Weg vom Leuchtturm
Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland, die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
*
Dass Mali das musikalische Zentrum Afrikas ist, habe ich in einer Sendung von Bayern 2 gehört. Nach diesen Worten folgten zahlreiche Bestätigungen. Die vielfältige Musik Malis reichte mir fast für die gesamte Fahrt, und zu Hause beschloss ich, das Feature weiterzuhören. Ich ging zu meiner Stereoanlage, einem uralten Sharp-Gerät, das schon lange nur noch als Radio diente, und versuchte zum ersten Mal seit unzähligen Jahren, es in den Kassettenrekorder-Modus umzuschalten. Noch unterwegs fiel mir ein, dass dort eine Kassette steckte, die mir ein befreundeter Schauspieler und Musiker geschenkt hatte, der sie eben dort in Mali mit drei bekannten Musikern aus dem Land aufgenommen hatte – vielleicht hatte ich sie auch schon gehört unter anderen über Kopfhörer, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Ich nahm die Kassette damals entgegen, bedankte mich und dachte mir: Meine „Sharp“ wird sie wohl kaum abspielen können, schließlich weigerte sie sich bereits, CDs abzuspielen, als ich an sie dachte und es versuchte. Ich legte die Kassette in das Kassettenfach ein, stellte den Modus – oder, wie es dort heißt, die „Funktion“ – um, drückte auf „Play“ und hörte den beschwingten morgendlichen Gitarrenschlag, den vielstimmigen Gesang zur Mittagszeit, stellenweise mischte sich sogar ein Kinderchor ein ... Ich hörte mir die Kassette mit Vergnügen an, dazu hat sie eine ganze Reihe von Bildern aus der analogen Welt heraufbeschworen, in der ich in Charkiw gelebt hatte: Kassettenband, das sich in den Ästen der Bäume verheddert hatte ... Warum sie übrigens dort auftauchte, habe ich damals auch nicht so recht verstanden – werden wirklich so viele abgewickelte Kassetten aus den Fenstern geworfen? Als ich jetzt gegoogelt habe, habe ich zum ersten Mal erfahren, dass die Tonbandknäuel in den Bäumen Vögel verscheuchen sollten und dass „Landwirte“ dies nutzten, und jetzt, da es keine Kassettenrekorder mehr gibt, wird zu diesem Zweck spezielles Band verkauft, mit verstärktem Glanz, sogar mit Hologrammen, wow ... und es raschelt laut, selbst bei einer leichten Brise. Allerdings habe ich nur geräuschloses Tonband gesehen, und zwar nicht auf dem Land, sondern an städtischen Bäumen; es ist unwahrscheinlich, dass es dort absichtlich aufgehängt wurde, aber wer weiß… Mein vorheriger Text handelte von Papageien, dieser wird von Tonbandgeräten handeln, aber wie man sieht, geht es doch nicht ohne Vögel, Vögel bedeuten viel ... Tonbandgerät und Papagei hängen irgendwie zusammen, nicht wahr? Sie könnten zusammen in einem Test vorkommen, ähnlich dem, den ich weiter unten erwähnen werde ... Mir scheint, dass das Band an den Bäumen dünn war, von Kassetten – offenbar war das bereits die Zeit der Kassettenrekorder ... und obwohl gerade das Spulenband mit einem sichtbaren roten Streifen beginnt – mit dem Vorlauf, der sich jetzt in meinem Gedächtnis nicht an die hohle Spulenachse, sondern an alles Mögliche klammert ... da dies nun ursprünglich durch die Kassette ausgelöst wurde, soll hier zunächst ein Bild erscheinen, das mit Kassettenrekordern zu tun hat ...
