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Wasserzeichen

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Alle Bilder © Alexander Milstein

Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland, die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.

*

1.

„Mriya“. Das sind vier Seiten aus den Katalogen des ukrainischen Pavillons der Biennale von Venedig 2019. Man hat mir, als einem Teilnehmer, zwei Exemplare des Katalogs geschickt. Der Katalog enthält neben der Liste der Künstler zahlreiche Texte und Fotos, und am Ende habe ich leere Seiten für Notizen entdeckt, die ich gewissermaßen aus Gewohnheit vollgemalt habe. Die Gewohnheit bezieht sich natürlich nicht auf die Teilnahme an der Biennale, sondern auf das Zeichnen auf den schneeweißen Seiten, die ich oft am Ende von Büchern zeitgenössischer deutscher Autoren finde. „Bilder und Visionen aus einem gehörten Gesang“ – so lautete der Titel eines Referats, dessen Name auch zu meinen Zeichnungen an leeren Stellen fremder Bücher passt. Nun, dieses Mal handelte es sich nicht um Prosabände von Schriftstellern, sondern um Biennale-Kataloge, obwohl man einen Teil der Texte darin ebenfalls als Prosa bezeichnen könnte. Da man mich als Künstler an Bord geholt hat, habe ich eben meine eigenen Versionen der Visionen gemalt. Zwar habe ich rechts neben den Zeichnungen etwas geschrieben, aber wahrscheinlich nicht sehr leserlich, daher wiederhole ich es noch einmal: Am angegebenen Tag und zur angegebenen Uhrzeit der Eröffnung der Biennale von Venedig 2019 waren alle Blicke auf den Himmel gerichtet, in Erwartung des Erscheinens der ukrainischen „Mriya“. „Мрiя“ („Traum“) ist das größte Transportflugzeug der Welt. Made in Ukraine. Es sollte über die Giardini fliegen, eine Runde drehen, seinen riesigen Schatten werfen und wieder davonfliegen. An Bord sollte sich dabei eine Festplatte mit den Namen und Telefonnummern von etwa tausend ukrainischen Künstlern befinden. Ich fand mich im Katalog auf der ersten Seite der Liste wieder, einfach weil „Alexander“ mit „A“ beginnt und die Liste alphabetisch nach Vornamen sortiert war. In der Realität, in der wir leben und in der im selben Jahr 2019 die Pandemie ausbrach, flog das Flugzeug wegen Triebwerksproblemen nicht über die Giardini. Und am 27. Februar 2022, unmittelbar nach dem russischen Überfall, verbrannte die „Mriya“ am Boden, in ihrem Hangar während der Kämpfe um den Flughafen Hostomel (bei Kijiw).




2.

Ich hatte ganz vergessen, dass ich den Flug der „Mriya“ über den Giardini schon gezeichnet hatte, noch bevor das Märchen zum Mythos wurde, die Zeichnung datiert ja vom November 2018. Dabei wurden aus den italienischen „Gärten“ (Giardini) eine deutsche „Gardine“, und das bevorstehende Ereignis wurde für mich zu einem Muster auf der Gardine. Und auf dem Radarbildschirm. Der grüne Hintergrund erinnert auch daran, dass es sich doch um Gärten handelt und dass ich irgendwo dort in diesem Netz in einem längst vergangenen Jahr eingeschlafen bin. Nein, nicht in einer Hängematte, sondern auf einer Bank. Die Biennale fand in jenem Jahr nicht statt oder hatte noch nicht begonnen, und wir sind einfach so in die Giardini geschlendert; ich erinnere mich an keine Pavillons dort, nur an diese Bänke und an das Essen, das wir unterwegs in einem Laden gekauft hatten: Oliven, Käse, Tomaten, Salami, Baguette und Rotwein.

3.

Alle meine Besuche in Venedig waren auf ihre Weise gespenstisch. Den bislang letzten habe ich bereits beschrieben – oder genauer gesagt, gezeichnet. Ich möchte nur noch hinzufügen, dass er in den darauffolgenden strengen Lockdown fiel, als bereits alles geschlossen hatte, in der Geisterstadt nirgends Menschen zu sehen waren und in den Kanälen Delfine schwammen.

Und meine erste Reise in diese Stadt fand in einem anderen Jahrhundert statt, als es noch Mark und Lira gab; die Banknoten zusammen mit der Handlung gaben mir den Anstoß für eine Kurzgeschichte mit meinem in der Luft schwebenden Avatar und dem Blick auf Venedig, der sich ihm durch ein Loch in der Tasche eröffnete:

Nachts im Zug wachte ich auf und sah einen Mann, der auf der unteren Liege saß. 

Ich lag ebenfalls auf der unteren Liege, allerdings auf einer anderen. 

Der Mann saß im Dunkeln, aber ich konnte ihn sehen, wahrscheinlich weil Lichter am Fenster vorbeihuschten.

„Was machen Sie hier?“, fragte ich. 

„Ich setze mich nur fünf Minuten hin und gehe dann wieder“, sagte er.

So ruhig und beiläufig, dass ich mich zur Wand drehte und schon wieder in den Schlaf gleiten wollte, aber an etwas Seltsamem hängen blieb und nicht sofort einschlief, weil mir der Gedanke kam, dass jemand illegal die Grenze überqueren wollte und sich deshalb in unserem Abteil vor den Grenzbeamten versteckte – na gut. Aber welche Grenze überhaupt?! Ja – fiel es mir plötzlich ein. – Es gibt schon lange keine Grenzen mehr!

