Rezension zu Heike Geißlers Roman „Michaela Kohlhaas“
Was wäre, wenn Michael Kohlhaas nicht im 16. Jahrhundert, sondern heute lebte – und eine Frau wäre? Diesem Gedankenspiel folgt Heike Geißler in ihrem neuen Roman: Michaela Kohlhaas erzählt die Geschichte eines weiblichen Aufbegehrens. Gelesen fürs Literaturportal Bayern hat das Buch die Münchner Autorin Carola Gruber.
*
„Wenn ich ehrlich bin, wäre ich ihr lieber nicht begegnet.“ Das gibt die Erzählerin gleich zu, als sie beginnt, von einer außergewöhnlichen Frau zu berichten. Der Widerwille hat jedoch nichts mit Abneigung zu tun. Auch nicht mit den „Herausforderungen, Peinlichkeiten und Zumutungen“, die mit der Begegnung verbunden waren. Vielmehr ist es so, dass die Erzählerin diese Frau schmerzlich vermisst – sie trauert um ihre Freundin. Denn die ist nun tot.
Beispielhafte Frau
Die Frau, um die es geht, ist für die Erzählerin „die große Frau des Jahrhunderts“. Sie heißt Michaela Kohlhaas – so hat Heike Geißler die titelgebende Figur ihres neuen Romans in Anlehnung an Heinrich von Kleists Novelle Michael Kohlhaas genannt.
Im Rückblick erfahren wir vom Leben dieser Frau, die kaum mehr als vierzig Jahre alt wurde. Bis zu Beginn ihres letzten Lebensjahrs war sie „brav und fleißig“, geradezu eine „Magd der Regeln“: mit Kindheit in der DDR, eine vorbildliche Schülerin, dann eine unauffällige Bürgerin, die als stellvertretende Friedhofsverwalterin eines städtischen Friedhofs im Süden von Leipzig arbeitet.
Diese „beispielhafte Frau“ bricht eines Tages aus ihrem gewohnten Leben aus: Sie beendet ihren Arbeitstag vorzeitig, packt zuhause ein paar Dinge und bricht auf – Ziel ungewiss. Sie ist maximal unvorbereitet, selbst der gepackte Rucksack bleibt in der Wohnung zurück.
Ein etwa zwölf Monate andauerndes Leben auf der Straße beginnt: Michaela Kohlhaas wandert übers Land, die Kleidung und die Schuhe zunehmend verschlissen, sie schläft draußen, wäscht sich nicht, fällt negativ auf und gehört zu den „Aussortierten“. Sie ist „eine grölende, manchmal tirilierende Absage.“
Einen konkreten Anlass für diesen Ausbruch gibt es nicht. Vielmehr bleibt dieser für die Figur selbst unklar:
Befragte die Kohlhaas sich selbst, hätte sie keinen Anlass für alles Kommende nennen wollen. Das wäre dem Versuch gleichgekommen, aus einer gut vermischten Farbe einzelne Pigmente herauszulösen.
Kleist als Vorlage und Gegenbild
Dieser anlasslose Abschied aus dem Alltag unterscheidet Geißlers Figur von Kleists Michael Kohlhaas, dem Rosshändler, der sich gegen ihm widerfahrenes Unrecht so beharrlich und letztlich brutal auflehnt, dass er darüber alles verliert, zum Schluss auch sein Leben.
Kleists Novelle ist durchgehend als Folie in Geißlers Roman präsent, etwa durch die Namen der Figuren und der Orte, das Setting in Sachsen und auch durch eingestreute Zitate. In einer augenzwinkernden Umdeutung wird die Tronkenburg etwa – in Kleists Novelle der Sitz des windigen, dem Alkohol zugeneigten Junckers Wenzel von Tronka – in Geißlers Roman eine „alte Kneipe im Erdgeschoss eines Plattenbaus“. Das „Landesherrliche Privilegium“ hat nun nichts mit einem unrechtmäßig erhobenen Wegzoll zu tun, sondern ist ein Drink, der dort zur Neueröffnung gereicht wird. Und Wenzel von Tronka ist kein rechtsbeugender Juncker, sondern ein selbstherrlicher, schmieriger Galerist und Immobilienhai.
