Pingpongothek
Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland, die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
*
1.
„Putisch ist kein Fetisch!“ – Putisch steht auf drei Elefantenbeinen an einem der Eingänge zum „House of Communication“, einem dreiteiligen Bürogebäude, das sich vom Ostbahnhof in südöstlicher Richtung erstreckt. Jahrelang habe ich ihn, Putisch, nicht bemerkt, wenn ich daran vorbeifuhr. Doch seitdem ich von ihm erfahren habe, sehe ich ihn jedes Mal aus dem Augenwinkel eines Radfahrers, und manchmal, in der Dämmerung, bilde ich mir ein, irgendwelche Gegenstände oder Wesen auf ihm zu erkennen. Manchmal bilde ich mir das nicht nur ein – vor einem Monat bin ich zufällig auf ein weiteres Konzert gestoßen. Der Schöpfer von Putisch ist der Aktionskünstler Tommy Schmidt (in der Presse gab es zahlreiche Veröffentlichungen, man muss nur
„Putisch“ eingeben). Tischtennis wurde dort anscheinend bisher noch nicht gespielt, auf Schlittschuhen wurde nicht gelaufen, aber ansonsten … was hat man dort nicht alles gemacht, abgesehen von Musik, man hat Kartoffeln geschält und … (siehe Presse). Ich habe zwei Konzerte von Elektronik-Musikern miterlebt, eines davon (zu dem ich eine Einladung erhalten hatte und so zum ersten Mal von Putisch erfuhr; ich konnte es lange nicht finden, selbst als ich schon am Eingang zum „Haus der Kommunikation“ stand, ich fragte Leute, die dort herauskamen, was ist „Putisch”, und sie wussten es nicht), fand wegen eines Regengusses größtenteils unter dem Dach des „Hauses der Kommunikation“ statt, in der Eingangshalle, und auf dem Putisch sang damals nur Stephanie Meyer unter einem Regenschirm ins Megafon. Als ich jetzt gegoogelt habe, habe ich erfahren, dass Putisch im Februar 2022 entstanden ist, ich weiß nicht, ob vor oder nach Kriegsbeginn. „Knock knock. War‘s where! Which war?“ Danach richtete ich meinen Blick auf mein Bild, und plötzlich rief das Pingpong im Hintergrund mir einen Clip in Erinnerung, in dem zwei Frauen spielen, und statt eines Balls haben sie eine Handgranate, deren Sicherungsstift mit den Zähnen abgerissen wurde. Der fünfzehn Jahre alte Clip ist düster, er ist zu gut gemacht, ich habe nie herausgefunden, von wem er stammt, aber ich habe ihn auf YouTube unter dem Titel „Ping Pong Grenade“ gefunden.
Im Vordergrund des Bildes ist eigentlich dasselbe zu sehen, was ich aus dem Augenwinkel bemerkt habe, als ich neulich nachts an Putisch vorbeifuhr. Ja, so eine kleine Figur, kleiner als ein Gartenzwerg, die auf Schlittschuhen über eine sechs Meter lange Bahn glitt; nach hundert Metern fiel mir „The Skating Minister“ von Henry Raeburn ein, also Reverend Robert Walker, der demjenigen ähnelt, dessen Namen ich nicht aussprechen und den ich auch nicht noch einmal malen möchte, so dass ich hier weder eine Ähnlichkeit mit dem Original aus dem 18. Jahrhundert noch mit dessen heutiger blasser Kopie anstreben wollte.
2.
„Und in welchem Gefängnis habt ihr beiden so gut spielen gelernt?“ fragten mich nach ein paar Partien die Männer, die mit Tätowierungen übersät waren und auf die mein Kumpel schon vor dem Doppel hingewiesen hatte. Er hatte das wohl zuvor in einem Film gesehen, in dem es um deutsche Tattoos ging.