Ich wandte mich von der Wand ab, stützte mich auf meinen Ellbogen und sagte:

„Verschwinden Sie.“ 

Daraufhin sprach der Fremde so, wie man Kinder in den Schlaf singt:

„Machen Sie sich keine Sorgen. Schlafen Sie ruhig. Es gibt kein Problem. Alles ist ruhig. Alles friedlich. Ich bleibe noch fünf Minuten hier und gehe dann. Nur fünf Minuten. Dann gehe ich. Fünf Minuten. Schlafen Sie ruhig schon weiter. Alles ist in Ordnung.“ 

„Raus hier“, sagte ich. „Verschwinden Sie sofort!“

Nachdem ich das zum dritten Mal wiederholt hatte, stand der Fremde auf, richtete sich auf, zog an seinem Sakko oder seiner Jacke und erwiderte mit gekränkter Stimme: „Na gut, dann gehe ich eben.“ 

Danach schlief ich sofort ein.

Am Morgen lag an der Stelle, an der er gesessen hatte, meine aufgeschlagene Geldbörse. Sie war leer. Die nächtliche Gestalt grinste mich an aus der Dunkelheit des Portmonees, wo sich vorher meine Geldscheine befunden hatten. 

Alle anderen (wir reisten zu viert) schliefen auf den mittleren und oberen Liegen und blieben verschont; sie hatten überhaupt nichts bemerkt. 

Es gab sechs Liegen im Abteil. 

Danach sagte ich, ich würde sofort zurückfahren, ohne den Bahnhof überhaupt erst zu verlassen. 

So sehr ärgerte mich dieser Diebstahl – so etwas war mir noch nie im Leben passiert.

Schließlich bin ich schon so oft mit dem Zug gefahren, ein nicht unerheblicher Teil meines Lebens ist im Rhythmus des Ratterns der Räder auf den Gleisen vergangen, und noch nie wurde mir etwas gestohlen. 

Na ja, die Tür des sowjetischen Abteils war im Vergleich zu der italienischen Sperrholztür eher eine Klappe wie bei einem Bunker oder einem Tresor, und selbst diese Sperrholztür ließ sich hier nicht richtig schließen. 

Als ich dem Schaffner den Diebstahl meldete, sagte er, wir hätten das Abteil abschließen müssen. 

Er zeigte mir die Hinweise für Fahrgäste, die ich bereits gesehen hatte – ein solcher Zettel lag auch auf unserem Tisch. 

Daraufhin sagte ich, dass sich der Riegel in unserem Abteil nicht schließen ließ, da er kaputt war; der Schaffner zuckte mit den Schultern und meinte, ich könne mich an die Polizei wenden, wenn ich wolle. 

Damit war die Angelegenheit erledigt. 

Ich konnte mir keinen Kriminalbeamten vorstellen, der der Spur des nächtlichen Gastes in gleich drei Ländern nachgehen würde – in Deutschland, Österreich, Italien … 

Nicht einmal in einem einzigen davon. 

Die Entscheidung, sofort zurückzufahren, ohne auch nur einen Blick auf die Stadt zu werfen, ohne zwischen den beiden Zügen wenigstens ein paar Stunden durch sie spazieren zu gehen, war idiotisch. 

Als ob ich wütend auf die Stadt wäre. 

Als ob die Stadt selbst sich nachts in das Abteil geschlichen und mir das Geld gestohlen hätte, das ich ohnehin für sie ausgeben wollte. 

Meine Reisegefährten und -gefährtinnen überredeten mich zu bleiben. 

Zunächst überzeugten sie mich, das Bahnhofsgebäude zu verlassen. 

Wir setzten uns in eine Pizzeria, ich bestellte eine „Siciliana“, und der Kellner rief aus: 

„Die richtige Wahl! Welche möchtest du, die Sechzehnjährige? Oder die Siebzehnjährige?“

Ich glaube, er sagte das auf Italienisch, aber einer von uns beherrschte die italienische Sprache recht gut und übersetzte für uns. 

Als ich das Hotel verließ, dämmerte es bereits, und es regnete leicht. 

Ich glaube, es war Anfang April. 

„Könnt ihr mir sagen, wie ich zum Meer komme?“, fragte ich eine Gruppe einheimischer Jugendlicher. 

Meine Frage amüsierte sie außerordentlich, als sie merkten, dass sie sich nicht verhört hatten. 

„Da ist es doch!“, riefen sie, zeigten auf das Wasser des Kanals und schrien einander zu: „Hast du das gehört, er will zum Meer!“ – und sagten lachend wieder zu mir: „Aber bei uns ist das Meer überall!“

„Nein“, sagte ich. „Das meine ich nicht. Ich möchte dorthin hinaus, wo das offene Meer ist. Das große Wasser“, sagte ich und breitete die Arme aus, woraufhin sie noch lauter lachten. 

„Da ist es ja! Da ist das Meer!“ 

Bis ein Mädchen ihren Freunden winkte und mir dann mit derselben Hand die Richtung zeigte: „Da drüben.“