Geißlers Roman liest sich teils als heitere, lustvolle Demontage einer Pflichtlektüre aus dem Deutschleistungskurs. Elemente aus Kleists Novelle werden zitiert und sogleich negiert, z.B. als die Kohlhaas die Schwester des verhassten von Tronka trifft – allerdings unter anderen Vorzeichen als in der Vorlage:
Später, als das Schlachtfest vorbei war, das ja kein Schlachtfest wie das Kloster kein Kloster und die Nonne keine Nonne gewesen war, zog die Kohlhaas ihren Wagen auf das Gelände, wo die Zelte gerade abgebaut und in einem Bauwagen verstaut wurden.
Das hat Witz. Vor allem, wenn man den Originaltext parat hat.
Weniger Wucht, mehr Gegenwart
Zu diesen klaren Setzungen gegen die Vorlage passt es, dass Geißlers Roman eine andere Dynamik entfaltet: Anders als ihr Kleistscher Namensvetter zettelt Michaela Kohlhaas keinen Aufstand an, führt keinen plündernden und marodierenden Haufen durchs Land, sondern bleibt allein. Ihr Ausbruch wird dennoch gesellschaftlich gedeutet:
Das Erstaunliche war nicht, dass die Kohlhaas aufbrach und ausbrach, sondern dass nicht viel mehr Leute es ihr nachtaten, dass niemand ihr gleich schon in die Öffentlichkeit geschobenes Leben, ihren dann in der Öffentlichkeit handelnden, leidenden, juckenden, jubilierenden Körper zum Anlass nehmen würde, es ihr nachzutun.
Während in Kleists Novelle die rasante Handlung von Satz zu Satz konsequent vorangetrieben wird, wirkt die erzählerische Bewegung in Geißlers Roman eher tastend, fast suchend. Die Ich-Erzählerin unternimmt Anläufe, sich und uns diese merkwürdige Frau zu erklären:
Die Kohlhaas war ein vielschichtiges, kluges Gefäß am Puls der Zeit, randvoll mit Lust, gleich in alle Richtungen zu zerspringen, mit ihren Scherben Scheiben einzuschlagen, Botschaften zu ritzen; sie war fast schon bereit.
Auch wenn die Beweggründe für ihr Handeln oft unklar bleiben, ist uns Geißlers Figur in einem nah: Sie lebt in der Gegenwart. Und so enthält Geißlers Roman zahlreiche kluge Beobachtungen unserer heutigen Lebenswelt und einige Seitenhiebe auf die großen und kleinen Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft – ob nun in der Arbeitswelt, im Zusammenleben der Geschlechter oder im Umgang mit den „Aussortierten“ unserer Gesellschaft.
Weibliche Neuschreibung ohne Selbstjustiz
Heike Geißlers Michaela Kohlhaas ist, anders als der Titel es vielleicht vermuten lässt, keine große feministische Racheerzählung. Die schreckliche Selbstjustiz des Originals bleibt aus – und damit auch jede Art von Genugtuung.
Der Stoff um den historisch verbürgten Michael Kohlhaas hat viele Kunstschaffende nach Kleist zu Interpretationen, Bühnenfassungen und auch Verfilmungen angeregt, zuletzt im Jahr 2013 mit Mads Mikkelsen unter der Regie von Arnaud des Pallières.
Geißlers Roman stellt nun die bedenkenswerte Frage, wie ein weiblicher Michael Kohlhaas heute handeln könnte, wie ein weibliches Auflehnen gegen die Mächtigen aussehen könnte. Die Antwort ist ernüchternd: Michaela Kohlhaas’ Verweigerung erscheint nicht als Befreiung, nicht einmal als aufsehenerregendes Aufbegehren, sondern als Absturz, ja, als sang- und klangloser Untergang einer Frau, zumindest von außen betrachtet.
Und so ist der Roman nicht nur das Portrait einer Frau, sondern auch der Zeit und der Gesellschaft, in der sie lebt:
Ihre Schrecklichkeit konnte es dabei niemals mit der Schrecklichkeit der Gangster, Monster, also mit all der Schrecklichkeit der Mächtigen dieser Zeit aufnehmen, das würde bald klar werden. Im Gegensatz zu den Mächtigen fehlte ihr der Wille, beliebig zu verachten und ihr eigenes Wohlergehen über das aller anderen zu stellen.
