Rezension zu Helmut Kraussers Roman „Wer hat uns je geliebt?“
Helmut Krausser erzählt in seinem neuen Roman Wer hat uns je geliebt? (Berlin Verlag 2026) eine fantastische Großstadtgeschichte, die sich als moderner Mythos entpuppt. Angelika Otto hat das Buch für das Literaturportal Bayern gelesen.
*
Dunkel ist das Leben, ist der Tod
Ausgangspunkt ist eine groteske Begebenheit: Während eines Backgammonspiels in einer Berliner Kneipe platzt dem arbeitslosen Lichttechniker Werner P., den kurz zuvor auch noch seine Freundin verlassen hat, der Kopf. Die Kommissarin Lucia ist fasziniert von dem Fall – und noch mehr von Enki, einem höflichen alten Mann, der bei dem Spiel anwesend war. Er besitzt keine Papiere, scheint auf rätselhafte Weise in den Fall verwoben und weiß mehr, als mit Logik erklärbar wäre.
Um dieses Gravitationszentrum gruppiert Krausser zahlreiche lose miteinander verbundene Geschichten. Eine frustrierte, adipöse Lehrerin will ihrem Leben ein Ende setzen und sich vom Balkon stürzen, zwei junge Obdachlose ziehen mit Schlafsäcken und beinahe trotziger Unschuld durch die Stadt, ein junger Ukrainer gerät in die Abhängigkeit einer Domina, und die Boulevardjournalistin Yvonne Gispritz, genannt Poison Ivy, versucht, aus dem allgemeinen Elend eine verwertbare Geschichte zu machen.
Zwei Götter wirft Krausser noch in sein neu geschaffenes Universum. Der eine ist der alte Mann, Enki, benannt nach dem sumerischen Gott der Weisheit, Magie, Kunst und des Wandels. Greift er in die Handlung ein oder tut er es nicht? Tatsache ist: Nervige Mitmenschen verschwinden auf abstruse Weise, sobald sich seine Aufmerksamkeit auf sie richtet. Lucia, eigentlich eine Einzelgängerin wie aus dem Bilderbuch, kann sich seiner Anziehungskraft nicht entziehen. Doch was genau sie an ihm fasziniert, bleibt selbst ihr verborgen. Ist er tatsächlich eine göttliche Erscheinung, ein gefährlicher Manipulator – oder nur ein sonderbarer alter Mann, auf den die vaterlose Lucia ihre Sehnsüchte und Ängste projiziert? Krausser hält diese Frage lange in produktiver Schwebe.
Launische Göttin Berlin
Die zweite Gottheit ist die Stadt selbst. Gottheit Berlin. Berlin ist in Wer hat uns je geliebt? nicht bloß Schauplatz und Kulisse einer überhitzten, zugleich aber zutiefst gleichgültigen Gegenwart, sondern ein Wesen mit eigenem Willen: eine launische Göttin, die ihre Bewohner durcheinanderwirbelt, ihre Lebenslinien kreuzt und sie ebenso rasch wieder ausradiert. „Die Stadt hockte da, fett und schwer, zupfte sich Menschen aus dem Fell, schnipste sie ins Feuer. Wurde nicht wirklich leichter. Dazu war sie zu gefräßig. Sie liebte ja die Menschen wie ein Hund, der süchtig ist nach Mensch.“
Wie die Götter der Antike verlangt Berlin von seinen Bewohnern weniger Verehrung als Unterhaltung. Manchmal ist die Stadt amüsiert, häufiger gelangweilt und stets vollkommen verantwortungslos. Der menschliche Glaube an Schicksal und Sinnhaftigkeit erscheint angesichts dieser Macht beinahe rührend naiv. Die Figuren lieben, kämpfen, hoffen und bereuen – und werden dennoch durch einen Zufall, einen Würfelwurf oder einen Körper, der vom Himmel fällt, aus ihrer Bahn geschleudert.
In fünf Teile je fünf Emotionen ist der Roman gegliedert: Angst, Gier, Güte, Resignation und schließlich Ekstase. Bereits diese Abfolge erzählt eine eigene Geschichte – den Weg eines Menschenlebens zwischen Überlebensinstinkt, Begehren, Mitgefühl, Erschöpfung und einer letzten Grenzerfahrung. In seiner sprachlichen Eigenwilligkeit, seinem Witz und phantasievoller Erzählweise, seinen zahlreichen literarischen und mythologischen Bezügen, seinen prägnanten Dialogen und unverwechselbaren Sprachbildern bildet auch dieser, der 20. Roman von Krausser, eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre.
Was in Erinnerung bleibt, sind weniger einzelne Handlungsstränge als ein beschwingtes Gefühl des Trostes. Das meist in der Tragik auch Komik liegt und dass das Alltäglich-Banale nur eine dünne Schicht vom Mythisch-Großen entfernt liegen kann. Und dass nur Musik, Literatur und die Künste uns dieses zu enthüllen vermögen. Mag Krauser auch seinen Roman mit diesem Wilde-Zitat beginnen: „(...) et le mystère de l’amour est plus grand que le mystère de la mort. Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes.“ Schließen sollte er eigentlich mit Rilkes berühmtester Zeile: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.“
Helmut Krausser: Wer hat uns je geliebt? Roman. Berlin Verlag 2026, 304 S., ISBN: 978-3-8270-1532-7
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Helmut Krausser erzählt in seinem neuen Roman Wer hat uns je geliebt? (Berlin Verlag 2026) eine fantastische Großstadtgeschichte, die sich als moderner Mythos entpuppt. Angelika Otto hat das Buch für das Literaturportal Bayern gelesen.
