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24.03.2026, 09:22 Uhr
Andrea Heuser
Spektakula

Wladimir Kaminer auf dem Bamberger Literaturfestival 2026

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© Wunderraum Verlag

Zeitgleich mit dem  Bamberger Literaturfestival 2026 feiert das berühmte Werk Russendisko von Wladimir Kaminer sein 25jähriges Jubiläum. Ein zweifacher Grund also um zu feiern, als Bestsellerautor und Publikumsliebling Kaminer im Kulturboden Hallstadt sein neuestes Buch Das geheime Leben der Deutschen im Rahmen des 11. Bamberger Literaturfestivals vorstellte. Das Literaturportal war vor Ort dabei.  

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Nicht nur das Publikum im ausverkauften Saal des Kulturboden Hallstadt, sondern auch der Autor selbst freute sich sichtlich, „wieder hier zu sein“. Bereits 2019 las er beim Bamberger Literaturfestival, das auch in diesem Jahr wieder mit einem breit aufgestellten Programm die Gäste aller Altersgruppen nach Bamberg und Umgebung lockt. Kaminers Lesung sei die 27. innerhalb von insgesamt 44 „Erwachsenenlesungen“, ließen die Veranstalter vor Beginn der Lesung stolz verkünden. Und wo wir schon bei Zahlen sind: 38 Bücher hat Wladimir Kaminer bislang geschrieben. 

Schaute man sich im Saal um und schnappte dazu noch so einiges aus den Gesprächen im Vorfeld auf, so wurde deutlich, dass die allermeisten der Anwesenden mit Kaminers Werken bereits bestens vertraut waren. Seine sowohl humoristisch pointierten als auch warmherzig-klugen Geschichten über die scheinbar nebensächlichen Details des zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Alltags, in denen doch so Grundlegendes lesbar wird, erreichen augenscheinlich die Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, Bildung oder bestimmter Interessengruppen. Und das, ohne seicht zu werden oder sich auf den kleinsten gemeinsamen Bedürfnisnenner zu verlassen.

Zuhören tut gut, dachte ich mir, als Kaminer eine herrlich KI-kritische Geschichte über den Erwerb von KI-gesteuerten Katzenklos vortrug und ähnlich erging es mir mit den Anekdoten aus einem brandenburgischen Dorf, in dem es eine Bushaltestelle ohne Bus gibt und wo der Besuchende nichts und niemanden sieht, das Dorf den Besuchenden aber längst gesehen hat oder bei den liebenswerten Details von Menschen, die die Welt retten wollen, selbst wenn die Welt sich dagegen wehrt – es sind Geschichten, die uns in unseren mentalitätsbedingten Ängsten, Vorurteilen, Macken und blinden Flecken den Spiegel vorhalten. Und dennoch mag man sich in diesem Spiegel recht gerne ansehen und kann sogar über sich lachen.

Der Literaturbetrieb bezeichnet Wladimir Kaminer gerne als Brückenbauer zwischen der deutschen und der russischen Kultur, weil er als Kenner diese beiden Gesellschaften liebevoll-prägnant aufs Korn nimmt und sie uns dadurch zugleich näherbringt, die sogenannte „deutsche“ wie die „russische“ Seele. Das halte ich persönlich zwar für reichlich floskelhaft-überstrapaziert und auch für ein wenig zu hoch gegriffen. Doch selbst wenn zu bezweifeln steht, dass Menschen nach der Lektüre eines Kaminer-Buches wirklich über eine innere Brücke gehen, also von einem Standpunkt zu einem anderen, humaneren, hinüberwechseln, so ist es keinesfalls zu unterschätzen, dass die Menschen, die ihm lauschen, auf höchst kluge Weise unterhalten werden und sich selbst und ihr skurriles Land zumindest für den Augenblick recht gut erkennen und annehmen können.

Das geheime Leben der Deutschen, die folkloristischen Bräuche und Sitten in den deutschen Provinzen von Oberbayern bis zur Nordsee, vom Schwarzwald bis zum brandenburgischen Dorf, wurden von Kaminer an diesem Abend allerdings nicht lesend dargeboten, sondern in der charismatischen Routine des mündlich-anekdotischen Vortrags desjenigen präsentiert, der die Bühnenshow gewohnt und sich der Zuwendung seines Publikums gewiss ist. Lesen kann man schließlich auch daheim. 

Diesen Abend wiederzugeben hieße, Anekdote um Anekdote aneinanderzureihen; man musste es entweder vor Ort erleben oder, noch besser, in den Erzählungen selbst nachlesen: wie auf der „Märchenstraße“ Rapunzel in Teilzeit arbeitet und Aschenputtel vor seinen Augen eine neue Heimat findet.

Natürlich wurde auch über den deutschen Tellerrand geschaut: Wenn man etwa nach Georgien fährt, so Kaminer, sei das Wichtigste, was man da in petto haben müsse, eine zweite Leber. Denn jeder Versuch, dort ein Kloster zu besichtigen oder eine Stadtrundfahrt mit Sehenswürdigkeiten zu bestreiten, ende stets bei einer Einladung des Stadtführers, des Taxisfahrers, des Klosterbruders oder des Museumswächters zur ausgedehnten Weinprobe. Dieser „Dauergastfreundschaftsschleife“ verdankte der Autor dann wohl auch die an diesem Abend vorgetragenen, wunderbaren Reflektionen über die tiefere Wahrheit von Trinksprüchen. So lautete beispielsweise der Trinkspruch vom traurigen Frosch: „Trinken wir darauf, dass wir nie den Kopf über die schönen Schenkel verlieren.“

Unter dem Gute-Laune-Ton desjenigen, der mit der anderen Hälfte seines „Schreibherzens“ als ja politischer Korrespondent und Kommentator arbeitet und auch ganz andere Töne anzuschlagen versteht, spürte man auch an diesem heiteren Festivalabend den unterschwelligen Schmerz als die stets anwesende Kehrseite des Humors, dem er abgerungen ist. Schmerz über die Putin-Politik seiner Heimat etwa, über den heillosen Zustand der Welt, der auch einen Kaminer zuweilen nah an den Rand des Überdrusses, des Verstummens bringt.  

Auf jeden Fall aber sei allen Lesenden des Literaturportals Bayern aus Das geheime Leben der Deutschen das Kapitel über das schöne bayerische Dorf Greimharting ans Herz gelegt, in dem offenbar alle Männer Sepp heißen:

„Nein, wir haben kein Problem mit dem Nachwuchs, alle machen mit“, erzählte mir Sepp. Er war schon der dritte Sepp, den ich an diesem sonnigen Sonntagsvormittag kennengelernt hatte. [..] Und weiterÜberhaupt war der Trachtenmarkt etwas ganz Besonderes. Die Kostüme waren nicht nur sagenhaft teuer, sie wurden auch weniger als Kleidungsstücke denn als Kunst behandelt. Lederhose, Gürtel und Hüte wurden vererbt, repariert und von Generation zu Generation wie ein Familienschatz weitergereicht. Wahrscheinlich hießen die Männer im Dorf alle Sepp, damit man die auf der Lederhose mit Pfauenfedern gestickten Initialen nicht jedes Mal anpassen musste.

In diesem Sinne, auf nach Bamberg, aufs Literaturfestival, wo man stets Neues erfährt. Und danach ab nach Greimharting!