und der homosexuelle Künstler Krudt sind spannende Elternfiguren, an denen Rosa sich vor allem anfangs noch stark orientiert.
 
Je älter Rosa wird, desto mehr fokussiert sich die Geschichte auf Freundschafts- und Liebesbeziehungen und baut dabei interessante Charaktere und Beziehungen auf. Mit fortschreitendem Alter bewegt sich Rosa auch aus Dänemark heraus, besucht Krudt in New York und reist mir ihrer Mutter und Oma nach Chile, um dort auf den Spuren von Pablo Neruda zu wandeln. Auch hier werden die Städte mit Rosas Augen erkundet und vor allem anhand von Street Art beschrieben.
 
In Aarhus wird Rosa in die Auseinandersetzungen zwischen links- und rechtsextremistischen Gruppierungen gezogen, da sie Freunde auf beiden Seiten hat. Das fühlt sich oft nach einer recht wackeligen Gratwanderung zwischen extremen Polen an – moderate politische Einstellungen finden sich nur selten. Durch diese starke Kontrastierung wirkt der Plot mitunter überzeichnet. So muss Rosas – am Anfang noch unbekannter – biologischer Vater gleich Linksextremist oder Nazi sein, dazwischen existiert kaum Spielraum. Das nimmt dem Buch etwas an Realismus und trübt die Originalität der restlichen Geschichte.
 
Nichtsdestotrotz ist Was du von mir wissen sollst ein fesselnder Roman, der das Aufwachsen von Rosa und der Street-Art-Szene Dänemarks spannend miteinander verknüpft. Die Autorin gestaltet besonders die Familienbeziehungen intensiv aus und lässt so liebenswerte Charaktere entstehen. In Dänemark ist Sissel-Jo Gazan bereits ein Star der Literaturszene. In Deutschland sollte sie noch stärker entdeckt werden.
 
Externe Links:

Das Buch bei dtv