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Peer

... flieht aus der Stadt, und wie ein Schwimmer, der zu weit aufs Meer hinaus krault, schafft er es fast nicht mehr zurück. Er hat seit seiner Kindheit Angst vor dem Land. Zu Recht.

Später kann er nicht mehr genau sagen, von welchem Zeitpunkt an er das sichere Gefühl hatte, dass er sich in Gefahr begab. Es gab Vorzeichen. Das Außenbecken des Südbads in der Valleystraße musste Leck geschlagen haben, Wassermassen fluteten Peers Auto entgegen Richtung Implerstraße, auch der Harras war weiträumig abgesperrt und als der Stau am Luise-Kiesselbach-Platz ihn endlich entließ, dämmerte es bereits. Die Stadt wollte ihn nicht gehen lassen. Nufels erreichte er erst nach Einbruch der Dunkelheit, Faggen, Kauns und Berneck waren seinem Navigator schon nicht mehr bekannt, und so fuhr er, wegen einer mit jedem Jahr stärker werdenden Nachtblindheit ohnehin nicht gerne abends mit dem Auto unterwegs, eine Zeit lang mit zu Schlitzen verengten Augen und weit über das Lenkrad gebeugt durch ausgestorbene Ortschaften von oft nicht mehr als fünf Häusern, Höfen und Scheunen. Nur einen Steinwurf entfernt stieg linkerhand das Bergmassiv empor, das sich hinter Landeck plötzlich aufgetan hatte, und einige Male befürchtete Peer, geblendet von den grellen Zerrmustern entgegenkommender Scheinwerfer, im nächsten Moment an der Felswand zu zerschellen. Er sah häufiger als nötig in den Rückspiegel. Ein seltsames Geräusch, das er nicht zuordnen konnte, irritierte ihn einige Minuten so stark, dass er das Radio ausstellte, um auf den Motor zu horchen. Es war ein helles Klimpern, als spielte jemand in seiner Hosentasche mit Kleingeld. Das ist das Kichern des Berges, dachte er, den ich an seinen Füßen kitzle. Als er nach einer Ewigkeit, wie es ihm vorkam, endlich eine geduckte Gestalt aus der Tür eines kleinen Bauernhauses treten sah, betätigte er den elektrischen Fensterheber und fragte nach dem Weg. Er war offenbar schon ganz in der Nähe, die alte Frau musste ihre Antwort jedoch dreimal wiederholen, so schwer verstand er ihre Mundart. Aus der Nähe wirkte sie noch kleiner, eine im Zwielicht leuchtende Warze sprang unter ihrer Nase hervor, eine Schürze umspannte ihren mächtigen Leib – als Kinder hatten Peer und seine Schwester sich so Hexen in Märchen vorgestellt. Aus alter Gewohnheit überlegte er sich sofort einen Namen für sie, verwarf Erna und Friedegard, legte sich schließlich auf Ludwina fest. Was er denn in Nufels wolle, fragte sie skeptisch und äugte durch die Scheibe auf seine Rückbank, als vermutete sie dort einen Entflohenen. Peer murmelte etwas von Wandern und Schreiben und drückte aufs Gas. Vielleicht war das der Augenblick, als seine Beunruhigung begann. Mehrfach blickte er auf den letzten Metern bis zu seiner Unterkunft neben sich auf den Beifahrersitz, um sich zu vergewissern, dass Ludwina nicht plötzlich bedrohlich grinsend neben ihm saß. Das Land hatte ihm schon immer Angst gemacht. Erst als er in der Bauernhofpension Sonnenheim Quartier bezogen hatte und auf der Suche nach einem Wirtshaus durch die Nacht war, wurde seine Atmung tiefer, sein Gang ruhiger. Der Himmel war sternenklar, die Berge ringsum dunkle, riesige ausradierte Flächen. Auf den Feldern türmten sich Hunderte in blauem Plastik eingeschnürte Heuballen wie aufgetriebene Geschwülste. Ein Bach rauschte in der Nähe. Menschen kommen von weit her, um das hier zu erleben, sagte er sich, diese Ursprünglichkeit, diese Luft, doch der Geruch bereitete ihm Ekel, der Geruch von nassem Heu, von Kühen, von Dung, der erdige Gestank der Natur, aber auch der Fäulnis, der Verwesung. Schon als Kind hatte er in ihrem Garten stets einen großen Bogen um den Komposthaufen gemacht. Auf dem Rückweg kam ihm ein Mann mit Filzhut entgegen, wortlos wollte er ihn passieren, als dieser ein „Na, servus“ über die Straße warf. Erschrocken brachte auch Peer ein „Servus“ hervor, doch es klang, als würde er rülpsen. Erst da bemerkte er, dass dem Mann ein Gewehr über der Schulter hing. Später schlief er schlecht. Obwohl er das Fenster schloss.