Ich musste lachen, aber ich weiß nicht mehr genau, ob ich ihnen den Namen meines ersten Forschungsinstituts genannt habe, das NIIGidroprivod, in dem ich so gut Tischtennis gelernt habe … Ja, ich glaube, ich habe diese Buchstaben ausgesprochen, und sie waren noch mehr überrascht: „Und wo ist das denn?“, und erst dann sagte ich: „Forschungsinstitut“, woraufhin sie noch erstaunter wiederholt haben: „Vorsprungs-Institut?“
Aber die exotischsten Gegner an jenem Tisch am Ufer des Lerchenauer Sees waren nicht sie, sondern die Mitarbeiter der Leichenhalle. Ich erinnere mich, dass sie Wodka tranken wie Wasser (ich dachte zunächst, sie hätten Wasser in Wodkaflaschen, bis sie mir einen Schluck anboten), sie waren mit Ketten und Armbändern behängt, das Gold schmolz vor Hitze und lief an ihren Körpern herunter, die völlig weiß waren, was bei dieser Sonne schon gar kein Rätsel mehr war, sondern eine Lösung des Rätsels. Es handelte sich natürlich keineswegs um Leichenhausangestellte, wie sie uns erzählten, sondern um dessen Bewohner, die vorübergehend geflohen waren, bereits in Alkohol eingelegt und einbalsamiert, dort gibt es so eine besondere Art von Dienstleistungen … mein alter Freund und ich kamen schließlich zu diesem Schluss, was uns nicht hinderte, sondern vielleicht sogar half, wenigstens eine Partie gegen sie zu gewinnen, obwohl sie übermenschlich stark spielten und die meisten Partien gewannen, wobei die erste Partie für uns fast mit einem „Zu-Null-Sieg“ endete.
3.
„So begann der Krieg zwischen Elfen und Drohnen.“ Diese Zeichnung entstand 2016, und noch im selben Jahr gab ich ihr – bei all ihrer friedlichen Unbeschwertheit – diesen Titel. Bald wurde daraus der Titel eines Drohnen-Zyklus, das im Laufe der Jahre (aber all das vor dem Krieg) immer wieder ergänzt wurde: Don Quijote, der auf der Windradgondel steht und mit seinem Speer die Windkraftanlagen gegen einen Schwarm Drohnen verteidigt; ein friedlicher Gartenzwerg, der gezwungen ist, nicht nur seinen Gemüsegarten von Bärenklau, sondern auch den Himmel darüber von Drohnen zu befreien; ein Schahed-Reiter, der auf einer Drohne reitet und gegen einen riesigen, KI-Wolpertinger kämpft; Münchner Genies des Ortes, solche Gartenzwerg-Giganten des Denkens, die auf einer ConferenceBike-Drohne zum Friedensengel aufgestiegen sind, der ebenfalls mit einem Speer bewaffnet ist, usw.
4. (Dies ist ein Auszug aus der Erzählung „Die Delle“ aus dem Buch Schule der Kybernetik; hier im
Original):
„Blake sagte, der kleine Mann rufe uns in seine Gemächer. Erst nachdem ich zugestimmt hatte, flüsterte Blake mir ins Ohr, dass er mich nur so geködert habe, in Wirklichkeit sei der Stern erloschen. Erloschene Sterne verwandeln sich in Weiße Zwerge, die trotz ihrer geringen Größe eine enorme Masse besitzen und den Raum noch stärker krümmen, als es der Stern tat. Plötzlich war keine Menschenmenge mehr um uns herum, all das spielte sich irgendwo weit entfernt auf der linken Seite ab, und wir verließen ungehindert den Saal. Im Flur herrschte Halbdunkel, es roch muffig, von der Party hinter der Wand war nur noch Wummern zu hören. Der Weiße Zwerg führte uns zu einer gepanzerten Tür, an der ein Schild mit der Aufschrift „Leslie Grove“ hing. „Ich war schon einmal bei Ihnen“, sagte ich, „ich habe Ihnen die Dias dagelassen.“ Der Weiße Zwerg lachte. „Leslie Grove – das bin nicht ich“, sagte er. Ich wollte das Gespräch fortsetzen, um zu verstehen, inwiefern er nicht er selbst war, es gibt Doppelsterne … aber sie fingen an, mit Blake über Immobilienpreise in Südengland zu sprechen, und ich ging zum Tisch hinüber und betrachtete die Buchcover. Der Vielfalt nach zu urteilen, besaß der Weiße Zwerg einen weiten Horizont, zumindest was seine Freizeit betrifft. Plötzlich fasste er sich an den Kopf und sagte, er hätte fast vergessen, in der Menge eine Person zu suchen. Er bat uns zu warten. Als wir zu zweit waren, sagte Blake, dass der Weiße Zwerg (jetzt nannte er ihn Michael) nicht Leslie Grove sei. Er habe kürzlich mit ihr die Ateliers getauscht, sei aber noch nicht umgezogen. Ich hatte selbst schon gesehen, dass es ein anderer Bunker war. Neben dem Schreibtisch stand hier noch eine Tischtennisplatte. Er war an die Wand geschoben. Ich wollte Blake fragen, ob er Leslie Grove kenne, dachte mir aber, dass es besser sei, mit dem Weißen Zwerg selbst darüber zu sprechen. Ich wollte nicht, dass es im Falle eines Falles … Ich wollte Blake nicht noch für etwas anderes verpflichtet sein. Ich fragte ihn, womit genau dieser Mann glänze oder bis vor kurzem geglänzt habe.
