Wolfgang Bächler zum 101. Geburtstag
Trotz ihrer Verdrängung aus dem Lesergedächtnis gehören die Gedichte von Wolfgang Bächler zu den schönsten deutschsprachigen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit diesem Text von Verena Nolte, der zuerst 2005 in der Neuen Rundschau erschien, erinnert das Literaturportal Bayern an den Münchner Schriftsteller. Wolfgang Bächler wäre, am kommenden 22. März 2026, 101 Jahre alt geworden.
*
Die Pistole, die ich mir an die Schläfe hielt, war mit Scheiße geladen.
Ich schoß mir die Welt durch den Kopf
(aus: „Nachtleben“)
Ende der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts kreuzten sich eines Nachmittags, durch Zufall und für wenige Stunden nur, die Wege zweier Dichter, der jüngere weltberühmt, der ältere nahezu vergessen. Auf dem Parkplatz in dem kleinen österreichischen Wolfsegg stand Thomas Bernhard unter den Zuschauern, als ein dunkelgrüner Golf aus München mit einem schwierigen Parkmanöver Aufsehen erregte. Wen sie da bei sich habe, fragte er die glücklich eingeparkte Fahrerin. In Wirklichkeit hatte er Wolfgang Bächler schon erkannt. Dem sei er seit dreißig Jahren nicht mehr begegnet, habe Bernhard ausgerufen und die eben Eingetroffenen ins nahe Gasthaus eingeladen, wo er mit seinem Bruder und einem Freund zu Abend essen wollte. Bächler, nach diesem Zusammentreffen befragt, erinnert sich nicht mehr, worüber gesprochen wurde. Die Freundin erzählt, man habe die richtige Zubereitung gebratener Knackwürste erörtert, dass es wichtig sei, sie dreimal schräg einzuschneiden, bevor man sie briet und so weiter. Das verwundert nicht, denn beide Dichter legten zeitlebens Wert auf gutes Essen. Ein weiteres Thema sei die Farbe Dunkelgrün gewesen. Anlass dazu gaben der dunkelgrüne Golf und der ebenso grüne Pullover, den Bernhard, in ständiger Furcht vor Erkältungen, über die Schultern geworfen hatte. Meine Lieblingsfarbe, kommentierte er, weshalb auch der Buchumschlag seines letzten Romans, in dem Wolfsegg eine gewisse Rolle spielt, genau dieses Dunkelgrün erhalten habe.
Woher Bernhard Bächler kannte, können wir ihn nicht mehr fragen. Aber wir wissen, dass Wolfgang Bächler in den Fünfzigerjahren ein viel genannter und gelesener Dichter war. Es ist anzunehmen, dass Bernhard, der 1950 beim Erscheinen von Bächlers erstem Gedichtband Die Zisterne wegen einer Tuberkulose und erst neunzehnjährig in der Lungenheilanstalt Grafenhof eingewiesen war, wenn nicht dort, so doch bald danach, diese schwarz eingebundenen Gedichte in die Hände fielen. Und könnten seine frühen Gedichte in Die Irren. Die Häftlinge nicht im Dialog mit Bächlers Lyrik entstanden sein? In jedem Fall ist beiden die lebenslängliche Krankheit gemeinsam und der sprachliche Aufstand gegen Heuchelei und Verlogenheit. Nicht zu vergessen der Humor.
Wolfgang Bächler, am 22. März 1925 in Augsburg geboren, hatte früh Anerkennung. Die großen Väter, Thomas Mann und Gottfried Benn, setzten ihre Hoffnung in ihn. Er wird als jüngstes Gründungsmitglied der Gruppe 47 bezeichnet, was wohl zutrifft, wenn man von einer Gründung überhaupt sprechen kann. Hans Werner Richter sah sich eher als Gastgeber, der die Schriftsteller jedes Mal selbst und nach seinem Gusto einlud.