Beim Frühstück beugte er sich mit dem Großvater des Hauses über Landkarten und Wanderpläne. Als er erklärte, er wolle über die Dörfer und entlang der Gletscherstraße bis zum Gepatschhaus und dann über den Pass hoch zur Radurschlalm laufen, musterte der Alte ihn, mehr besorgt als belustigt, und sagte nur „Allein? Ja dann, Glück auf“, und dass er Acht geben sollte. „Warum denn“, fragte Peer nervös, aber der Alte schüttelte nur den Kopf und fragte zurück, „Willst Du etwa so in den Berg gehen?“ Peer gewöhnte sich nur langsam daran, dass man sich hier duzte. Aber tatsächlich trug er noch seine Bürokleidung und hatte nur Turnschuhe dabei.

Der Himmel war bedeckt, als er hinaustrat. Peers erstes Ziel war eine barocke Kirche aus dem 12. Jahrhundert im Nachbarort Kaltenbrunn, dem ältesten Wallfahrtsort Tirols, wie die Legende seiner Karte ihm verriet. Dass der Erbauer der ersten steinernen Kapelle, ein Edelmann von Schenkenberg, seinerzeit hierher gekommen war und sich als Einsiedler niedergelassen haben soll, um für einen von ihm begangenen Mord zu sühnen, verwunderte Peer schon nicht mehr. Eher fragte er sich, ob es an einem Ort wie diesem überhaupt möglich war, nicht zum Verbrecher zu werden. Da es Sonntag war, hoffte er, die Dorfbewohner beim Kirchgang beobachten zu können. Als er den vorgelagerten ummauerten Friedhof erreichte, stand dort in Sonntagstracht schon eine Handvoll Menschen in der Kühle des Morgens und stieß weiße Atemwölkchen aus. Sie musterten ihn skeptisch, mit seinem langen, schwarzen Herbstmantel und einem Notizblock in der Hand fiel er als Fremder auf, und grüßten ihn mit einem einstimmigen „Morgen“. Es klang wie eine Warnung. Um nichts erklären zu müssen, umrundete er die Kirche, von der aus er einen weiten Blick ahnte ins noch nebelverhangene Tal und auf die Pillerhöhe, schob sich entlang der Gräber, die keine Steine sondern mit Stahlranken und eisernen Rosen verzierte Messingkreuze trugen, fast alles Familiengräber, in manchen ruhten schon vier Generationen. Peer studierte die Namen sowie Geburts- und Sterbedaten, berechnete die Dauer dieser Leben und blieb schließlich stehen am Grab einer Familie Penz. Johann, Irma, Franz, Paula, Comedius und Andreas Penz lagen hier, der älteste seit 1935, der jüngste, Andreas, war nur dreiundzwanzig Jahre alt geworden. Er hatte dasselbe Geburtsjahr wie Peer. Mit Unbehagen, als ginge ihn das Schicksal der Familie Penz etwas an, eilte Peer weiter, rüttelte an der noch verschlossenen Eingangstür, und wusch seine Hände in einer Gebirgsquelle, von der eine Tafel behauptete, nach ihr hätte Kaltenbrunn seinen Namen. Peer ärgerte sich über seinen Fluchtinstinkt und wandte sich wieder den vor der Kirche Wartenden zu. Man nickte ihm wissend entgegen, als sei man eingeweiht in seinen dunklen Plan, immer mehr Mitglieder der Gemeinde kamen nun herbei und strömten hinein ins Mittelschiff. Er reihte sich ein, und als er, kurz vor dem Eingang, noch einmal am Grab der Familie Penz vorbeikam, fragte er seinen Nebenmann, so unvermittelt, als spielten sie seit Jahren zusammen Skat: „Woran ist der Penz Andreas eigentlich so jung gestorben?“ So verwegen er sich vorkam, so groß war sein Schreck, als er gleich darauf in dem Mann den nächtlichen Jäger vom Vorabend erkannte, der nun seinerseits ganz selbstverständlich und mit solch scharfem Nachdruck antwortete, als führten sie ein Stück auf: „Besser nicht an den alten Geschichten rühren, glaub mir.“ Das war alles. Im Inneren der Kirche ließ sich Peer zurückfallen und schlüpfte in eine der hinteren Reihen, die kurz darauf bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Die Alten knicksten mühsam in Richtung des Kreuzes, fanden ihre angestammten Plätze, Kleinkinder schrien auf den Armen ihrer Väter und Großväter, alle bewegten sich zielgerichtet wie nach einer alten, allen bekannten Ordnung. Dass Erntedank gefeiert wurde, merkte Peer erst, als der Pfarrer, ein Dr. Michael Wilhelm, wie er später in einem Prospekt las, mit erhobenem Finger mahnte, nur wer an die Schöpfung glaube und sich nicht von den Wissenschaften blenden lasse, dürfe dieses Fest begehen. Peer war sicher, dass er in seine Richtung blickte, als er zu den Schlussworten der Predigt ansetzte: „Arm ist der, der niemandem danken kann.“ Beim Gesang war Peer der Einzige, der ins Textbuch schaute. Er entdeckte Ludwina in der Reihe vor sich, aber als man sich zum Zeichen der Verbundenheit die Hände reichen sollte und er ihr seine entgegenstreckte, wurde sie rot und sah zur Seite. Peers Magen knurrte, als die Gemeinde sich zum Abendmahl anstellte, und er floh unter strafenden Blicken, die sich auch nicht aufhellten, als er deutlich zu viel Geld in den herumgereichten Klingelbeutel warf.