„Ach so“, zögerte Blake, „von allem ein bisschen … Tischtennis-Meister – siehst du, er spielt auch hier so eine Art Mini-Squash. Er ist ein guter Freund. Hinter ihm ist man wie hinter einer Steinmauer“, Blake lachte, „übrigens, willst du nicht spielen? Dann schauen wir mal, wo die Schläger sind.“
Die Schläger lagen in der Schreibtischschublade. Wir schoben die Tischtennisplatte von der Wand weg, versuchten zu spielen, aber Blake konnte keinen einzigen Aufschlag annehmen.
„Bei diesem Licht geht das nicht“, sagte er.
Wir tauschten Plätze, aber das half nichts, Blake sah den Ball nicht. Das Licht war tatsächlich schlecht, von den drei Neonröhren war nur eine eingeschaltet, und die flackerte. Offensichtlich reichte dem Weißen Zwerg eine Schreibtischlampe. Blake ging zum Tisch und schaltete sie ein, aber das brachte wenig, dafür kam Blake plötzlich eine Idee. Er schnappte sich die Baseballkappe mit der Aufschrift „Woodstock-Broker“, die oben auf dem Bücherstapel lag, setzte sie sich auf und rannte zum Tischtennistisch.
„Aufschlag“, sagte Blake, „jetzt ist alles in Ordnung. Der Schirm verhindert Reflexionen.“
Wir begannen zu spielen und nach etwa fünf Minuten Aufwärmen spielten wir schon um Punkte.
Am Ende hatten wir Punktegleichstand, und es begann die Satzverlängerung. Um zu siegen, musste einer von beiden zwei Aufschlagspiele hintereinander gewinnen – sein eigenes und das des Gegners. Ab da wurde es seltsam: Mal gewann ich, mal Blake, und so wiederholte es sich eine Stunde lang.
Ich wollte nachgeben, aber es gelang mir nicht: Ich hatte keine Kontrolle über meine Bewegungen. Die Zeit verging oder stand still, und wir tanzten um den Tisch herum. Als Kind hatte ich solche Spielzeuge: Hühner, die abwechselnd nach Hirse pickten, Holzfäller, die auf einen Baumstamm schlugen. Alles aus Holz.
Die Neonlampe flackerte wie ein Stroboskop. Bei einem der Lichtblitze sah ich, wie Blake beim Abwehren unabsichtlich sich selbst den Schläger ins Gesicht schlug. Der Schläger fiel auf den Boden, gefolgt von seiner Brille. Blake stand gebückt da und presste die Hand auf seine Augen. Ich ging um den Tisch herum und hob die Brille auf. Ein Glas war in tausend Stücke zerbrochen, das andere hatte einen Riss.
Der diensthabende Arzt in der Klinik, in die ich Blake gebracht hatte, entfernte sechs Splitter aus seinem Auge.
Seine Augen müssen tatsächlich härter sein als Glas, weil der Arzt sagte, dass die Hornhaut keinen einzigen Kratzer aufweise.“
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Der 1963 in Charkiw geborene Schriftsteller und bildende Künstler Alexander Milstein lebt seit 1995 in München. Er hat acht Bücher mit Prosa veröffentlicht, die Hälfte davon in Russland, die andere Hälfte in der Ukraine, wo 2017 das Buch Pjatipol erscheint. Darin sind neben Texten erstmals Bilder des Autors zu sehen. Seine Malerei bezieht sich teilweise auf seine literarischen Werke.