Bächler war, man kann sich darüber nur verwundern, als Dichter aus Krieg, Verletzung und Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Große, heute scheinbar vergessene, Gedichte wie Die Erde bebt noch oder Jugend der Städte verdanken wir ihm. Später, nachdem er die Lyrik von Trakl, Heym und Benn kennengelernt hatte, in deren Nachfolge er ungeahnt stand, erschienen ihm seine frühen Gedichte „zu konventionell, zu romantisch, zu glatt und klingend gereimt“.[1] Bächler studierte Germanistik, Romanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in München. „Es war die Zeit der überfüllten, fensterlosen Hörsäle, der geborstenen Fassaden, der hässlichen kalten Buden und der heißen Diskussionen und schönen Illusionen, die Zeit, in der wir zwar nicht die Welt, aber Deutschland verändern wollten. Es waren die Jahre der kleinen Fettrationen und der großen neuen Theater- und Kunsteindrücke, der vielen Zeitschriften und meiner literarischen und publizistischen Anfangserfolge. Doch nun wurde Deutschland in zwei ungleiche feindliche Hälften geteilt, von denen keine unsere Ideale verwirklichte.“[2] Bächler schrieb mit Wolfdietrich Schnurre, Walter Kolbenhoff und Günther Eich an der Zeitschrift Der Ruf, deren Herausgeber Hans Werner Richter und Alfred Andersch waren. Sie musste nach der 16. Nummer, die am 16. April 1947 herausgekommen war, wegen „Nihilismus“ eingestellt werden. Richter beabsichtigte die Gründung einer neuen Zeitschrift Der Skorpion mit den alten Mitarbeitern. Die Zeitschrift erschien nie, doch aus dem ersten Redaktionstreffen im Haus am Bannwaldsee bei Füssen entstand die Gruppe 47,[3] wenn auch Bächler 1977 eine andere Legende zur Entstehung der Gruppe beitrug.[4]
Schon damals, so Bächler, habe es die ersten Anzeichen seiner psychischen Erkrankung gegeben, die ihn von der Gruppe und von immer wieder neu gewonnen Freunden entfernte. Anfang der Fünfzigerjahre begab er sich in Therapie. Aus dieser Zeit stammen seine ersten regelmäßigen Traumaufzeichnungen, die er 1972 als Traumprotokolle veröffentlichte. Sie gehören mit dem 1988 nachfolgenden Traumbuch Im Schlaf. Traumprosa zu den meistgelesenen Bächlertexten. Martin Walser, neben Michael Krüger einer der wenigen Schriftstellerfreunde, die Bächler trotz der wechselseitigen Strapazen seiner Krankheit bis heute (2005) die Treue hielten, schrieb in seinem Nachwort zu den Traumprotokollen: „Wer Bächlers Träume aus den Jahren von 1954 bis 1969 liest, wird ohne weiteres feststellen, daß dieses Nachtleben in traumhafter Deutlichkeit sich an jedes Thema wagt, bzw. daß dieses Nachtleben heimgesucht wird von jeder Art von zeitgenössischer Problematik.“[5] Tatsächlich lesen sich die Träume in Bächlers „sauberer Prosa“ (Ernst Jünger)[6] wie die klare schwarze Wirklichkeit eines unangepassten Künstlerlebens in den Anfängen der Bundesrepublik und der sich verfestigenden Ost-West Blöcke, „... die Bundesrepublik, gesehen durch einen, der nicht fertig wurde mit ihr“.[7] Bächler wollte, Walser weist in seinem Traumprosatext darauf hin, die Einigkeit. „Ich sah mich auch, der beiderseitigen Propaganda mißtrauend, hinter dem Eisernen Vorhang um, zuerst von Peter Huchel und Stephan Hermlin eingeladen, dann auch von Brecht, Bloch und Lukács angezogen und von der Wirklichkeit, die so sehr zu ihren Ideen kontrastierte, enttäuscht.“[8] In vielen Briefen, die Bächler von West nach Ost und umgekehrt schrieb, kämpfte er um die Verständigung, man kann ohne weiteres sagen, in Europa. Wie groß seine Kenntnis der jeweiligen Literatur und Künste war, zeigt ein Brief, den Bächler am 14. Oktober 1955 aus Budapest, zu Gast in der Wohnung von Georg Lukács, an Martin Walser schreibt:
… am Dienstag fahre ich zum größten nichtkommunistischen Dichter Ungarns Gyula Illyés, von dem ich zum erstenmal in der Fähre und Literarischen Revue zu Henneckes Zeiten Übersetzungen gelesen habe, auch in Sinn und Form und französischen Zeitschriften. Er ist als Lyriker etwas Huchel verwandt, ein Bauerndichter mit einem Schuß Eluard und Neruda, die er unter anderem ins Ungarische übersetzt hat, und einem Dramatiker wie Lorca etwa, neben dem leider vor einigen Jahren gestorbenen Jószef Attila, einem der größten Lyriker der Weltliteratur ... der bedeutendste moderne Ungar des 20. Jahrhunderts, dem natürlich kein Parteiliterat das Wasser reichen kann. Das sagten mir ungefragt auch die Genossinnen vom Volksbildungsministerium, die mich alle um Bücher von Gottfried Benn baten, weil sie für Ungarn durch den schlechten Umrechnungskurs und die teuren Buchpreise in Westdeutschland unerschwinglich sind.[9]
Oftmals sind Bächlers Briefe in manischen Phasen geschrieben, denn nur dann reiste er, nur dann war er fähig, unter die Menschen zu gehen. Seine Aufmerksamkeit und Empfindlichkeit waren in diesem Zustand am Rande des Erträglichen. Doch es war gerade diese Verfassung, die ihn seine Umgebung intuitiv und durch Beobachtung bis ins kleinste Detail erkennen ließ. Seine unzähligen, bisher unveröffentlichten Briefe, von denen das Münchner Literaturarchiv der Monacensia nicht wenige besitzt, stellen neben den Traumprotokollen eine weitere Bächlersche Wirklichkeit dar, die wir als Teil der unseren annehmen müssen. Die Briefe zeugen von Bächlers vorwiegend urbaner Existenz, von den schlaflosen Nächten, den unlösbaren Konflikten. Auch Bächlers Pariszeit – er lässt sich von 1956 bis 1966 in Frankreich nieder, wo er „sogar geheiratet wurde ... Es musste freilich eine Französin sein“,[10] schlägt sich in Berichten und Briefen nieder. Diese Zeit – die ihn auch nicht, wie wäre es möglich, zur Ruhe kommen lässt – ist in den Gedichtbänden Türen aus Rauch (Frankfurt am Main 1963) und Ausbrechen (Frankfurt am Main 1976) lyrisch aufbewahrt.
In seinen Gedichten, die trotz ihrer Verdrängung aus dem Lesergedächtnis zu den schönsten deutschsprachigen der zweiten Jahrhunderthälfte gehören, scheint Bächler die Welten zusammenfügen zu wollen. In den Gedichten treffen wir auf eine tiefe Kenntnis der Natur, der Farben, des Wassers, des Lichts. Sie sind voller Bilder und Klänge, überraschender Rhythmen, zugleich durchdrungen von der widersprüchlichen, letztlich nicht zu meisternden menschlichen Realität. „Da ich an Zerstreuung, Gedankenflucht, Disharmonien leide, zu Formlosigkeiten, melancholischen und manischen Aus- und Abschweifungen neige, zwingt mich das Gedicht zur Sammlung und Konzentration, mich kurz zu fassen, mich und ein Stück Welt zu fassen.“[11] Wir, die Leser der Gedichte, folgen ihm darin, auch wenn wir mit Bächler am Ende in die Nacht geführt werden. In seinem bisher (2005) letzten Gedichtband Nachtleben (Frankfurt am Main 1982) wird es dunkel:
Der Tag entschließt sich nicht
Wirklichkeit zu werden.
Umnachtet liege ich da,
zur Strecke gebracht.
So die ersten Verse von „Treibjagd“; oder im Gedicht „Die Toten“:
Die Toten verstellen mir den Weg,
kreisen mich ein,
schauen mich an mit Sternenaugen.
In ihnen spiegelt sich meine Schuld.
Doch sie richten mich nicht,
gehen zurück zu den Steinen,
lassen mich wieder allein,
den Lebenden ausgeliefert.