Heike Geißler: Michaela Kohlhaas. Roman, Suhrkamp Verlag, 256 S., ISBN: 978-3-518-43280-8
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Was wäre, wenn Michael Kohlhaas nicht im 16. Jahrhundert, sondern heute lebte – und eine Frau wäre? Diesem Gedankenspiel folgt Heike Geißler in ihrem neuen Roman: Michaela Kohlhaas erzählt die Geschichte eines weiblichen Aufbegehrens. Gelesen fürs Literaturportal Bayern hat das Buch die Münchner Autorin Carola Gruber.
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„Wenn ich ehrlich bin, wäre ich ihr lieber nicht begegnet.“ Das gibt die Erzählerin gleich zu, als sie beginnt, von einer außergewöhnlichen Frau zu berichten. Der Widerwille hat jedoch nichts mit Abneigung zu tun. Auch nicht mit den „Herausforderungen, Peinlichkeiten und Zumutungen“, die mit der Begegnung verbunden waren. Vielmehr ist es so, dass die Erzählerin diese Frau schmerzlich vermisst – sie trauert um ihre Freundin. Denn die ist nun tot.
Beispielhafte Frau
Die Frau, um die es geht, ist für die Erzählerin „die große Frau des Jahrhunderts“. Sie heißt Michaela Kohlhaas – so hat Heike Geißler die titelgebende Figur ihres neuen Romans in Anlehnung an Heinrich von Kleists Novelle Michael Kohlhaas genannt.
Im Rückblick erfahren wir vom Leben dieser Frau, die kaum mehr als vierzig Jahre alt wurde. Bis zu Beginn ihres letzten Lebensjahrs war sie „brav und fleißig“, geradezu eine „Magd der Regeln“: mit Kindheit in der DDR, eine vorbildliche Schülerin, dann eine unauffällige Bürgerin, die als stellvertretende Friedhofsverwalterin eines städtischen Friedhofs im Süden von Leipzig arbeitet.
Diese „beispielhafte Frau“ bricht eines Tages aus ihrem gewohnten Leben aus: Sie beendet ihren Arbeitstag vorzeitig, packt zuhause ein paar Dinge und bricht auf – Ziel ungewiss. Sie ist maximal unvorbereitet, selbst der gepackte Rucksack bleibt in der Wohnung zurück.
Ein etwa zwölf Monate andauerndes Leben auf der Straße beginnt: Michaela Kohlhaas wandert übers Land, die Kleidung und die Schuhe zunehmend verschlissen, sie schläft draußen, wäscht sich nicht, fällt negativ auf und gehört zu den „Aussortierten“. Sie ist „eine grölende, manchmal tirilierende Absage.“
Einen konkreten Anlass für diesen Ausbruch gibt es nicht. Vielmehr bleibt dieser für die Figur selbst unklar:
Befragte die Kohlhaas sich selbst, hätte sie keinen Anlass für alles Kommende nennen wollen. Das wäre dem Versuch gleichgekommen, aus einer gut vermischten Farbe einzelne Pigmente herauszulösen.
Kleist als Vorlage und Gegenbild
Dieser anlasslose Abschied aus dem Alltag unterscheidet Geißlers Figur von Kleists Michael Kohlhaas, dem Rosshändler, der sich gegen ihm widerfahrenes Unrecht so beharrlich und letztlich brutal auflehnt, dass er darüber alles verliert, zum Schluss auch sein Leben.
Kleists Novelle ist durchgehend als Folie in Geißlers Roman präsent, etwa durch die Namen der Figuren und der Orte, das Setting in Sachsen und auch durch eingestreute Zitate. In einer augenzwinkernden Umdeutung wird die Tronkenburg etwa – in Kleists Novelle der Sitz des windigen, dem Alkohol zugeneigten Junckers Wenzel von Tronka – in Geißlers Roman eine „alte Kneipe im Erdgeschoss eines Plattenbaus“. Das „Landesherrliche Privilegium“ hat nun nichts mit einem unrechtmäßig erhobenen Wegzoll zu tun, sondern ist ein Drink, der dort zur Neueröffnung gereicht wird. Und Wenzel von Tronka ist kein rechtsbeugender Juncker, sondern ein selbstherrlicher, schmieriger Galerist und Immobilienhai.