Der Begriff „переводная картинка“ lässt sich in meinem Kontext nicht übersetzen. Buchstäblich wäre es „übersetztes Bild“, aber es bedeutet „Abziehbild“, was hier nichts aussagt ... oder „Transferbild“, das kommt dem schon etwas näher ... Der Bandvorlauf ist an sich schon ein Abziehbild und zieht andere Bilder und Visionen aus den Zweigen des Gestrüpps nach sich … In dem im Endeffekt weiß gebliebenen Hintergrund dieses Bildes sollte ein Weihnachtsbaum stehen, umwickelt mit braunem Luftschlangen, irgendwo auf der Park Avenue, und die Bäume im Central Park, ebenfalls mit Tonband umwickelt ... oder womit auch immer Christo sie orange umwickelt hat ... oder vielleicht nur der Weihnachtsbaum, unter dem Santa Thompson mit einem Gonzo-Geschenk für die Heldin der Geschichte stehen würde … Nein, in Judith Hermanns Text steht nichts davon, ebenso wenig wie das, was sich letztendlich beim Malen herauskristallisiert hat; in der Erzählung gibt es keine Schnörkel, sie ist prägnant und rührend: Der alte Mann kauft bei seinem Freund, einem Trödler, einen alten tragbaren Kassettenrekorder und schenkt ihn dem Mädchen zusammen mit all seinen alten Kassetten. Ich konnte mich irgendwie nicht zurückhalten und fragte Judith Hermann, ob der alte Hunter Thompson, der Protagonist der Erzählung, irgendetwas mit Hunter S. Thompson zu tun habe. Und ob sie H. S. T. in den USA tatsächlich getroffen habe. Sie schrieb, dass sie überrascht sei, dass ich sie das frage, und sogar, dass ich mir selbst solche Fragen stelle. „Natürlich lebt Hunter Thompson in New York“, schrieb sie weiter. – „Im Hotel ‚Washington Jefferson‘, Zimmer 93.“ Ich glaube, damals war ihr von mir übersetztes Buch auf Russisch noch nicht erschienen, aber die ebenfalls von mir übersetzte Erzählung „Hunter – Thompson – Musik“ war bereits in der Zeitschrift Khreschatyk publiziert worden. Und der gesamte Sammelband Sommerhaus, später erst viele Jahre darauf, im Jahr 2008 ... Vielleicht habe ich sie erst dann, nach ihrer Begegnung mit H. S. T., gefragt, ich kann mich nicht mehr genau erinnern … Und noch mal viele Jahre später habe ich dieses Bild gemalt und im Titel „Thomson“ geschrieben, also das „p“ weggelassen – einfach ein Schreibfehler, den ich korrigieren wollte ... und plötzlich fiel mir so etwas ein, ich hatte einen Verdacht, habe gegoogelt ... Und ja, es gibt oder gab tatsächlich eine solche Marke von Tonbandgeräten namens „Thomson“; vielleicht hat das Judith inspiriert – „Hunter – Thomson – Musik“ ... obwohl bei ihr „ThomPson" steht und ich damals nichts von einer solchen Marke wusste ... Ich habe gezeichnet, während ich mir, glaube ich, einen alten Grundig oder so etwas Ähnliches im Internet angesehen habe ... Ein solches Bild gab es übrigens auch, nur ohne Hunter S. Thompson, einfach eine Kassette, in die ein Bleistift gesteckt ist ... nein, genau, nicht gesteckt, sondern separat: Bleistift und Kassette ... Das konnte man zu Beginn der Pandemie im Internet sehen, die Bildunterschrift lautete: „Wenn Sie wissen, wie diese Gegenstände miteinander zusammenhängen, gehören Sie zur Risikogruppe!“
Man sollte Judith Hermann fragen, ob sie die Marke gemeint hat ... Aber nein, wozu diese dummen Fragen ... Übrigens hat ihre Antwort auf meine damalige Frage – dass Hunter Thompson in einem „Hotel-Hotel“ in New York wohnt, das sie in der Erzählung als Absteige oder Geisterhaus bezeichnet ... mich gerade daran erinnert, dass H. S. T. testamentarisch verfügt hatte, sein Haus über den Schornstein mit Flüssigglas zu füllen, aber meines Wissens wurde dies nicht umgesetzt.