... wo das Ich in einen Dämmerzustand zu fallen scheint, die Ankündigung des Verschwindens prononciert wird. Wolfgang Bächler hat nach diesem Gedichtband und dem zweiten Band der Traumprosa (diese Bezeichnung, so Bächler, habe ihm Martin Walser geschaffen) 1990 den Roman Einer, der auszog, sich köpfen zu lassen veröffentlicht. Er ist wie der erste, 1950 erschienene Der nächtliche Gast, der Roman einer einzigen Nacht. Den „Dichter der Nacht“ nannte ihn Michael Krüger nicht umsonst in seinem Nachwort zu Nachtleben. Im Bächler Archiv der Monacensia, wo ich mich auf die Suche nach Unveröffentlichtem machte, fand sich ein Text, „Kata-Strophen“ überschrieben, undatiert, aber sicherlich aus der Nachtprosazeit, der die Thematik auf die Spitze treibt. Er wird im Folgenden abgedruckt sowie eine Erzählung Bächlers, „Es schnurrt durch München aus den Anfangsjahren der Gruppe 47“ (beide nur in Neue Rundschau, Nr. 1, 2005).
Die Erzählung verhilft dem Berliner Wolfdietrich Schnurre zu einem Münchner Auftritt. Sie scheint aus Bächlers Sturm- und Drangzeit zu stammen, wenn ihm eine solche überhaupt vergönnt war. Vielleicht am ehesten, als er nach seiner Rückkehr aus Frankreich vom jungen deutschen Film entdeckt wurde. Die wenigsten wissen, dass Bächler in Schlöndorffs Deutschland im Herbst und in Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach mitspielte oder in Werner Herzogs Woyzeck neben Klaus Kinski auftrat. Nicht jeder hat ein so gutes Gedächtnis wie Thomas Bernhard, und die literarische Gesellschaft ist mit sich selbst beschäftigt. „Oder fürchtet man sich vor diesem Nachtarbeiter, der so gar nicht in die ausgestrahlte Welt unseres literarischen Betriebes passt?“ Diese Frage stellt Michael Krüger, darüber nachdenkend, warum Bächler nie einen der großen Literaturpreise erhielt. Man fürchtete sich, glaube ich, vor allem vor Bächlers Krankheit, die ihn unberechenbar machte. Ein Schriftsteller/eine Schriftstellerin hat heute zu funktionieren.
Wolfgang Bächler wird im März [2005] achtzig Jahre alt. Er lebt heute zurückgezogen in seiner Wohnung über dem Münchner Viktualienmarkt, noch immer umsorgt von den Frauen, die in seinem Leben wohl die beste Rolle gespielt haben. Es ist ihm zu wünschen, dass vielleicht eine junge Generation seine Gedichte und Prosa wieder entdeckt und einem Revival nichts mehr im Wege steht.
Die Autorin dankt dem Literaturarchiv Monacensia, insbesondere Frau Ursula Hummel und Frau Gabriele Weber, für die Unterstützung, Frau Katharina Näher für die Zusammenarbeit und wertvolle Hinweise.
[1] Wolfgang Bächler, „Zwischen den Stühlen“ in ders.: Stadtbesetzung. Prosa, Frankfurt am Main 1979, S. 9.
[2] Ebd.
[3] 1991 besorgte Heinz Ludwig Arnold im Wallstein Verlag Göttingen einen Reprint der ungedruckt existierenden Nummer 1 des Skorpion und kommentierte im Nachwort die Entstehung der Gruppe 47.
[4] Wolfgang Bächler, „Wie die Gruppe 47 entstand“, in ders.: Stadtbesetzung, s.o.
[5] Martin Walser, „Über Traumprosa“, in: Wolfgang Bächler. Traumprotokolle. Ein Auskunftsbuch, München 1972, S. 123.
[6] In einem Brief vom 14.3.1990 an Wolfgang Bächler zu dessen Roman Einer, der auszog, sich köpfen zu lassen, Monacensia Literaturarchiv, Vorlass Bächler.
[7] Martin Walser, ebd., S. 124.
[8] S. Anm. 1, S. 11.
[9] Monacensia Literaturarchiv, Vorlass Bächler.
[10] S. Anm. 1, S. 11.
[11] S. Anm. 1, S. 14.