Geißlers Roman liest sich teils als heitere, lustvolle Demontage einer Pflichtlektüre aus dem Deutschleistungskurs. Elemente aus Kleists Novelle werden zitiert und sogleich negiert, z.B. als die Kohlhaas die Schwester des verhassten von Tronka trifft – allerdings unter anderen Vorzeichen als in der Vorlage:
Später, als das Schlachtfest vorbei war, das ja kein Schlachtfest wie das Kloster kein Kloster und die Nonne keine Nonne gewesen war, zog die Kohlhaas ihren Wagen auf das Gelände, wo die Zelte gerade abgebaut und in einem Bauwagen verstaut wurden.
Das hat Witz. Vor allem, wenn man den Originaltext parat hat.
Weniger Wucht, mehr Gegenwart
Zu diesen klaren Setzungen gegen die Vorlage passt es, dass Geißlers Roman eine andere Dynamik entfaltet: Anders als ihr Kleistscher Namensvetter zettelt Michaela Kohlhaas keinen Aufstand an, führt keinen plündernden und marodierenden Haufen durchs Land, sondern bleibt allein. Ihr Ausbruch wird dennoch gesellschaftlich gedeutet:
Das Erstaunliche war nicht, dass die Kohlhaas aufbrach und ausbrach, sondern dass nicht viel mehr Leute es ihr nachtaten, dass niemand ihr gleich schon in die Öffentlichkeit geschobenes Leben, ihren dann in der Öffentlichkeit handelnden, leidenden, juckenden, jubilierenden Körper zum Anlass nehmen würde, es ihr nachzutun.
Während in Kleists Novelle die rasante Handlung von Satz zu Satz konsequent vorangetrieben wird, wirkt die erzählerische Bewegung in Geißlers Roman eher tastend, fast suchend. Die Ich-Erzählerin unternimmt Anläufe, sich und uns diese merkwürdige Frau zu erklären:
Die Kohlhaas war ein vielschichtiges, kluges Gefäß am Puls der Zeit, randvoll mit Lust, gleich in alle Richtungen zu zerspringen, mit ihren Scherben Scheiben einzuschlagen, Botschaften zu ritzen; sie war fast schon bereit.
Auch wenn die Beweggründe für ihr Handeln oft unklar bleiben, ist uns Geißlers Figur in einem nah: Sie lebt in der Gegenwart. Und so enthält Geißlers Roman zahlreiche kluge Beobachtungen unserer heutigen Lebenswelt und einige Seitenhiebe auf die großen und kleinen Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft – ob nun in der Arbeitswelt, im Zusammenleben der Geschlechter oder im Umgang mit den „Aussortierten“ unserer Gesellschaft.
Weibliche Neuschreibung ohne Selbstjustiz
Heike Geißlers Michaela Kohlhaas ist, anders als der Titel es vielleicht vermuten lässt, keine große feministische Racheerzählung. Die schreckliche Selbstjustiz des Originals bleibt aus – und damit auch jede Art von Genugtuung.
Der Stoff um den historisch verbürgten Michael Kohlhaas hat viele Kunstschaffende nach Kleist zu Interpretationen, Bühnenfassungen und auch Verfilmungen angeregt, zuletzt im Jahr 2013 mit Mads Mikkelsen unter der Regie von Arnaud des Pallières.
Geißlers Roman stellt nun die bedenkenswerte Frage, wie ein weiblicher Michael Kohlhaas heute handeln könnte, wie ein weibliches Auflehnen gegen die Mächtigen aussehen könnte. Die Antwort ist ernüchternd: Michaela Kohlhaas’ Verweigerung erscheint nicht als Befreiung, nicht einmal als aufsehenerregendes Aufbegehren, sondern als Absturz, ja, als sang- und klangloser Untergang einer Frau, zumindest von außen betrachtet.
Und so ist der Roman nicht nur das Portrait einer Frau, sondern auch der Zeit und der Gesellschaft, in der sie lebt:
Ihre Schrecklichkeit konnte es dabei niemals mit der Schrecklichkeit der Gangster, Monster, also mit all der Schrecklichkeit der Mächtigen dieser Zeit aufnehmen, das würde bald klar werden. Im Gegensatz zu den Mächtigen fehlte ihr der Wille, beliebig zu verachten und ihr eigenes Wohlergehen über das aller anderen zu stellen.
Heike Geißler: Michaela Kohlhaas. Roman, Suhrkamp Verlag, 256 S., ISBN: 978-3-518-43280-8