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Dunkel ist das Leben, ist der Tod
Ausgangspunkt ist eine groteske Begebenheit: Während eines Backgammonspiels in einer Berliner Kneipe platzt dem arbeitslosen Lichttechniker Werner P., den kurz zuvor auch noch seine Freundin verlassen hat, der Kopf. Die Kommissarin Lucia ist fasziniert von dem Fall – und noch mehr von Enki, einem höflichen alten Mann, der bei dem Spiel anwesend war. Er besitzt keine Papiere, scheint auf rätselhafte Weise in den Fall verwoben und weiß mehr, als mit Logik erklärbar wäre.
Um dieses Gravitationszentrum gruppiert Krausser zahlreiche lose miteinander verbundene Geschichten. Eine frustrierte, adipöse Lehrerin will ihrem Leben ein Ende setzen und sich vom Balkon stürzen, zwei junge Obdachlose ziehen mit Schlafsäcken und beinahe trotziger Unschuld durch die Stadt, ein junger Ukrainer gerät in die Abhängigkeit einer Domina, und die Boulevardjournalistin Yvonne Gispritz, genannt Poison Ivy, versucht, aus dem allgemeinen Elend eine verwertbare Geschichte zu machen.
Zwei Götter wirft Krausser noch in sein neu geschaffenes Universum. Der eine ist der alte Mann, Enki, benannt nach dem sumerischen Gott der Weisheit, Magie, Kunst und des Wandels. Greift er in die Handlung ein oder tut er es nicht? Tatsache ist: Nervige Mitmenschen verschwinden auf abstruse Weise, sobald sich seine Aufmerksamkeit auf sie richtet. Lucia, eigentlich eine Einzelgängerin wie aus dem Bilderbuch, kann sich seiner Anziehungskraft nicht entziehen. Doch was genau sie an ihm fasziniert, bleibt selbst ihr verborgen. Ist er tatsächlich eine göttliche Erscheinung, ein gefährlicher Manipulator – oder nur ein sonderbarer alter Mann, auf den die vaterlose Lucia ihre Sehnsüchte und Ängste projiziert? Krausser hält diese Frage lange in produktiver Schwebe.
Launische Göttin Berlin
Die zweite Gottheit ist die Stadt selbst. Gottheit Berlin. Berlin ist in Wer hat uns je geliebt? nicht bloß Schauplatz und Kulisse einer überhitzten, zugleich aber zutiefst gleichgültigen Gegenwart, sondern ein Wesen mit eigenem Willen: eine launische Göttin, die ihre Bewohner durcheinanderwirbelt, ihre Lebenslinien kreuzt und sie ebenso rasch wieder ausradiert. „Die Stadt hockte da, fett und schwer, zupfte sich Menschen aus dem Fell, schnipste sie ins Feuer. Wurde nicht wirklich leichter. Dazu war sie zu gefräßig. Sie liebte ja die Menschen wie ein Hund, der süchtig ist nach Mensch.“
Wie die Götter der Antike verlangt Berlin von seinen Bewohnern weniger Verehrung als Unterhaltung. Manchmal ist die Stadt amüsiert, häufiger gelangweilt und stets vollkommen verantwortungslos. Der menschliche Glaube an Schicksal und Sinnhaftigkeit erscheint angesichts dieser Macht beinahe rührend naiv. Die Figuren lieben, kämpfen, hoffen und bereuen – und werden dennoch durch einen Zufall, einen Würfelwurf oder einen Körper, der vom Himmel fällt, aus ihrer Bahn geschleudert.
In fünf Teile je fünf Emotionen ist der Roman gegliedert: Angst, Gier, Güte, Resignation und schließlich Ekstase. Bereits diese Abfolge erzählt eine eigene Geschichte – den Weg eines Menschenlebens zwischen Überlebensinstinkt, Begehren, Mitgefühl, Erschöpfung und einer letzten Grenzerfahrung. In seiner sprachlichen Eigenwilligkeit, seinem Witz und phantasievoller Erzählweise, seinen zahlreichen literarischen und mythologischen Bezügen, seinen prägnanten Dialogen und unverwechselbaren Sprachbildern bildet auch dieser, der 20. Roman von Krausser, eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre.
Was in Erinnerung bleibt, sind weniger einzelne Handlungsstränge als ein beschwingtes Gefühl des Trostes. Das meist in der Tragik auch Komik liegt und dass das Alltäglich-Banale nur eine dünne Schicht vom Mythisch-Großen entfernt liegen kann. Und dass nur Musik, Literatur und die Künste uns dieses zu enthüllen vermögen. Mag Krauser auch seinen Roman mit diesem Wilde-Zitat beginnen: „(...) et le mystère de l’amour est plus grand que le mystère de la mort. Das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes.“ Schließen sollte er eigentlich mit Rilkes berühmtester Zeile: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.“
Helmut Krausser: Wer hat uns je geliebt? Roman. Berlin Verlag 2026, 304 S., ISBN: 978-3-8270-1532-7