Draußen empfing ihn Sonnenschein, das Tal konnte man nun weit überblicken, er atmete tief durch wie nach einer Prüfung, und dass dieser Morgen wie gemacht schien für seine Wanderung, beschwingte ihn. Hätte er nicht solchermaßen unvermutet das Gefühl gehabt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, er wäre vermutlich gar nicht mit Oehler ins Gespräch gekommen. Zumal man nicht übersehen konnte, dass der nicht mehr ganz bei sich war. Entgegen seiner Art sprach Peer ihn im Vorübergehen an; warum er denn nicht wie alle anderen zum Erntedank in der Kirche sei, fragte er, und Oehler, der mit weit ausholenden Schritten, vorgeneigtem Oberkörper und gesenktem Kopf leise vor sich hin flüsternd die Bergstraße hinab in Richtung der Ortschaft Platz ging und dabei von Zeit zu Zeit den rechten Zeigefinger anfallartig in die Luft stieß, erschrak heftig, als hätte er von ihm einen Schlag zu befürchten, und sagte sogleich, in der Kirche sei er schon lange nicht mehr gewesen, zumindest seit er sonntags diese Strecke mit Karrer gehe, oder vielmehr gegangen sei, denn Karrer, mit dem er noch letzte Woche hier spazierte, wäre nun doch vollkommen und endgültig verrückt geworden und zweifellos für immer hoch nach Steinhof gebracht worden. Das habe auch Scherrer geäußert, der mit ihm betraute Psychiater, der ihn, Oehler, für heute Mittag zu einem neuerlichen Gespräch über die genauen Umstände von Karrers Verrücktwerden gebeten habe. Auch über Hollensteiner, so stehe zu befürchten, werde bei dem Verhör zu sprechen sein, jawohl Hollensteiner, die ehemalige Koryphäe auf dem Wissenschaftsgebiet der Chemie, denn dieser sei ein enger Freund Karrers, oder vielmehr gewesen, denn Hollensteiner sei ja bereits vor Monaten ins Wasser gegangen. So sprach er ohne Unterbrechung. Ob er Peer dabei überhaupt wahrnahm, konnte dieser nicht einschätzen. Mehrfach versuchte er, etwas zu erwidern, auf Verwirrte muss man eingehen, erinnerte er sich, dann werden sie nicht gefährlich, aber schon nach wenigen Minuten verwünschte er seinen Übermut und hielt Ausschau nach Möglichkeiten, sich dem Ansturm zu entziehen. Nachdem sie Platz durchlaufen hatten, eine Ortschaft, die wie von allen Seelen verlassen da lag, erblickte Peer hinter einem verfallenen Hotel den Eingang zu dem vom Kaunertaler Kulturverein geführten Talmuseum. Er begann schon Verabschiedungsformeln an Oehler zu richten, doch dieser folgte ihm mit dem Hinweis, auch Karrer und er hätten sonntags, wenn sie hier gegangen seien, stets im Talmuseum Station gemacht, vor allem im Winter, wenn Karrer, von einer andauernden Angst vor Verkühlung getrieben, darauf bestanden habe, sich dort aufzuwärmen, nur um dann drinnen sogleich Beklemmungen und Erstickungsgefühle zu erleiden, aber das seien natürlich schon deutliche Anzeichen seines vollkommenen und endgültigen Verrücktwerdens gewesen. Sie betraten das niedrige, fensterlose Schindeldachgebäude ohne jemandem zu begegnen oder ein Eintrittsgeld zu entrichten, gelangten über eine Kellertreppe in eine Vielzahl labyrinthisch in einander verwinkelter Ausstellungsräume. An der Decke verliefen Gasadern, und die wenigen schweren Messingleuchten, die die Exponate nur spärlich beleuchteten, hingen wie Fangarme herab. Es herrschte absolute Stille, sogar Oehler war verstummt. In seit langem nicht abgestaubten Vitrinen lag ohne ersichtliche Ordnung ein Sammelsurium Peer gänzlich unbekannter Gegenstände: Kräutermörser, Sauerkübel, Pechhacken – durch die Zeit gerettete Zeugnisse landwirtschaftlicher und handwerklicher Geschicklichkeit und