Zurück zu meiner Wohnung: Ich konnte das Tonbandgerät nicht einschalten, nachdem ich unterwegs die Sendung des Bayerischen Rundfunks gehört hatte. Die Stereoanlage schaltete in den „Kassetten“-Modus um, aber es passierte nichts weiter; als ich auf „Play“ drückte, sah ich auf dem winzigen Display die Meldung: „ERR TO 01“. Ich versuchte, die Kassette herauszuholen, doch da stellte sich heraus, dass auch das unmöglich war – die Kassette war wie eingemauert. Hätte ich einen Schraubenzieher nehmen und die ... Türen zum Gedächtnis aufbrechen sollen? Stattdessen kam mir dieses Bild in den Sinn.
Ich war noch nie in Mali, habe aber im Internet Fotos von der Moschee in Djenné gesehen, der Rest ist Hintergrund ... Ach ja, die Figur auf dem Heizkörper stellt Puschkin auf einem Nilpferd dar; um nicht lange nachdenken zu müssen, habe ich dieses Motiv aus meinen Bildern genommen ... Das erste Bild, schwarzweiß, mit Filzstift auf Hochglanzpapier, hieß ursprünglich „Langsame Heimkehr“ ... aber dann habe ich es in „Mali“ umbenannt. Ja, einfach „Mali“ – in der Sprache der Bambara, einer der Hauptsprachen Malis, bedeutet das nichts anderes als „Nilpferd“, das hat mir derselbe K. eingeflüstert, der mir die Kassette geschenkt hatte, und mir gefiel das besser als das Augenzwinkern, die Betonung, der Hinweis auf Puschkins Wurzeln, ganz zu schweigen davon, dass Nilpferde sehr schnell sind ... Allerdings fiel mir jetzt ein, dass der Titel dort nicht ganz so lautete wie bei Handke, sondern „Die schwere Heimkehr“, und was die Wurzeln Puschkins angeht, so schien mir das schon in der Schule das Beste an seiner ganzen allzu leuchtenden Gestalt zu sein ... Und doch habe ich das Bild in „Mali“ umbenannt, so wurde es auch auf der Postkarte beschriftet, die Teil eines Sets war, das meine Freunde während der Pandemie zusammengestellt und gedruckt hatten und in durchsichtigen Umschlägen verschickten ... Ein anderes Bild entstand einige Jahre später, als die „Wagner“-Truppen nicht mehr in Mali, sondern in der Ukraine waren und dann doch nie bis nach Moskau vordrangen ... In dem Roman des „rot-braunen“ Schriftstellers P. werden sie, die Wagner-Leute, als „Puschkinisten“ bezeichnet ... Ja, dieses Bild werde ich wohl doch zeigen, obwohl ich die Anzahl der Bilder eigentlich minimieren wollte, damit sie den braven Text nicht vollständig verdecken – die Texte geraten ohnehin schon in den Schatten ...
Das Bild trägt den Titel: „In Sankt Petersburg haben Vandalen das Denkmal für A. S. Puschkin mit roter Farbe beschmiert.“
Kurz gesagt: Das Motiv der Figur auf der Heizung hat nichts mit dem Tonbandgerät zu tun ... Im Gegensatz zur Heizung selbst. Kaum jemand würde das Rätsel um den Zusammenhang dieser beiden Gegenstände lösen können, selbst das Bild am Ende dieses Textes wäre wohl kaum ein Hinweis, deshalb werde ich versuchen, in eigenen Worten wiederzugeben, was darauf zu sehen ist – sofern es mir gelingt und ich mich nicht in Details verliere ... Die Schule, die ich besuchte, befand sich in unmittelbarer Nähe einer „глушилка“, „Störstation“ – so nannte man in der UdSSR leistungsstarke Radiosender oder, genauer gesagt, Anti-Radiosender, die „feindliche Stimmen“ übertönten. Sie waren so leistungsstark, dass sie nicht nur Radioempfänger störten (statt des Radiosenders „Svoboda“, „BBC“ oder „Voice of America“ waren von dort nur laute Störgeräusche zu hören, die dem Heulen irgendwelcher Kreaturen glichen, eine Art höllisches Geheul), sondern auch andere Haushaltsgeräte wie das Tonbandgerät, das in diesem Feld nicht seine Magnetaufnahmen abspielte, sondern widerlich brummte. Vielleicht