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Marc

... auf dem Weg von Yuki zu Onna und von seiner Sehnsucht nach Lebendigkeit zu einem neuen Leben.

Er hatte vielleicht zwei Stunden geschlafen, aber das war kein Schlaf gewesen, eher ein völliges Aussetzen des Bewusstseins, eine Flugunterbrechung, für die er sich eingerollt hatte, ein Tier im Körbchen, und nun war er sofort wieder auf Höhe. Yuki war immer noch total weg. Sie lag halb auf dem Gesicht, die Decke bis zu den Hüften herabgerutscht. Die Position ihres Körpers auf der Matratze veränderte sich nicht im Geringsten, als er aufstand. Eine naturrote Strähne auf ihrer Wange. Die Lippen schienen geschlossen. Es kann aber sein, dass noch ein Spalt für die Luft bleibt, dachte er. Ihre Züge ... zurechtgerückt zu einer Absichtslosigkeit, die „unschuldig“ zu nennen ihm widerstrebte. Haar und Augen bedeckte ein Tuch, schwarz mit einem goldenen Ornament, ähnlich dem, das unmittelbar hinter ihr an der Wand hing. Das Wandtuch zeigte allerdings Figuren. Fasanen mit langen Schwanzfedern liefen da geduckt durch einen Garten voller Hecken, Büsche und Bäume. An der Stelle, an der Yukis Körper die Wand berührte, zog er dieses Tuch nach unten und mithin in Falten, die sich zur Decke hin strahlenförmig verbreiteten. Der linke Arm deckte ihre Brust ab; es tat ihm leid, diese Brust zurückzulassen. Auf dem Tisch nahe beim Bett die letzte Flasche Sekt, die Gläser versteckt. Es schäumte kaum noch in seinem Mund, das Getränk war außerdem warm jetzt. Er erinnerte sich nicht, welche Musik zuletzt gelaufen war. Fehlte was? Keine Tasche, er hatte doch keine Tasche dabei gehabt, als er mit ihr gegangen war. Eine Jacke? Wenn ja, wo konnte sie sein? Sie lag knapp vor der Zimmertür auf dem Fußboden. Nach langer Zeit musste er einmal wieder lächeln, weil sein Name auf den Stoff gedruckt war, Teil des Markennamens. Die Türklinke ging leicht, die Feder im Innern, hinter der Falle, war ausgeleiert. Kein Knarren, mit einem leisen Klick fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Die graublaue Dämmerung in ihrer Wohnung hatte Marc mehr behagt als die trotz milchiger Scheiben nicht in Frage zu stellende Helligkeit des Treppenhauses. Er zog seine Jacke an und ging dabei die Stufen hinunter, immer noch zweifelte er an seiner Bodenhaftung. Entweder waren seine Sohlen zu dick, oder der Kunststein zu unnachgiebig. Komisch verwinkelt der Gang vor den letzten fünf Stufen zur Eingangstür, da stand das Häuschen der Kellertreppe im Weg, als hätte man diese nicht einfach als Fortsetzung der anderen Stiegen bauen können. Der Ausgang war versperrt, Marc fand sich gefangen. Solch eine Gewohnheit, dachte er, können nur fremde Menschen in einem fremden Haus haben.

Hatte er nicht in Yukis Flur noch das lange rote Schlüsselbundband mit dem weißen Werbeaufdruck neben der Tür bemerkt? Warum hatte er diese Einladung ausgeschlagen? Was wäre dabei gewesen, den Schlüssel zu nehmen und zu benutzen, ihn anschließend in ihren Briefkasten zu werfen oder sogar frech im Haustürschloss stecken zu lassen? Er hatte die eine ihrer Brüste zuerst zufällig durch den Ärmelausschnitt ihres T-Shirts zu sehen bekommen, bloß ein Stück Rundung, ein tolles Versprechen. Marc ging die Stufen wieder rauf. Das Fenster auf dem zweiten Treppenabsatz ließ sich ohne Gewalt öffnen. Er fand, dass es sich genau über dem Vordach befand, und kletterte umstandslos ins Freie. Ringsum schlief alles. Er glaubte, ihre Nippel noch an seinen Fingerspitzen und in seinem Mund zu spüren. Wie groß und schwer sie ihm erschienen war, ohne ihr Einverständnis, ja, ohne ihre Mithilfe, nicht zu bewegen.