entbehrungsreicher Leben. Ein Pfundwagen und ein Dutzend Forstgeräte aus dem frühen 18. Jahrhundert waren erhalten geblieben, eine Turbine aus dem ersten Wasserkraftwerk stand in der Ecke. Daneben hing die frühere Turmuhr der Muflerkapelle an der Wand, im nächsten Raum, der tonnengewölbt und rauchgeschwärzt wie eine alte bäuerliche Küche war, notierte sich Peer Tabakschneider, Wiegemesser, Wurstfüller, Kaser, Schmalzfässer, Waschrumpel und Milchstotzen in seinen Block. Er stieß sich die Hüfte an einer transportablen Schusterwerkstatt, die ihn an glückliche Nachmittage seiner Kindheit an der Hobelbank seines Vaters erinnerte, und strich über die rostige Oberfläche riesiger stählerner Geräte zur Flachs- und Wollverarbeitung. Oehler blieb immer dicht hinter ihm. Eine eigentümliche Ruhe hatte sie seit ihrem Eintritt umgeben, nur ihre langsamen, immer wieder stockenden Schritte auf dem Dielenboden waren zu hören und von Zeit zu Zeit Oehlers leise Stimme, mit der er Peer, wann immer er ein Ausstellungsstück länger betrachtete, den entsprechenden Namen und die ursprüngliche Anwendungsweise zuflüsterte. Er war wie verwandelt. Der hastige Furor war von ihm gewichen, derselbe Mann, dessen nervöses Wortstakkato Peer noch Minuten zuvor betäubt und fast in die Flucht geschlagen hatte, erklärte ihm nun mit dem sanften Gleichmut eines Dorfschullehrers, dass das Tal einst Weidegebiet für Kelten, Räter und Römer gewesen und erst im 11. Jahrhundert dauerhaft besiedelt worden sei. Dass hier später sogar Kaiser Maximilian seiner Jagdleidenschaft gefrönt habe, und wie der am Poschenhof geborene Tischler Melchior Hefele ein weltberühmter Architekt im Dienste der Kirchenfürsten wurde. Woher er das alles wisse, fragte ihn Peer und überlegte, warum sie flüsterten, doch Oehler blickte ihn nur an, als hätte Peer ihn beleidigt. Dann ging er voran in einen angrenzenden stillgelegten Bergbaustollen, in dem auf Schürfrosten exemplarisch ausgebreitet Silber, Kupferkies und Schwefel funkelten. Seine Schritte hallten wie in einem langen Tunnel, und Peer wollte ihm schon nachfolgen, als sein Blick auf eine kleinformatige Fotografie fiel, die in einer schmalen, dem Bergsteigen gewidmeten Seitennische hing, zwischen abgefahrenen Kufen alter Schlitten, zu riesigen Knoten aufgrollten Seilen und stumpfgeschlagenen Spitzhacken. Er verharrte augenblicklich, denn für eine Sekunde glaubte er, in ein ihm zutiefst vertrautes Gesicht zu sehen. Die an den Seiten bereits aufgerollte Schwarzweißaufnahme, die die Jahrzehnte trüb-gelblich verblichen hatten, zeigte einen verhalten lächelnden Mann im Gebirge, der mit gespreizten Beinen im Schnee saß, neben ihm waren seine Ski und Stöcke in den Boden gerammt. Den Rucksack hatte er abgelegt, ebenso Mütze und Handschuhe, hinter ihm war nicht weit entfernt ein Gipfelkreuz verschwommen zu erkennen, ringsum nichts als weiße Bergkuppen. Gleißender Sonnenschein ließ ihn blinzeln, eine Hand schirmte die Augen ab, die mehr als der Rest des Gesichtes sein vorgerücktes Alter verrieten. Der Blick des Mannes ging kaum merklich an der Kamera vorbei und richtete sich auf etwas, das weit entfernt zu sein schien, eine heimliche Beunruhigung lag darin, so als traute er der Witterung nicht und fürchtete schon um einen sicheren Abstieg. Fast unleserlich, in krakeliger Schrift, stand unter dem Bild: Bergführer Eduard Naegele, Glockturm, Februar 1940. Peers Knie waren weich, wie früher, wenn er beim Fußball zum entscheidenden Elfmeter antrat, doch erst jetzt verstand er, warum. Der Mann auf der Fotografie glich bis aufs