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1.
„Putisch ist kein Fetisch!“ – Putisch steht auf drei Elefantenbeinen an einem der Eingänge zum „House of Communication“, einem dreiteiligen Bürogebäude, das sich vom Ostbahnhof in südöstlicher Richtung erstreckt. Jahrelang habe ich ihn, Putisch, nicht bemerkt, wenn ich daran vorbeifuhr. Doch seitdem ich von ihm erfahren habe, sehe ich ihn jedes Mal aus dem Augenwinkel eines Radfahrers, und manchmal, in der Dämmerung, bilde ich mir ein, irgendwelche Gegenstände oder Wesen auf ihm zu erkennen. Manchmal bilde ich mir das nicht nur ein – vor einem Monat bin ich zufällig auf ein weiteres Konzert gestoßen. Der Schöpfer von Putisch ist der Aktionskünstler Tommy Schmidt (in der Presse gab es zahlreiche Veröffentlichungen, man muss nur
„Putisch“ eingeben). Tischtennis wurde dort anscheinend bisher noch nicht gespielt, auf Schlittschuhen wurde nicht gelaufen, aber ansonsten … was hat man dort nicht alles gemacht, abgesehen von Musik, man hat Kartoffeln geschält und … (siehe Presse). Ich habe zwei Konzerte von Elektronik-Musikern miterlebt, eines davon (zu dem ich eine Einladung erhalten hatte und so zum ersten Mal von Putisch erfuhr; ich konnte es lange nicht finden, selbst als ich schon am Eingang zum „Haus der Kommunikation“ stand, ich fragte Leute, die dort herauskamen, was ist „Putisch”, und sie wussten es nicht), fand wegen eines Regengusses größtenteils unter dem Dach des „Hauses der Kommunikation“ statt, in der Eingangshalle, und auf dem Putisch sang damals nur Stephanie Meyer unter einem Regenschirm ins Megafon. Als ich jetzt gegoogelt habe, habe ich erfahren, dass Putisch im Februar 2022 entstanden ist, ich weiß nicht, ob vor oder nach Kriegsbeginn. „Knock knock. War‘s where! Which war?“ Danach richtete ich meinen Blick auf mein Bild, und plötzlich rief das Pingpong im Hintergrund mir einen Clip in Erinnerung, in dem zwei Frauen spielen, und statt eines Balls haben sie eine Handgranate, deren Sicherungsstift mit den Zähnen abgerissen wurde. Der fünfzehn Jahre alte Clip ist düster, er ist zu gut gemacht, ich habe nie herausgefunden, von wem er stammt, aber ich habe ihn auf YouTube unter dem Titel „Ping Pong Grenade“ gefunden.
Im Vordergrund des Bildes ist eigentlich dasselbe zu sehen, was ich aus dem Augenwinkel bemerkt habe, als ich neulich nachts an Putisch vorbeifuhr. Ja, so eine kleine Figur, kleiner als ein Gartenzwerg, die auf Schlittschuhen über eine sechs Meter lange Bahn glitt; nach hundert Metern fiel mir „The Skating Minister“ von Henry Raeburn ein, also Reverend Robert Walker, der demjenigen ähnelt, dessen Namen ich nicht aussprechen und den ich auch nicht noch einmal malen möchte, so dass ich hier weder eine Ähnlichkeit mit dem Original aus dem 18. Jahrhundert noch mit dessen heutiger blasser Kopie anstreben wollte.
2.
„Und in welchem Gefängnis habt ihr beiden so gut spielen gelernt?“ fragten mich nach ein paar Partien die Männer, die mit Tätowierungen übersät waren und auf die mein Kumpel schon vor dem Doppel hingewiesen hatte. Er hatte das wohl zuvor in einem Film gesehen, in dem es um deutsche Tattoos ging.