war durch dieses Brummen hindurch eine mikroskopische Musik zu hören ... Aber insgesamt ist klar, dass wir mit einer solchen musikalischen Untermalung keinen Abschlussball veranstalten konnten, der aufgrund der Umstände in jenem Jahr nicht im Gebäude der Schule Nr. 27, sondern in der Wohnung einer meiner Klassenkameradinnen stattfand. Dort versammelten wir uns mit der ganzen Klasse und zwei Lehrern für die Nacht; die anderen Lehrer gingen in andere Wohnungen, um mit anderen Klassen zu feiern. Die Wohnung lag nicht weit von der Schule und dementsprechend auch nicht weit vom Störsender-Turm entfernt. Den Tonbandrekorder hatte ich mitgebracht, obwohl ich selbst sehr weit entfernt wohnte, am anderen Ende der Stadt; der Weg zur Schule dauerte eineinhalb Stunden pro Strecke. Ich ging dorthin, weil es eine legendäre Mathematikschule war, obwohl sie offiziell als ganz normale Schule galt – das heißt, sie war sozusagen eine „Untergrund-Mathematikschule“, aus Gründen, auf die ich nicht näher eingehen möchte, denn dann würde ich mich sicher in den Details verlieren ... Also, ich wohnte sehr weit von dem Turm entfernt und kannte das Phänomen der brüllenden Tonbandgeräte nur vom Hörensagen; hätte ich es beim Abschlussball nicht selbst erlebt, würde ich es vielleicht jetzt noch nicht glauben, wenn ich es bei Google lesen würde, so wie es mir unglaublich erscheint, dass die ausgeschalteten Glühbirnen in den Häusern in der Nähe des Turmes weiter mit halber Glühkraft leuchteten ... Ich habe es nicht gesehen oder nicht bemerkt und kann es jetzt kaum glauben, dass wir in Nikola Teslas wahrgewordenem Traum gelebt haben ... Das habe ich selbst nicht gesehen, aber der Kassettenrekorder brüllte tatsächlich ununterbrochen ... Einer meiner Mitschüler hatte irgendwo gehört, dass der Rekorder wieder normal funktionieren würde, wenn man ihn an einen Heizkörper anschloss. Dabei bestand er darauf, dass man das Kabel nicht einfach auf den Heizkörper legen, sondern daran anlöten müsse. In Ellas Wohnung wusste man bis dahin nichts von diesem Problem, einfach weil es dort kein Tonbandgerät gab ... Aber dort fand sich ein Lötkolben, allerdings gab es unter uns niemanden, der schon einmal damit gearbeitet hat, Ellas Eltern waren weg ... Unser Elektronik-Experte war ebenfalls ein reiner Theoretiker, sodass dies für uns alle das erste Mal war, dass wir gelötet haben. Wir löteten abwechselnd, in der Hoffnung, dass vielleicht jemand von uns geschicktere Hände hätte ... Doch die Leitung fiel von der Lötstelle am Heizkörper jedes Mal wieder ab, so schnell, dass wir gar nicht mitbekamen, ob es tatsächlich half – vielleicht haftete unser Lot ja gar nicht ... Aber wir versuchten es beharrlich weiter, nacheinander, tropften dabei Kolophonium auf unsere neuen Anzüge ... Die Mädchen, die ungeduldig warteten, trugen Kleider, die speziell für den Abschlussball genäht worden waren; wir waren siebzehn Jahre alt, wir wollten tanzen ... Wir haben das Tonbandgerät letztendlich doch nicht an die Heizung gelötet, aber in meiner Erinnerung an den Abschlussball sind gerade diese endlosen Versuche der „Erdung“ haften geblieben. Erst jetzt, im Nachhinein, höre ich aus dem Magnetofon die Anklänge an Zeilen aus Liedern von Boris Grebenshikov (damals hatte ich ihn noch nicht gekannt, zum ersten Mal hörte ich ihn später an der Universität): „Wir sind in einem solchen Spannungsfeld aufgewachsen, in dem jedes Gerät sofort durchbrennt“ und „Um stehen zu können, muss ich mich an meinen Wurzeln festhalten“, so ungefähr ... Mein Tonbandgerät hieß „Маяк-202“ und „маяк“ bedeutet „Leuchtturm“.