Haar seinem Vater, der vor weniger als einem Jahr an einer seltenen Krankheit gestorben war. Die kerzengerade Haltung des Rückens, der leicht schief gelegte Kopf, die weit auseinander liegenden Augen. Das war der Augenblick, in dem Peer entschied, seine Route zu ändern. Er musste auf den Glockturm. Eine Tür schlug zu und er erschrak. Er horchte auf Oehlers Schritte, doch nichts war zu hören, nur wieder jenes hohe, klirrende Geräusch, als spielte jemand mit Kleingeld. Peer trat an den dunklen Stollen, in dem Oehler verschwunden war und der aussah wie der Eingang zu einem tief hingestreckten steinernen Iglu. „Herr Oehler?“ rief er vorsichtig, dann noch einmal lauter, keine Antwort. Mit einem Mal schien ihm nichts logischer, als dass Oehler sich an ihm vorbei nach oben geschlichen und ihn an diesem wie aus der Welt gefallenen, unterirdischen Ort eingesperrt hatte. Er begann zu laufen, erst zögernd, dann schneller, glaubte schon, den Ausgang nicht mehr zu finden, dann die Treppe hinauf und hinaus, die Tür war unverschlossen, erst auf der Gletscherstraße blieb Peer stehen und blickte zurück. Die Sonne stand im Zenit, es musste genau Mittag sein. Von Oehler keine Spur.

Lustlos setzte er seinen Weg fort. All die lokalhistorischen Sehenswürdigkeiten, die ihn noch zuvor in allen Details interessiert hatten, waren ihm nun gleichgültig und fast lästig. Durch die Fenster des Flügelhauses von Anton Wille an der Abzweigung nach Weiler warf er nur einen flüchtigen Blick im Vorübergehen, den Umweg zum Gletschertopf, das von einem Murenabgang freigelegte skulpturale Werk der letzten Eiszeit, machte er erst gar nicht. Der Gepatschstausee, der imposante Blick auf das Abbruchgebiet für die riesigen Steinquader der Staumauer, die leuchtenden Lupinen, die Peer auf den Hängen unterhalb der Straße entdeckte, der Wasserfall des Wurmeltalbachs und die Urfelschlucht – all das wollte ihn nur vom Eigentlichen ablenken. Er brauchte ungefähr drei Stunden bis er die Gletschertalstraße durchlaufen und die neugotische Holzkapelle Maria im Schnee erreicht hatte. Nur wenige andere Wanderer begegneten ihm unterwegs, Grußworte erwiderte er unwillig, zweimal fragte er nach dem Wanderweg zum Glockturm und war nicht freundlich dabei. Es war nun keine Zeit mehr zu verlieren. Es ging schon auf halb fünf zu, als Peer oberhalb der Gepatschalm, wo das Glockenläuten träger Milchkühe ihn verhöhnte, endlich die richtige Wegmarkierung fand, Glockturm, ca. 4 Stunden, nur für erfahrene Alpinisten, stand dort. Das war vor Einbruch der Dunkelheit nicht zu schaffen, trotzdem ging er voran. Im Gepatschhaus, wo Peer sich noch mit Proviant versorgt und eine Suppe zu sich genommen hatte, war man skeptisch gewesen, es sei zu spät, im Dunkeln seien die Wegmarken kaum auszumachen, und ob er oben auf der Hütte Unterkunft für die Nacht fände, sei keinesfalls sicher. Und doch fühlte er sich, als er den ersten Anstieg bewältigt hatte und die ersten Nadelbäume des Zirbelwaldes ihm ihre Schatten vor die Füße warfen, so frei und bei sich wie seit Jahren nicht. Fast hätte er ein Lied angestimmt. Mehrmals blieb er stehen und verglich die Aussicht mit den Bergskizzen auf seiner Karte, auf der anderen Seite des Tals machte er in der Ferne die Gletscherzunge des Gepatschferners und die Gipfel des Kaunergrats aus, und als er unter sich auch noch den von Gletschereis gespeisten Weißsee schimmern sah, weit entfernt und zugleich so nah, dass er glaubte, hineinspucken zu können, da schämte er sich beinahe, so schön war es. Die untergehende Sonne tat das Übrige dazu.