Ich musste lachen, aber ich weiß nicht mehr genau, ob ich ihnen den Namen meines ersten Forschungsinstituts genannt habe, das NIIGidroprivod, in dem ich so gut Tischtennis gelernt habe … Ja, ich glaube, ich habe diese Buchstaben ausgesprochen, und sie waren noch mehr überrascht: „Und wo ist das denn?“, und erst dann sagte ich: „Forschungsinstitut“, woraufhin sie noch erstaunter wiederholt haben: „Vorsprungs-Institut?“
Aber die exotischsten Gegner an jenem Tisch am Ufer des Lerchenauer Sees waren nicht sie, sondern die Mitarbeiter der Leichenhalle. Ich erinnere mich, dass sie Wodka tranken wie Wasser (ich dachte zunächst, sie hätten Wasser in Wodkaflaschen, bis sie mir einen Schluck anboten), sie waren mit Ketten und Armbändern behängt, das Gold schmolz vor Hitze und lief an ihren Körpern herunter, die völlig weiß waren, was bei dieser Sonne schon gar kein Rätsel mehr war, sondern eine Lösung des Rätsels. Es handelte sich natürlich keineswegs um Leichenhausangestellte, wie sie uns erzählten, sondern um dessen Bewohner, die vorübergehend geflohen waren, bereits in Alkohol eingelegt und einbalsamiert, dort gibt es so eine besondere Art von Dienstleistungen … mein alter Freund und ich kamen schließlich zu diesem Schluss, was uns nicht hinderte, sondern vielleicht sogar half, wenigstens eine Partie gegen sie zu gewinnen, obwohl sie übermenschlich stark spielten und die meisten Partien gewannen, wobei die erste Partie für uns fast mit einem „Zu-Null-Sieg“ endete.
3.
„So begann der Krieg zwischen Elfen und Drohnen.“ Diese Zeichnung entstand 2016, und noch im selben Jahr gab ich ihr – bei all ihrer friedlichen Unbeschwertheit – diesen Titel. Bald wurde daraus der Titel eines Drohnen-Zyklus, das im Laufe der Jahre (aber all das vor dem Krieg) immer wieder ergänzt wurde: Don Quijote, der auf der Windradgondel steht und mit seinem Speer die Windkraftanlagen gegen einen Schwarm Drohnen verteidigt; ein friedlicher Gartenzwerg, der gezwungen ist, nicht nur seinen Gemüsegarten von Bärenklau, sondern auch den Himmel darüber von Drohnen zu befreien; ein Schahed-Reiter, der auf einer Drohne reitet und gegen einen riesigen, KI-Wolpertinger kämpft; Münchner Genies des Ortes, solche Gartenzwerg-Giganten des Denkens, die auf einer ConferenceBike-Drohne zum Friedensengel aufgestiegen sind, der ebenfalls mit einem Speer bewaffnet ist, usw.
4. (Dies ist ein Auszug aus der Erzählung „Die Delle“ aus dem Buch Schule der Kybernetik; hier im
Original):
„Blake sagte, der kleine Mann rufe uns in seine Gemächer. Erst nachdem ich zugestimmt hatte, flüsterte Blake mir ins Ohr, dass er mich nur so geködert habe, in Wirklichkeit sei der Stern erloschen. Erloschene Sterne verwandeln sich in Weiße Zwerge, die trotz ihrer geringen Größe eine enorme Masse besitzen und den Raum noch stärker krümmen, als es der Stern tat. Plötzlich war keine Menschenmenge mehr um uns herum, all das spielte sich irgendwo weit entfernt auf der linken Seite ab, und wir verließen ungehindert den Saal. Im Flur herrschte Halbdunkel, es roch muffig, von der Party hinter der Wand war nur noch Wummern zu hören. Der Weiße Zwerg führte uns zu einer gepanzerten Tür, an der ein Schild mit der Aufschrift „Leslie Grove“ hing. „Ich war schon einmal bei Ihnen“, sagte ich, „ich habe Ihnen die Dias dagelassen.“ Der Weiße Zwerg lachte. „Leslie Grove – das bin nicht ich“, sagte er. Ich wollte das Gespräch fortsetzen, um zu verstehen, inwiefern er nicht er selbst war, es gibt Doppelsterne … aber sie fingen an, mit Blake über Immobilienpreise in Südengland zu sprechen, und ich ging zum Tisch hinüber und betrachtete die Buchcover. Der Vielfalt nach zu urteilen, besaß der Weiße Zwerg einen weiten Horizont, zumindest was seine Freizeit betrifft. Plötzlich fasste er sich an den Kopf und sagte, er hätte fast vergessen, in der Menge eine Person zu suchen. Er bat uns zu warten. Als wir zu zweit waren, sagte Blake, dass der Weiße Zwerg (jetzt nannte er ihn Michael) nicht Leslie Grove sei. Er habe kürzlich mit ihr die Ateliers getauscht, sei aber noch nicht umgezogen. Ich hatte selbst schon gesehen, dass es ein anderer Bunker war. Neben dem Schreibtisch stand hier noch eine Tischtennisplatte. Er war an die Wand geschoben. Ich wollte Blake fragen, ob er Leslie Grove kenne, dachte mir aber, dass es besser sei, mit dem Weißen Zwerg selbst darüber zu sprechen. Ich wollte nicht, dass es im Falle eines Falles … Ich wollte Blake nicht noch für etwas anderes verpflichtet sein. Ich fragte ihn, womit genau dieser Mann glänze oder bis vor kurzem geglänzt habe.
