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Rezension zu David Vajdas Roman „Diamanten“

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© Hanser Verlag

Der Autor David Vajda hat mit Diamanten (Hanser Verlag 2026) ein bemerkenswertes Debüt vorgelegt. Fiona Rachel Fischer hat den Roman für das Literaturportal Bayern gelesen. 

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Sie sind Kater, Himbeeren oder Diamanten: Letzteres ist auch der Titel von David Vajdas tragikomischem Romandebüt über vier erwachsene Geschwister, die ihre Mutter an eine schreckliche Krebserkrankung verloren haben und nun über ein Jahr hinweg in verschiedenen familiären Situationen die Beziehung zu ihren Verwandten wieder aufzubauen versuchen.

Der erste – und mit Abstand humoristischste – ist der Vater von dreien der Geschwister, der sich solch außergewöhnliche Kosenamen wie eben Kater, Himbeeren oder Diamanten für seine Kinder ausdenkt, „keine Einladung zu Sentimentalität aus[schlägt]“ und immer vom „Krepieren“ redet.

Der Roman wird getragen von den Charakteren, die David Vajda messerscharf zeichnet: Die Geschwister des Ich-Erzählers, der melancholische Benny, die toughe Ada und „Blondie“, auch „der Pinsel“ genannt. Der Onkel Maximilian, dem insgeheim viel Schuld an dem unwürdigen Tod gegeben wird, den die Mutter sterben musste, und der sich durch quetschende Umarmungen ebenso insgeheim zu entschuldigen scheint. Die Tante Eleonora, die immer müde ist, ihrem Neffen sein Auto geklaut hat, und übernatürliche Eingebungen aller Art empfängt, die sie „Downloads“ nennt. In den Beziehungen zu diesen Figuren werden schwere Themen verhandelt, Schuld, Verlust, die richtige oder falsche Art zu Trauern, Familiengefühl, Zusammengehörigkeit und Identität.

Ein Sammelsurium an lebendigen Figuren

Der Roman Diamanten ist ein Sammelsurium an ausschließlich aberwitzigen Charakteren, denen man in Familienzusammenkünften und bei Festen immer wieder begegnet. Es sind nicht nur die Eigenheiten der beschriebenen Personen, sondern ihre Gewohnheiten, Sprechweisen und Mikrohandlungen, die man bei der Lektüre so gut kennenlernt, dass man irgendwann im Lesen ausrufen möchte: „ja, das ist doch typisch Benny“ oder „die Eleonora schon wieder!“. Mit einer Plastizität wie nach dem Lehrbuch erschafft Vajda Figuren, die allesamt exzentrisch sind und bunt und erzählerisch laut.

Das ist immanent für die Grundhaltung des Romans: Die Welt, in der sich Diamanten bewegt, ist die der Erben, der Kunstschaffenden und der Kreativen, derjenigen, die es sich leisten können, mit Kunst den Lebensunterhalt zu bestreiten oder es sogar in die Höhen von Hollywood geschafft haben. Das Ringen um Projekte, Förderungen und Aufmerksamkeit ist nur ein kurzer Federstrich, ansonsten glitzert diese Welt so extravagant, wie sie es in Zeiten von gekürzten Geldern und Kulturdesinteresse kaum kann.

Ein Insider der Inteligentsia

Der ganze Roman nimmt eine geisteswissenschaftliche, betont gebildete Perspektive ein: Mit Schachtelsätzen, die stellenweise über eine dreiviertel Seite gehen, blockhaft gesetzten Seiten ohne Absatz und eingestreutem Jargon wie „social bodies“, „Materialität“ oder „Positionalität“, spricht der Text diejenigen an, die Kultur akademisch zu betrachten wissen. Diejenigen, die in dem Roman vielleicht einen Spiegel ihrer selbst sehen und die darin verpackte Kritik verstehen, die man auch auf den Text selbst anwenden könnte, der diese Menschen anspricht: dass die Welt der Kultur-Intelligentsia nun mal eine verschlossene ist, dass ihre Codes ausschließend und dadurch schnell überkandidelt wirken. So bleibt diese Kultur-Kritik zugleich ein Insider unter den Adressaten.