Nach etwa einer Stunde erreichte Peer die Schneegrenze. Es hatte sich merklich abgekühlt, Abendnebel zog auf und schnitt ihm ins Gesicht. Immer häufiger verlor er nun die orange farbenen Markierungen, die auf Steine entlang des Wegs gepinselt oder als kleine Pflöcke in den Boden geschlagen waren, aus den Augen, musste stehen bleiben und sich nach allen Seiten wendend nach ihnen suchen. Doch noch immer machte er sich keine Sorgen. Auf einem größeren Flachstück wollte Peer pausieren, er verließ seinem Weg und steuerte auf eine von einem niedrigen, sicherlich Stein für Stein per Hand errichteten Steinwall umgrenzte, schneebedeckte Lichtung zu, in der er einen Schlechtwetterhang vermutete, eine Sammelstelle für Hirten und Tiere bei Schneefall. Als er näher kam, glaubte er dort im Dämmerlicht undeutlich einen dunklen Fleck im Schnee zu erkennen, das morsche Stück eines vor langer Zeit gefällten Baumstamms, und es war sicherlich seinen schlechten Augen geschuldet, dass er schon auf kaum mehr als zehn Meter herangekommen war, bis er glauben konnte, was er da sah -, dass dort kein Holz, kein Ast, auch kein Tierkadaver reglos wie auf weißer Watte lag, sondern ein Mensch. Der Schreck traf ihn wie ein Tritt in die Kniekehlen. Sein erster Impuls war zu fliehen. Doch schon im nächsten Augenblick war er heran gesprungen, beugte sich über den leblosen Jungen, nicht älter als achtzehn Jahre konnte er sein, seine geöffneten Augen starrten in den Himmel, ein Bein ruhte auf dem anderen, die Hände waren auf der Brust gefaltet, ganz so, als habe er sich zum Sterben noch in eine bequeme Position gebracht. All das passierte innerhalb weniger Sekunden, so dass Peer nachher nicht mehr mit Sicherheit sagen konnte, wann er merkte, dass der Junge noch lebte. Ob er erst hilflos an seiner Schulter rüttelte und „Hey“ rief, „hey, Junge“, oder ob dieser ihm da schon seinen Kopf zugedreht hatte, selig lächelnd, als erwachte er aus einem sanften Traum, und in einem Dialekt, den Peer nicht zuordnen konnte, sagte, so freundlich und leise und seltsam gewählt, als kämen sie in einer Kunstausstellung ins Gespräch, „Guten Abend, mein Herr, könnten Sie mir sagen, wie spät es ist?“ Es ist grotesk, dachte Peer später, wie man sich noch in den absonderlichsten Momenten – und gerade dann – an ein Leben lang eingeübte Verhaltensmuster klammert. Die Situation war von größter Irrealität, tatsächlich glaubte er, eine Erscheinung spräche zu ihm. Und dennoch tat er augenblicklich wie geheißen, blickte auf seine Armbanduhr und antwortete, es gehe auf sechs zu. Dann hatte er sich wieder gefasst, wollte schon fragen, warum der Junge hier alleine im Schnee liege, und ihm vorhalten, ihn zu Tode erschreckt zu haben, da hatte dieser sich schon aufgerichtet und zu sprechen begonnen, es sei doch sonderbar, sagte er, da habe er das Gefühl, seit Stunden hier zu liegen und auf den Abend zu warten, und in Wahrheit sei erst eine Viertelstunde vergangen. „Umzukommen ist langweilig, wie es scheint.“ Alles an dem Jungen, der sich gleich darauf höflich und förmlich als Hans vorstellte, war wie aus einem früheren Jahrhundert, seine wohlerzogene, steife Ausdrucksweise, aber auch sein Erscheinungsbild. Er trug eine langärmelige Kamelhaarweste und Wickelgamaschen, seine Telemarkski, die wie zwei Kommata neben ihm lagen und hellbraun lackiert leuchteten, waren an den Spitzen mit Leder überzogen. Eine solche Ausrüstung kannte Peer bisher nur aus den frühen Luis-Trenker-Filmen. Von Anfang an sprachen sie eigentümlich vertraut miteinander, Peer wurde das Gefühl nicht los, ihn seit langem gut zu kennen, und es hätte ihn nicht gewundert, wenn sie sich, als sie einander bekannt machten, umarmt hätten. Er sei froh Peer zu treffen, sagte Hans, denn er habe, kurz nachdem der Nebel aufgezogen sei, den Weg verloren und sich schon darauf eingestellt, hier die Nacht zu erwarten. Er griff nach seinem Rucksack, zog eine flache Flasche Portwein und eine Tafel Schokolade heraus und bot ihm beides an. Das sei doch