„Ach so“, zögerte Blake, „von allem ein bisschen … Tischtennis-Meister – siehst du, er spielt auch hier so eine Art Mini-Squash. Er ist ein guter Freund. Hinter ihm ist man wie hinter einer Steinmauer“, Blake lachte, „übrigens, willst du nicht spielen? Dann schauen wir mal, wo die Schläger sind.“
Die Schläger lagen in der Schreibtischschublade. Wir schoben die Tischtennisplatte von der Wand weg, versuchten zu spielen, aber Blake konnte keinen einzigen Aufschlag annehmen.
„Bei diesem Licht geht das nicht“, sagte er.
Wir tauschten Plätze, aber das half nichts, Blake sah den Ball nicht. Das Licht war tatsächlich schlecht, von den drei Neonröhren war nur eine eingeschaltet, und die flackerte. Offensichtlich reichte dem Weißen Zwerg eine Schreibtischlampe. Blake ging zum Tisch und schaltete sie ein, aber das brachte wenig, dafür kam Blake plötzlich eine Idee. Er schnappte sich die Baseballkappe mit der Aufschrift „Woodstock-Broker“, die oben auf dem Bücherstapel lag, setzte sie sich auf und rannte zum Tischtennistisch.
„Aufschlag“, sagte Blake, „jetzt ist alles in Ordnung. Der Schirm verhindert Reflexionen.“
Wir begannen zu spielen und nach etwa fünf Minuten Aufwärmen spielten wir schon um Punkte.
Am Ende hatten wir Punktegleichstand, und es begann die Satzverlängerung. Um zu siegen, musste einer von beiden zwei Aufschlagspiele hintereinander gewinnen – sein eigenes und das des Gegners. Ab da wurde es seltsam: Mal gewann ich, mal Blake, und so wiederholte es sich eine Stunde lang.
Ich wollte nachgeben, aber es gelang mir nicht: Ich hatte keine Kontrolle über meine Bewegungen. Die Zeit verging oder stand still, und wir tanzten um den Tisch herum. Als Kind hatte ich solche Spielzeuge: Hühner, die abwechselnd nach Hirse pickten, Holzfäller, die auf einen Baumstamm schlugen. Alles aus Holz.
Die Neonlampe flackerte wie ein Stroboskop. Bei einem der Lichtblitze sah ich, wie Blake beim Abwehren unabsichtlich sich selbst den Schläger ins Gesicht schlug. Der Schläger fiel auf den Boden, gefolgt von seiner Brille. Blake stand gebückt da und presste die Hand auf seine Augen. Ich ging um den Tisch herum und hob die Brille auf. Ein Glas war in tausend Stücke zerbrochen, das andere hatte einen Riss.
Der diensthabende Arzt in der Klinik, in die ich Blake gebracht hatte, entfernte sechs Splitter aus seinem Auge.
Seine Augen müssen tatsächlich härter sein als Glas, weil der Arzt sagte, dass die Hornhaut keinen einzigen Kratzer aufweise.“