Wolfgang Bächler zum 101. Geburtstag>
Trotz ihrer Verdrängung aus dem Lesergedächtnis gehören die Gedichte von Wolfgang Bächler zu den schönsten deutschsprachigen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit diesem Text von Verena Nolte, der zuerst 2005 in der Neuen Rundschau erschien, erinnert das Literaturportal Bayern an den Münchner Schriftsteller. Wolfgang Bächler wäre, am kommenden 22. März 2026, 101 Jahre alt geworden.
*
Die Pistole, die ich mir an die Schläfe hielt, war mit Scheiße geladen.
Ich schoß mir die Welt durch den Kopf
(aus: „Nachtleben“)
Ende der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts kreuzten sich eines Nachmittags, durch Zufall und für wenige Stunden nur, die Wege zweier Dichter, der jüngere weltberühmt, der ältere nahezu vergessen. Auf dem Parkplatz in dem kleinen österreichischen Wolfsegg stand Thomas Bernhard unter den Zuschauern, als ein dunkelgrüner Golf aus München mit einem schwierigen Parkmanöver Aufsehen erregte. Wen sie da bei sich habe, fragte er die glücklich eingeparkte Fahrerin. In Wirklichkeit hatte er Wolfgang Bächler schon erkannt. Dem sei er seit dreißig Jahren nicht mehr begegnet, habe Bernhard ausgerufen und die eben Eingetroffenen ins nahe Gasthaus eingeladen, wo er mit seinem Bruder und einem Freund zu Abend essen wollte. Bächler, nach diesem Zusammentreffen befragt, erinnert sich nicht mehr, worüber gesprochen wurde. Die Freundin erzählt, man habe die richtige Zubereitung gebratener Knackwürste erörtert, dass es wichtig sei, sie dreimal schräg einzuschneiden, bevor man sie briet und so weiter. Das verwundert nicht, denn beide Dichter legten zeitlebens Wert auf gutes Essen. Ein weiteres Thema sei die Farbe Dunkelgrün gewesen. Anlass dazu gaben der dunkelgrüne Golf und der ebenso grüne Pullover, den Bernhard, in ständiger Furcht vor Erkältungen, über die Schultern geworfen hatte. Meine Lieblingsfarbe, kommentierte er, weshalb auch der Buchumschlag seines letzten Romans, in dem Wolfsegg eine gewisse Rolle spielt, genau dieses Dunkelgrün erhalten habe.
Woher Bernhard Bächler kannte, können wir ihn nicht mehr fragen. Aber wir wissen, dass Wolfgang Bächler in den Fünfzigerjahren ein viel genannter und gelesener Dichter war. Es ist anzunehmen, dass Bernhard, der 1950 beim Erscheinen von Bächlers erstem Gedichtband Die Zisterne wegen einer Tuberkulose und erst neunzehnjährig in der Lungenheilanstalt Grafenhof eingewiesen war, wenn nicht dort, so doch bald danach, diese schwarz eingebundenen Gedichte in die Hände fielen. Und könnten seine frühen Gedichte in Die Irren. Die Häftlinge nicht im Dialog mit Bächlers Lyrik entstanden sein? In jedem Fall ist beiden die lebenslängliche Krankheit gemeinsam und der sprachliche Aufstand gegen Heuchelei und Verlogenheit. Nicht zu vergessen der Humor.
Wolfgang Bächler, am 22. März 1925 in Augsburg geboren, hatte früh Anerkennung. Die großen Väter, Thomas Mann und Gottfried Benn, setzten ihre Hoffnung in ihn. Er wird als jüngstes Gründungsmitglied der Gruppe 47 bezeichnet, was wohl zutrifft, wenn man von einer Gründung überhaupt sprechen kann. Hans Werner Richter sah sich eher als Gastgeber, der die Schriftsteller jedes Mal selbst und nach seinem Gusto einlud.