Wahnsinn, brachte Peer jetzt aufgebracht hervor, nachts werde es hier weit unter null Grad haben, unmöglich könne man das in seinem Aufzug überleben. Daran habe er noch gar nicht recht gedacht, sagte der Junge, aber das stundenlange Ersteigen des Hanges und der eisige Wind bei den Abfahrten hätten ihn so erschöpft und benommen gemacht, dass er sich nur einen Moment habe ausruhen wollen. Dabei müsse ihn unmerklich jenes Gipfelfieber überfallen haben, von dem er gelesen habe, dass es – mit Sauerstoffmangel habe es offenbar zu tun – einen in den Bergen leichtsinnig und gleichgültig mache, mitunter so sehr, dass man es fast darauf anlege, sich um die Orientierung zu bringen. Er sei wohl für einen Augenblick mit offenen Augen eingeschlafen, denn er entsinne sich absonderlicher Träume, von am Ufer einer Bucht spielenden, bogenschießenden und musizierenden Jungen und Mädchen, die an Felsennischen lehnten und von einer Uferfelsenplatte zur anderen sprangen, aber auch von mächtigen Säulen eines Tempeltors ohne Sockel, aus zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos spross. In seinem Traum habe er durch einen Spalt in der Tempelkammer zwei graue Weiber erblickt, die über einem Opferbecken in wilder Stille mit bloßen Händen ein kleines Kind zerrissen, er habe zartes blondes Haar mit Blut verschmiert gesehen und Knöchlein in den Mündern der Furien knacken hören. So laut habe er vor Entsetzen geschluckt, dass sie ihn entdeckt und ihre blutigen Fäuste nach ihm geschüttelt hätten, und er könne Peer gar nicht genug dafür danken, ihn aus diesem Alptraum geweckt und befreit zu haben, denn allein hätte er sich zweifellos für immer darin verloren. Peer fragte sich, was er nur an sich hatte, dass er stets diese Sonderlinge auf sich zog.

Wie sich herausstellte, war Hans seit Jahren Patient in dem angesehenen und nahe gelegenen Sanatorium „Berghof“, ohne dass man Art und Ursache seines Leidens jemals ganz habe herausfinden oder dieses lindern oder gar heilen können, und aus purer Langeweile hatte er erst vor wenigen Wochen mit dem Skifahren begonnen. „Bitte erwarten Sie also von mir kein Virtuosentum“, sagte er entschuldigend, und fragte, ob er sich Peer eine Weile anschließen dürfte, bis er die ihm vertraute Piste wieder gefunden hätte. Peer erklärte, er sei auf dem Weg zum Glockturm, und würde ihm raten, entlang der Wegmarkierungen talwärts bis zum nächsten Gasthaus zu gehen, um dort für eine Nacht unterzukommen. Doch Hans winkte gleich ab, keinesfalls dürfe er das Abendessen im Berghof versäumen, sein Fehlen bei den Betätigungen des Nachmittags werde ihm sicherlich ohnehin Schelte einbringen. So gingen sie gemeinsam weiter, tasteten sich voran, seine Ski hatte der Junge geschultert, es war nun fast ganz dunkel. Als kurz darauf leichter Schneefall einsetzte und immer stärkerer Wind aufzog, der bald wie mit Sensen auf sie einhieb, so dass sie den Kopf zur Seite wenden mussten, um zu Atem zu kommen, erwog Peer zum ersten Mal, sein Vorhaben abzubrechen und umzukehren. Hans dagegen schien ihre Lage nicht das Geringste auszumachen. Schon seit längerer Zeit, sagte er, übe das Erfrieren auf ihn eine heftige Faszination aus, ja er habe sogar allerlei wissenschaftliche Fachbücher darüber gelesen. Lange sei es den Medizinern etwa ein Rätsel gewesen, warum einsam Erfrierende als letzte Lebenstat sich nicht selten noch ihrer Kleidung und damit ihres letzten Schutzes entledigen, warum Zeitungen immer wieder von erfrorenen Obdachlosen berichten, die bis auf die Unterwäsche entblößt auf Parkbänken festgefroren aufgefunden werden, ihre Kleidung und Habseligkeiten um sich verstreut, wie hastig vom Leib gerissen. Er wolle Peer nicht mit wissenschaftlichen Details langweilen, sagte Hans, aber er fände es geradezu rührend, dass sterbende Zellen als letzte Gabe noch Hitzewellen simulierten und beruhigend, dass der Körper einen noch im endgültigen Erstarren glauben mache, eine wärmende, schützende Burg zu sein. Wahrscheinlich gab Peer das den Rest. Seit Nebel und Wolken