Weg vom Leuchtturm>
Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland, die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
*
Dass Mali das musikalische Zentrum Afrikas ist, habe ich in einer Sendung von Bayern 2 gehört. Nach diesen Worten folgten zahlreiche Bestätigungen. Die vielfältige Musik Malis reichte mir fast für die gesamte Fahrt, und zu Hause beschloss ich, das Feature weiterzuhören. Ich ging zu meiner Stereoanlage, einem uralten Sharp-Gerät, das schon lange nur noch als Radio diente, und versuchte zum ersten Mal seit unzähligen Jahren, es in den Kassettenrekorder-Modus umzuschalten. Noch unterwegs fiel mir ein, dass dort eine Kassette steckte, die mir ein befreundeter Schauspieler und Musiker geschenkt hatte, der sie eben dort in Mali mit drei bekannten Musikern aus dem Land aufgenommen hatte – vielleicht hatte ich sie auch schon gehört unter anderen über Kopfhörer, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Ich nahm die Kassette damals entgegen, bedankte mich und dachte mir: Meine „Sharp“ wird sie wohl kaum abspielen können, schließlich weigerte sie sich bereits, CDs abzuspielen, als ich an sie dachte und es versuchte. Ich legte die Kassette in das Kassettenfach ein, stellte den Modus – oder, wie es dort heißt, die „Funktion“ – um, drückte auf „Play“ und hörte den beschwingten morgendlichen Gitarrenschlag, den vielstimmigen Gesang zur Mittagszeit, stellenweise mischte sich sogar ein Kinderchor ein ... Ich hörte mir die Kassette mit Vergnügen an, dazu hat sie eine ganze Reihe von Bildern aus der analogen Welt heraufbeschworen, in der ich in Charkiw gelebt hatte: Kassettenband, das sich in den Ästen der Bäume verheddert hatte ... Warum sie übrigens dort auftauchte, habe ich damals auch nicht so recht verstanden – werden wirklich so viele abgewickelte Kassetten aus den Fenstern geworfen? Als ich jetzt gegoogelt habe, habe ich zum ersten Mal erfahren, dass die Tonbandknäuel in den Bäumen Vögel verscheuchen sollten und dass „Landwirte“ dies nutzten, und jetzt, da es keine Kassettenrekorder mehr gibt, wird zu diesem Zweck spezielles Band verkauft, mit verstärktem Glanz, sogar mit Hologrammen, wow ... und es raschelt laut, selbst bei einer leichten Brise. Allerdings habe ich nur geräuschloses Tonband gesehen, und zwar nicht auf dem Land, sondern an städtischen Bäumen; es ist unwahrscheinlich, dass es dort absichtlich aufgehängt wurde, aber wer weiß… Mein vorheriger Text handelte von Papageien, dieser wird von Tonbandgeräten handeln, aber wie man sieht, geht es doch nicht ohne Vögel, Vögel bedeuten viel ... Tonbandgerät und Papagei hängen irgendwie zusammen, nicht wahr? Sie könnten zusammen in einem Test vorkommen, ähnlich dem, den ich weiter unten erwähnen werde ... Mir scheint, dass das Band an den Bäumen dünn war, von Kassetten – offenbar war das bereits die Zeit der Kassettenrekorder ... und obwohl gerade das Spulenband mit einem sichtbaren roten Streifen beginnt – mit dem Vorlauf, der sich jetzt in meinem Gedächtnis nicht an die hohle Spulenachse, sondern an alles Mögliche klammert ... da dies nun ursprünglich durch die Kassette ausgelöst wurde, soll hier zunächst ein Bild erscheinen, das mit Kassettenrekordern zu tun hat ...