Bächler war, man kann sich darüber nur verwundern, als Dichter aus Krieg, Verletzung und Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Große, heute scheinbar vergessene, Gedichte wie Die Erde bebt noch oder Jugend der Städte verdanken wir ihm. Später, nachdem er die Lyrik von Trakl, Heym und Benn kennengelernt hatte, in deren Nachfolge er ungeahnt stand, erschienen ihm seine frühen Gedichte „zu konventionell, zu romantisch, zu glatt und klingend gereimt“.[1] Bächler studierte Germanistik, Romanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in München. „Es war die Zeit der überfüllten, fensterlosen Hörsäle, der geborstenen Fassaden, der hässlichen kalten Buden und der heißen Diskussionen und schönen Illusionen, die Zeit, in der wir zwar nicht die Welt, aber Deutschland verändern wollten. Es waren die Jahre der kleinen Fettrationen und der großen neuen Theater- und Kunsteindrücke, der vielen Zeitschriften und meiner literarischen und publizistischen Anfangserfolge. Doch nun wurde Deutschland in zwei ungleiche feindliche Hälften geteilt, von denen keine unsere Ideale verwirklichte.“[2] Bächler schrieb mit Wolfdietrich Schnurre, Walter Kolbenhoff und Günther Eich an der Zeitschrift Der Ruf, deren Herausgeber Hans Werner Richter und Alfred Andersch waren. Sie musste nach der 16. Nummer, die am 16. April 1947 herausgekommen war, wegen „Nihilismus“ eingestellt werden. Richter beabsichtigte die Gründung einer neuen Zeitschrift Der Skorpion mit den alten Mitarbeitern. Die Zeitschrift erschien nie, doch aus dem ersten Redaktionstreffen im Haus am Bannwaldsee bei Füssen entstand die Gruppe 47,[3] wenn auch Bächler 1977 eine andere Legende zur Entstehung der Gruppe beitrug.[4]
Schon damals, so Bächler, habe es die ersten Anzeichen seiner psychischen Erkrankung gegeben, die ihn von der Gruppe und von immer wieder neu gewonnen Freunden entfernte. Anfang der Fünfzigerjahre begab er sich in Therapie. Aus dieser Zeit stammen seine ersten regelmäßigen Traumaufzeichnungen, die er 1972 als Traumprotokolle veröffentlichte. Sie gehören mit dem 1988 nachfolgenden Traumbuch Im Schlaf. Traumprosa zu den meistgelesenen Bächlertexten. Martin Walser, neben Michael Krüger einer der wenigen Schriftstellerfreunde, die Bächler trotz der wechselseitigen Strapazen seiner Krankheit bis heute (2005) die Treue hielten, schrieb in seinem Nachwort zu den Traumprotokollen: „Wer Bächlers Träume aus den Jahren von 1954 bis 1969 liest, wird ohne weiteres feststellen, daß dieses Nachtleben in traumhafter Deutlichkeit sich an jedes Thema wagt, bzw. daß dieses Nachtleben heimgesucht wird von jeder Art von zeitgenössischer Problematik.“[5] Tatsächlich lesen sich die Träume in Bächlers „sauberer Prosa“ (Ernst Jünger)[6] wie die klare schwarze Wirklichkeit eines unangepassten Künstlerlebens in den Anfängen der Bundesrepublik und der sich verfestigenden Ost-West Blöcke, „... die Bundesrepublik, gesehen durch einen, der nicht fertig wurde mit ihr“.[7] Bächler wollte, Walser weist in seinem Traumprosatext darauf hin, die Einigkeit. „Ich sah mich auch, der beiderseitigen Propaganda mißtrauend, hinter dem Eisernen Vorhang um, zuerst von Peter Huchel und Stephan Hermlin eingeladen, dann auch von Brecht, Bloch und Lukács angezogen und von der Wirklichkeit, die so sehr zu ihren Ideen kontrastierte, enttäuscht.“[8] In vielen Briefen, die Bächler von West nach Ost und umgekehrt schrieb, kämpfte er um die Verständigung, man kann ohne weiteres sagen, in Europa. Wie groß seine Kenntnis der jeweiligen Literatur und Künste war, zeigt ein Brief, den Bächler am 14. Oktober 1955 aus Budapest, zu Gast in der Wohnung von Georg Lukács, an Martin Walser schreibt:
… am Dienstag fahre ich zum größten nichtkommunistischen Dichter Ungarns Gyula Illyés, von dem ich zum erstenmal in der Fähre und Literarischen Revue zu Henneckes Zeiten Übersetzungen gelesen habe, auch in Sinn und Form und französischen Zeitschriften. Er ist als Lyriker etwas Huchel verwandt, ein Bauerndichter mit einem Schuß Eluard und Neruda, die er unter anderem ins Ungarische übersetzt hat, und einem Dramatiker wie Lorca etwa, neben dem leider vor einigen Jahren gestorbenen Jószef Attila, einem der größten Lyriker der Weltliteratur ... der bedeutendste moderne Ungar des 20. Jahrhunderts, dem natürlich kein Parteiliterat das Wasser reichen kann. Das sagten mir ungefragt auch die Genossinnen vom Volksbildungsministerium, die mich alle um Bücher von Gottfried Benn baten, weil sie für Ungarn durch den schlechten Umrechnungskurs und die teuren Buchpreise in Westdeutschland unerschwinglich sind.[9]
Oftmals sind Bächlers Briefe in manischen Phasen geschrieben, denn nur dann reiste er, nur dann war er fähig, unter die Menschen zu gehen. Seine Aufmerksamkeit und Empfindlichkeit waren in diesem Zustand am Rande des Erträglichen. Doch es war gerade diese Verfassung, die ihn seine Umgebung intuitiv und durch Beobachtung bis ins kleinste Detail erkennen ließ. Seine unzähligen, bisher unveröffentlichten Briefe, von denen das Münchner Literaturarchiv der Monacensia nicht wenige besitzt, stellen neben den Traumprotokollen eine weitere Bächlersche Wirklichkeit dar, die wir als Teil der unseren annehmen müssen. Die Briefe zeugen von Bächlers vorwiegend urbaner Existenz, von den schlaflosen Nächten, den unlösbaren Konflikten. Auch Bächlers Pariszeit – er lässt sich von 1956 bis 1966 in Frankreich nieder, wo er „sogar geheiratet wurde ... Es musste freilich eine Französin sein“,[10] schlägt sich in Berichten und Briefen nieder. Diese Zeit – die ihn auch nicht, wie wäre es möglich, zur Ruhe kommen lässt – ist in den Gedichtbänden Türen aus Rauch (Frankfurt am Main 1963) und Ausbrechen (Frankfurt am Main 1976) lyrisch aufbewahrt.
In seinen Gedichten, die trotz ihrer Verdrängung aus dem Lesergedächtnis zu den schönsten deutschsprachigen der zweiten Jahrhunderthälfte gehören, scheint Bächler die Welten zusammenfügen zu wollen. In den Gedichten treffen wir auf eine tiefe Kenntnis der Natur, der Farben, des Wassers, des Lichts. Sie sind voller Bilder und Klänge, überraschender Rhythmen, zugleich durchdrungen von der widersprüchlichen, letztlich nicht zu meisternden menschlichen Realität. „Da ich an Zerstreuung, Gedankenflucht, Disharmonien leide, zu Formlosigkeiten, melancholischen und manischen Aus- und Abschweifungen neige, zwingt mich das Gedicht zur Sammlung und Konzentration, mich kurz zu fassen, mich und ein Stück Welt zu fassen.“[11] Wir, die Leser der Gedichte, folgen ihm darin, auch wenn wir mit Bächler am Ende in die Nacht geführt werden. In seinem bisher (2005) letzten Gedichtband Nachtleben (Frankfurt am Main 1982) wird es dunkel:
Der Tag entschließt sich nicht
Wirklichkeit zu werden.
Umnachtet liege ich da,
zur Strecke gebracht.
So die ersten Verse von „Treibjagd“; oder im Gedicht „Die Toten“:
Die Toten verstellen mir den Weg,
kreisen mich ein,
schauen mich an mit Sternenaugen.
In ihnen spiegelt sich meine Schuld.
Doch sie richten mich nicht,
gehen zurück zu den Steinen,
lassen mich wieder allein,
den Lebenden ausgeliefert.