das Mondlicht verschleierten, hatten sie ihr Tempo weiter verlangsamt, wie Erblindete tappten sie durch die Dunkelheit, ein steiler Anstieg erhob sich vor ihnen, und obwohl vor Anstrengung bereits Hemd und Pullover durchgeschwitzt waren, schlotterte Peer vor Kälte am ganzen Leib. Die Wahrheit war, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, wie weit entfernt von der rettenden Hütte sie noch waren. Dass er bereits sämtlichen Proviant und alles Wasser verbraucht hatte. Und dass ein Weggefährte neben ihm lief, für den er schon aufgrund des Altersunterschieds die Verantwortung trug, der ihm zugleich aber mit jedem weiteren Schritt unheimlicher wurde. Als er stehen blieb und sagte, sie müssten umkehren, lachte Hans nur verhalten, wie über eine unpassende Pointe, und ging weiter. Peer setzte ihm nach, packte ihn von hinten an der Schulter und schrie ihn an, er komme jetzt gefälligst mit, bevor er sich vergesse, doch da fuhr der Junge mit solcher Gewalt herum, dass Peers Arm fort flog, und packte ihn mit einer Hand am Hals. Peer bekam keine Luft mehr und versuchte, während ihm nie zuvor gehörte Laute entfuhren, mit seinen Händen das Gesicht des Jungen zu erreichen. Auf die Augen, immer auf die Augen, schoss es ihm durch den Kopf. Hans sagte kein Wort, sah ihn nur an, während Peer in seiner Hand zappelte. Es stimmt, dachte er später, was Ernst Jünger einst in sein Tagebuch notierte: Man sieht es einem Menschen erst im letzten Moment an, ob er in der Lage ist, einem anderen das Leben zu nehmen. Als er Peer losließ, klappte dieser zusammen wie ein Taschenmesser, mit auf die Knie gestützten Händen kam er röchelnd zu Atem. Da war Hans schon weitergegangen, bedächtig setzte er jeden Schritt, wie zuvor, als sei nichts gewesen. Kurz darauf, als er schon im Dunst verschwunden war, meinte Peer noch, ihn heiter pfeifen zu hören.

An den Abstieg kann sich Peer später kaum entsinnen. Von ähnlichen Gedächtnislücken berichten sonst Unfallopfer oder Traumatisierte. Dass er in der Dunkelheit und in seinem Zustand den Weg nicht verlor, war ein Wunder. Irgendwann sah er in der Ferne wie zwinkernde Augen die erleuchteten Fenster des Almhauses, und trotz seiner Erschöpfung begann er zu rennen. Er kümmerte sich nicht um die Uhrzeit, sondern schlug so lange an die Eingangstür, bis ein ebenso erboster wie besorgter Wirt öffnete. Nein, brüllte Peer ihn an, er bräuchte kein Zimmer, aber er müsse sofort die Bergwache verständigen, da sei ein Junge allein im Berg, irgendwo zwischen dem Glockturm und dem Sanatorium „Berghof“. Er kam kaum zu Atem, so außer sich war er. Der Mann blickte ihn an, als sei Peer selbst einer Anstalt entflohen. Für eine Sekunde sah er sich dort stehen, in vollkommen unangebrachtem Aufzug, zitternd, die Hose durchnässt bis zu den Knien hinauf, Hände und Turnschuhe schlammbeschmiert, schmelzende Eiskristalle im Haar, wild gestikulierend, heiser vor Erregung. An der Körperhaltung des Mannes erkannte Peer, dass er Angst vor ihm hatte. Da wusste er, dass er weg von hier musste, sofort, bevor es zu spät war. Er rannte hinunter zur Straße, rief noch einmal über die Schulter, „der Junge, suchen Sie den Jungen!“, und lief und lief. „Es gibt hier kein Sanatorium!“, rief der Mann ihm hinterher, aber vielleicht bildete sich Peer das auch nur ein. Er kann nachher nicht mehr sagen, wie er zu seinem Auto kam, das immer noch in Nufels stand – ob ihn jemand mitnahm oder ob er wirklich die ganze Strecke zurück rannte, wie sein Gedächtnis ihn glauben machen will. Auch an die Autofahrt, die ihn angesichts seiner Ermattung leicht das Leben hätte kosten können, hat er nicht die geringste Erinnerung. Irgendwann früh morgens muss er in München gewesen sein, und als er mittags in seinem Bett erwachte, lag seine von Dreck und Schweiß verkrustete Kleidung im Zimmer verteilt, wie hastig vom Leib gerissen. Er hatte hohes Fieber.


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Fridolin Schley, 2011

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