Der Begriff „переводная картинка“ lässt sich in meinem Kontext nicht übersetzen. Buchstäblich wäre es „übersetztes Bild“, aber es bedeutet „Abziehbild“, was hier nichts aussagt ... oder „Transferbild“, das kommt dem schon etwas näher ... Der Bandvorlauf ist an sich schon ein Abziehbild und zieht andere Bilder und Visionen aus den Zweigen des Gestrüpps nach sich … In dem im Endeffekt weiß gebliebenen Hintergrund dieses Bildes sollte ein Weihnachtsbaum stehen, umwickelt mit braunem Luftschlangen, irgendwo auf der Park Avenue, und die Bäume im Central Park, ebenfalls mit Tonband umwickelt ... oder womit auch immer Christo sie orange umwickelt hat ... oder vielleicht nur der Weihnachtsbaum, unter dem Santa Thompson mit einem Gonzo-Geschenk für die Heldin der Geschichte stehen würde … Nein, in Judith Hermanns Text steht nichts davon, ebenso wenig wie das, was sich letztendlich beim Malen herauskristallisiert hat; in der Erzählung gibt es keine Schnörkel, sie ist prägnant und rührend: Der alte Mann kauft bei seinem Freund, einem Trödler, einen alten tragbaren Kassettenrekorder und schenkt ihn dem Mädchen zusammen mit all seinen alten Kassetten. Ich konnte mich irgendwie nicht zurückhalten und fragte Judith Hermann, ob der alte Hunter Thompson, der Protagonist der Erzählung, irgendetwas mit Hunter S. Thompson zu tun habe. Und ob sie H. S. T. in den USA tatsächlich getroffen habe. Sie schrieb, dass sie überrascht sei, dass ich sie das frage, und sogar, dass ich mir selbst solche Fragen stelle. „Natürlich lebt Hunter Thompson in New York“, schrieb sie weiter. – „Im Hotel ‚Washington Jefferson‘, Zimmer 93.“ Ich glaube, damals war ihr von mir übersetztes Buch auf Russisch noch nicht erschienen, aber die ebenfalls von mir übersetzte Erzählung „Hunter – Thompson – Musik“ war bereits in der Zeitschrift Khreschatyk publiziert worden. Und der gesamte Sammelband Sommerhaus, später erst viele Jahre darauf, im Jahr 2008 ... Vielleicht habe ich sie erst dann, nach ihrer Begegnung mit H. S. T., gefragt, ich kann mich nicht mehr genau erinnern … Und noch mal viele Jahre später habe ich dieses Bild gemalt und im Titel „Thomson“ geschrieben, also das „p“ weggelassen – einfach ein Schreibfehler, den ich korrigieren wollte ... und plötzlich fiel mir so etwas ein, ich hatte einen Verdacht, habe gegoogelt ... Und ja, es gibt oder gab tatsächlich eine solche Marke von Tonbandgeräten namens „Thomson“; vielleicht hat das Judith inspiriert – „Hunter – Thomson – Musik“ ... obwohl bei ihr „ThomPson" steht und ich damals nichts von einer solchen Marke wusste ... Ich habe gezeichnet, während ich mir, glaube ich, einen alten Grundig oder so etwas Ähnliches im Internet angesehen habe ... Ein solches Bild gab es übrigens auch, nur ohne Hunter S. Thompson, einfach eine Kassette, in die ein Bleistift gesteckt ist ... nein, genau, nicht gesteckt, sondern separat: Bleistift und Kassette ... Das konnte man zu Beginn der Pandemie im Internet sehen, die Bildunterschrift lautete: „Wenn Sie wissen, wie diese Gegenstände miteinander zusammenhängen, gehören Sie zur Risikogruppe!“
Man sollte Judith Hermann fragen, ob sie die Marke gemeint hat ... Aber nein, wozu diese dummen Fragen ... Übrigens hat ihre Antwort auf meine damalige Frage – dass Hunter Thompson in einem „Hotel-Hotel“ in New York wohnt, das sie in der Erzählung als Absteige oder Geisterhaus bezeichnet ... mich gerade daran erinnert, dass H. S. T. testamentarisch verfügt hatte, sein Haus über den Schornstein mit Flüssigglas zu füllen, aber meines Wissens wurde dies nicht umgesetzt.