... wo das Ich in einen Dämmerzustand zu fallen scheint, die Ankündigung des Verschwindens prononciert wird. Wolfgang Bächler hat nach diesem Gedichtband und dem zweiten Band der Traumprosa (diese Bezeichnung, so Bächler, habe ihm Martin Walser geschaffen) 1990 den Roman Einer, der auszog, sich köpfen zu lassen veröffentlicht. Er ist wie der erste, 1950 erschienene Der nächtliche Gast, der Roman einer einzigen Nacht. Den „Dichter der Nacht“ nannte ihn Michael Krüger nicht umsonst in seinem Nachwort zu Nachtleben. Im Bächler Archiv der Monacensia, wo ich mich auf die Suche nach Unveröffentlichtem machte, fand sich ein Text, „Kata-Strophen“ überschrieben, undatiert, aber sicherlich aus der Nachtprosazeit, der die Thematik auf die Spitze treibt. Er wird im Folgenden abgedruckt sowie eine Erzählung Bächlers, „Es schnurrt durch München aus den Anfangsjahren der Gruppe 47“ (beide nur in Neue Rundschau, Nr. 1, 2005).
Die Erzählung verhilft dem Berliner Wolfdietrich Schnurre zu einem Münchner Auftritt. Sie scheint aus Bächlers Sturm- und Drangzeit zu stammen, wenn ihm eine solche überhaupt vergönnt war. Vielleicht am ehesten, als er nach seiner Rückkehr aus Frankreich vom jungen deutschen Film entdeckt wurde. Die wenigsten wissen, dass Bächler in Schlöndorffs Deutschland im Herbst und in Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach mitspielte oder in Werner Herzogs Woyzeck neben Klaus Kinski auftrat. Nicht jeder hat ein so gutes Gedächtnis wie Thomas Bernhard, und die literarische Gesellschaft ist mit sich selbst beschäftigt. „Oder fürchtet man sich vor diesem Nachtarbeiter, der so gar nicht in die ausgestrahlte Welt unseres literarischen Betriebes passt?“ Diese Frage stellt Michael Krüger, darüber nachdenkend, warum Bächler nie einen der großen Literaturpreise erhielt. Man fürchtete sich, glaube ich, vor allem vor Bächlers Krankheit, die ihn unberechenbar machte. Ein Schriftsteller/eine Schriftstellerin hat heute zu funktionieren.
Wolfgang Bächler wird im März [2005] achtzig Jahre alt. Er lebt heute zurückgezogen in seiner Wohnung über dem Münchner Viktualienmarkt, noch immer umsorgt von den Frauen, die in seinem Leben wohl die beste Rolle gespielt haben. Es ist ihm zu wünschen, dass vielleicht eine junge Generation seine Gedichte und Prosa wieder entdeckt und einem Revival nichts mehr im Wege steht.
Die Autorin dankt dem Literaturarchiv Monacensia, insbesondere Frau Ursula Hummel und Frau Gabriele Weber, für die Unterstützung, Frau Katharina Näher für die Zusammenarbeit und wertvolle Hinweise.
[1] Wolfgang Bächler, „Zwischen den Stühlen“ in ders.: Stadtbesetzung. Prosa, Frankfurt am Main 1979, S. 9.
[2] Ebd.
[3] 1991 besorgte Heinz Ludwig Arnold im Wallstein Verlag Göttingen einen Reprint der ungedruckt existierenden Nummer 1 des Skorpion und kommentierte im Nachwort die Entstehung der Gruppe 47.
[4] Wolfgang Bächler, „Wie die Gruppe 47 entstand“, in ders.: Stadtbesetzung, s.o.
[5] Martin Walser, „Über Traumprosa“, in: Wolfgang Bächler. Traumprotokolle. Ein Auskunftsbuch, München 1972, S. 123.
[6] In einem Brief vom 14.3.1990 an Wolfgang Bächler zu dessen Roman Einer, der auszog, sich köpfen zu lassen, Monacensia Literaturarchiv, Vorlass Bächler.
[7] Martin Walser, ebd., S. 124.
[8] S. Anm. 1, S. 11.
[9] Monacensia Literaturarchiv, Vorlass Bächler.
[10] S. Anm. 1, S. 11.
[11] S. Anm. 1, S. 14.