Doch der Autor ist trotzdem um Dynamik bemüht, hat auch schüchterne Figuren, kurze Stakkato-Sätze oder Wiederholungen à la Caroline Wahl, die dem Schema indirekte Rede – direkte Rede – Erklärung der direkten Rede folgen: „Das werde richtig lecker. ‚Das wird richtig lecker.‘ Er hebt seine Stimme beim ‚lecker‘, drückt Freude vor allem durch Lautstärke aus.“

Eine ganz besondere Art der Liebe

Dabei steigt David Vajda meisterhaft in die schräge Welt seines Romans ein, mit einem Familienausflug zum Titograb, das emotional und organisatorisch ein genüssliches Chaos ist und die Spannungsfelder Identität, Familie, Kunst und Politik mit großer Eleganz öffnet. Der Vater ist eine Mischung aus gescheitertem Künstler und heimatlosem Ex-Jugoslawen, der viel zu bereuen scheint, aber eine ganz besondere Art der Liebe für seine Kinder hat, und diese Liebe gibt es im Übermaß. Besonders die Kapitel mit dem Vater sind gewitzt, sympathisch und voller Humor; man wünscht sich beim Lesen, der Vater hätte eine bessere Beziehung zur Familie seiner verstorbenen Ex-Frau, würde an den Clantreffen teilnehmen und ihnen etwas echte Herzlichkeit hinzufügen.

Denn da gibt es eine Leerstelle, die die Geschwister unglaublich schmerzt und den Rest der Familie fast schon peinlich berührt mit den Schultern zucken lässt: ihre Mutter, die in einem traumatisierenden Leidensweg ihrem Krebs erlegen ist. Mit einem traurigen Lächeln wird ihre Geschichte in Rückblenden erzählt. „Ihr Charakter sei hinter der Fürsorge verschwunden. Nicht versteckt, verschwunden. Und jetzt durch den Tod erst recht. Die Mutter sei gestorben und die ganze Person mit ihr“, wird Ada zitiert, als sie ihrer Cousine die Mutter beschreiben soll. Und auch wenn die anderen Geschwister empört sind, stimmt es doch: man erfährt wenig über diese zentrale Figur, nur Überreste ihrer Stärke, wenn es um ihren Todeskampf geht, ihre abgelaufene Lebensfreude, als das Ende unausweichlich ist. Es sind Fragmente einer Lebens, das die Krankheit übernommen hat. 

Eine schonungslose Konfrontation mit dem Tod

Schonungslos blickt die Erzählung dabei dem Tod in all seiner Härte ins Auge, zeigt auch die administrativen Seiten vom Ableben eines Menschen, um die sich die trauernden Angehörigen kümmern müssen. Die gemeinsam ausgefüllten Anträge auf Sterbehilfe, das rasselnde Atmen im Palliativzimmer, das irgendwann fast unbemerkt aufhört, der Sack, mit dem das Bestattungsinstitut die Leiche abholt. Der Text stellt sich dem Thema schonungslos; in den Rückblenden bricht die Verzweiflung durch, während die Familientreffen der Jetztzeit mit ihrem glanzvollen Hedonismus gerade trösten können, bis die nächste Episode des Todeskampfes kommt. Der Autor stößt hier die Tür zu den Emotionen seiner ProtagonistInnen ganz weit auf. So weit, dass die modische Erscheinung einer Triggerwarnung, wie man sie aus der weniger hochwertigeren Belletristik kennt, hier gut zu tragen gekommen wäre.

Dennoch endet der Roman mit Lachen. Es ist ein versöhnliches Ende, das trotzdem keine Lösung findet für etwas, das nicht gelöst werden kann. Am Ende der Lektüre blickt man auf vier Geschwister, die fest aneinander geschweißt sind, die einander halten und miteinander lernen, dem Leben zu verzeihen. Und ist das nicht eine wichtige Lektion, an der David Vajda da teilhaben lässt? 

 

David Vajda, Diamanten. Roman. Hanser Berlin 2026, 176 S., ISBN: ISBN 978-3-446-28584-2

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