Zurück zu meiner Wohnung: Ich konnte das Tonbandgerät nicht einschalten, nachdem ich unterwegs die Sendung des Bayerischen Rundfunks gehört hatte. Die Stereoanlage schaltete in den „Kassetten“-Modus um, aber es passierte nichts weiter; als ich auf „Play“ drückte, sah ich auf dem winzigen Display die Meldung: „ERR TO 01“. Ich versuchte, die Kassette herauszuholen, doch da stellte sich heraus, dass auch das unmöglich war – die Kassette war wie eingemauert. Hätte ich einen Schraubenzieher nehmen und die ... Türen zum Gedächtnis aufbrechen sollen? Stattdessen kam mir dieses Bild in den Sinn.
Ich war noch nie in Mali, habe aber im Internet Fotos von der Moschee in Djenné gesehen, der Rest ist Hintergrund ... Ach ja, die Figur auf dem Heizkörper stellt Puschkin auf einem Nilpferd dar; um nicht lange nachdenken zu müssen, habe ich dieses Motiv aus meinen Bildern genommen ... Das erste Bild, schwarzweiß, mit Filzstift auf Hochglanzpapier, hieß ursprünglich „Langsame Heimkehr“ ... aber dann habe ich es in „Mali“ umbenannt. Ja, einfach „Mali“ – in der Sprache der Bambara, einer der Hauptsprachen Malis, bedeutet das nichts anderes als „Nilpferd“, das hat mir derselbe K. eingeflüstert, der mir die Kassette geschenkt hatte, und mir gefiel das besser als das Augenzwinkern, die Betonung, der Hinweis auf Puschkins Wurzeln, ganz zu schweigen davon, dass Nilpferde sehr schnell sind ... Allerdings fiel mir jetzt ein, dass der Titel dort nicht ganz so lautete wie bei Handke, sondern „Die schwere Heimkehr“, und was die Wurzeln Puschkins angeht, so schien mir das schon in der Schule das Beste an seiner ganzen allzu leuchtenden Gestalt zu sein ... Und doch habe ich das Bild in „Mali“ umbenannt, so wurde es auch auf der Postkarte beschriftet, die Teil eines Sets war, das meine Freunde während der Pandemie zusammengestellt und gedruckt hatten und in durchsichtigen Umschlägen verschickten ... Ein anderes Bild entstand einige Jahre später, als die „Wagner“-Truppen nicht mehr in Mali, sondern in der Ukraine waren und dann doch nie bis nach Moskau vordrangen ... In dem Roman des „rot-braunen“ Schriftstellers P. werden sie, die Wagner-Leute, als „Puschkinisten“ bezeichnet ... Ja, dieses Bild werde ich wohl doch zeigen, obwohl ich die Anzahl der Bilder eigentlich minimieren wollte, damit sie den braven Text nicht vollständig verdecken – die Texte geraten ohnehin schon in den Schatten ...
Das Bild trägt den Titel: „In Sankt Petersburg haben Vandalen das Denkmal für A. S. Puschkin mit roter Farbe beschmiert.“
Kurz gesagt: Das Motiv der Figur auf der Heizung hat nichts mit dem Tonbandgerät zu tun ... Im Gegensatz zur Heizung selbst. Kaum jemand würde das Rätsel um den Zusammenhang dieser beiden Gegenstände lösen können, selbst das Bild am Ende dieses Textes wäre wohl kaum ein Hinweis, deshalb werde ich versuchen, in eigenen Worten wiederzugeben, was darauf zu sehen ist – sofern es mir gelingt und ich mich nicht in Details verliere ... Die Schule, die ich besuchte, befand sich in unmittelbarer Nähe einer „глушилка“, „Störstation“ – so nannte man in der UdSSR leistungsstarke Radiosender oder, genauer gesagt, Anti-Radiosender, die „feindliche Stimmen“ übertönten. Sie waren so leistungsstark, dass sie nicht nur Radioempfänger störten (statt des Radiosenders „Svoboda“, „BBC“ oder „Voice of America“ waren von dort nur laute Störgeräusche zu hören, die dem Heulen irgendwelcher Kreaturen glichen, eine Art höllisches Geheul), sondern auch andere Haushaltsgeräte wie das Tonbandgerät, das in diesem Feld nicht seine Magnetaufnahmen abspielte, sondern widerlich brummte. Vielleicht war durch dieses Brummen hindurch eine mikroskopische Musik zu hören ... Aber insgesamt ist klar, dass wir mit einer solchen musikalischen Untermalung keinen Abschlussball veranstalten konnten, der aufgrund der Umstände in jenem Jahr nicht im Gebäude der Schule Nr. 27, sondern in der Wohnung einer meiner Klassenkameradinnen stattfand. Dort versammelten wir uns mit der ganzen Klasse und zwei Lehrern für die Nacht; die anderen Lehrer gingen in andere Wohnungen, um mit anderen Klassen zu feiern. Die Wohnung lag nicht weit von der Schule und dementsprechend auch nicht weit vom Störsender-Turm entfernt. Den Tonbandrekorder hatte ich mitgebracht, obwohl ich selbst sehr weit entfernt wohnte, am anderen Ende der Stadt; der Weg zur Schule dauerte eineinhalb Stunden pro Strecke. Ich ging dorthin, weil es eine legendäre Mathematikschule war, obwohl sie offiziell als ganz normale Schule galt – das heißt, sie war sozusagen eine „Untergrund-Mathematikschule“, aus Gründen, auf die ich nicht näher eingehen möchte, denn dann würde ich mich sicher in den Details verlieren ... Also, ich wohnte sehr weit von dem Turm entfernt und kannte das Phänomen der brüllenden Tonbandgeräte nur vom Hörensagen; hätte ich es beim Abschlussball nicht selbst erlebt, würde ich es vielleicht jetzt noch nicht glauben, wenn ich es bei Google lesen würde, so wie es mir unglaublich erscheint, dass die ausgeschalteten Glühbirnen in den Häusern in der Nähe des Turmes weiter mit halber Glühkraft leuchteten ... Ich habe es nicht gesehen oder nicht bemerkt und kann es jetzt kaum glauben, dass wir in Nikola Teslas wahrgewordenem Traum gelebt haben ... Das habe ich selbst nicht gesehen, aber der Kassettenrekorder brüllte tatsächlich ununterbrochen ... Einer meiner Mitschüler hatte irgendwo gehört, dass der Rekorder wieder normal funktionieren würde, wenn man ihn an einen Heizkörper anschloss. Dabei bestand er darauf, dass man das Kabel nicht einfach auf den Heizkörper legen, sondern daran anlöten müsse. In Ellas Wohnung wusste man bis dahin nichts von diesem Problem, einfach weil es dort kein Tonbandgerät gab ... Aber dort fand sich ein Lötkolben, allerdings gab es unter uns niemanden, der schon einmal damit gearbeitet hat, Ellas Eltern waren weg ... Unser Elektronik-Experte war ebenfalls ein reiner Theoretiker, sodass dies für uns alle das erste Mal war, dass wir gelötet haben. Wir löteten abwechselnd, in der Hoffnung, dass vielleicht jemand von uns geschicktere Hände hätte ... Doch die Leitung fiel von der Lötstelle am Heizkörper jedes Mal wieder ab, so schnell, dass wir gar nicht mitbekamen, ob es tatsächlich half – vielleicht haftete unser Lot ja gar nicht ... Aber wir versuchten es beharrlich weiter, nacheinander, tropften dabei Kolophonium auf unsere neuen Anzüge ... Die Mädchen, die ungeduldig warteten, trugen Kleider, die speziell für den Abschlussball genäht worden waren; wir waren siebzehn Jahre alt, wir wollten tanzen ... Wir haben das Tonbandgerät letztendlich doch nicht an die Heizung gelötet, aber in meiner Erinnerung an den Abschlussball sind gerade diese endlosen Versuche der „Erdung“ haften geblieben. Erst jetzt, im Nachhinein, höre ich aus dem Magnetofon die Anklänge an Zeilen aus Liedern von Boris Grebenshikov (damals hatte ich ihn noch nicht gekannt, zum ersten Mal hörte ich ihn später an der Universität): „Wir sind in einem solchen Spannungsfeld aufgewachsen, in dem jedes Gerät sofort durchbrennt“ und „Um stehen zu können, muss ich mich an meinen Wurzeln festhalten“, so ungefähr ... Mein Tonbandgerät hieß „Маяк-202“ und „маяк“ bedeutet „Leuchtturm“.