Die Morgendämmerung ging eben in den hellen blauen Tag über, einen zu hellen Tag, fand er. In der Geyerstraße ruhte der Verkehr, es war kein Mensch zu sehen. Auch die Kapuzinerstraße konnte er leicht überqueren, ohne auf das grüne Licht einer Ampel warten zu müssen. Auf der Wittelsbacherbrücke traf ihn das Licht der Sonne unmittelbar, er kniff die Augen zusammen, bot ihr jedoch bereitwillig seinen Nacken dar. Die Isar führte wenig Wasser. Er sah, dass einige Bäume schon frisches Grün trugen, andere gaben sich noch winterlich nackt. Auf der anderen Seite, beinahe unter der nur ein paar hundert Meter entfernt liegenden Braunauer Brücke, sah er einen Schäfer seine Herde weiden. Gleich neben der Brücke fand er ein Gestell, das neu hier war. Mehrere Tafeln hingen an dem Gerüst aus hellem, ungehobeltem Holz. „Neues Leben für die Isar“. Zerstreut betrachtete er die Zeichnungen und las den Text, ohne viel davon aufzunehmen. Fische sollten wieder artenreich in dem Wasser leben, das Wasser selbst wieder zum Baden taugen, eine vielfältige Pflanzenwelt, wie sie typisch war für den alpinen Fluss, würde sich wieder ansiedeln. Der Druck ihrer Brüste gegen seine Eier und wie sie seinen Schwanz gelutscht hatte, als täte sie das ausschließlich zu ihrem eigenen Vergnügen. Vielleicht hatte sie es zu ihrem Vergnügen getan. Es war nur fair gewesen, sich zu revanchieren. Gern hätte er jetzt ein Glas Wasser getrunken.

So oft es nicht regnete, fuhr er hier mit dem Rad entlang. Aber in den letzten Wochen hatte es viel geregnet. Wo war nun das ganze Wasser hin, hätte der Fluss davon nicht anschwellen müssen? Von den fünfhundert Metern zwischen den Deichen blieben ihm nicht mal fünfzig. Die Betonrinne, in die man das einst wild springende Wasser gezwängt hatte, sollte aufgesprengt, die Ufer wieder flach und kieselig werden. Marc verstand nicht, wozu. Ihm gefiel es, wie es war. Er mochte die Wiesen entlang des Ufers; auf der anderen Seite standen die Bäume, das reichte doch. Er zog seine Schuhe aus und band die Schnürsenkel so zusammen, dass er sie über die Schulter hängen konnte. Seine nackten Füße tauchten ins Gras, sie wurden vom Tau schnell kalt und zwischen seinen Zehen sammelte sich gammeliges Gras. Er fühlte sich dem Fluss nahe, und freute sich, dass er seinen eigenen langen Schatten sehen konnte. Wenn er sie zeichnen würde, müssten ihre Nippel da ebenfalls Schatten werfen? Wie unentschlossen sie sich gegeben hatten, als hätten sie sich kaum getraut, aus ihrem Versteck zu kommen. Wie unentschlossen auch sein Schwanz. Stärker spürte Marc allmählich seinen Durst, sein Kopf schien anzuschwellen und schmerzte. Er dachte an sein Ziel, er konnte dort noch pünktlich eintreffen. Kleine geringelte Löckchen hatten ihren Hügel licht bestanden, dazwischen war die weiße Haut zu sehen gewesen. Wie bei dem Fell eines vor langer Zeit ausgestopften Bären, den er einmal berührt hatte. Weichholzaue. Hatte er das auf dem Schild gelesen oder kannte er das Wort schon vorher?

Die Luft stand so, dass er die Autos auf dem Mittleren Ring kaum hörte. Er stellte sich oft vor, große Lastkähne unter der Brudermühlbrücke hindurch gleiten zu sehen. Bevor er selbst sie unterquerte, in Staub und Matsch, sah er sich um. Er wunderte sich, wie wenig gerade seine Spur durchs Gras führte. In die feuchte Erde zu treten, dass der Dreck zwischen seinen Zehen hochquoll, kostete ihn zunächst Überwindung. Bald jedoch fand er Spaß daran. Das Gras auf der anderen Seite der Brücke würde sie wieder sauberlecken. Gänseblümchen würden sich darin zeigen. Auf dem Wasser ließen sich die Enten in Richtung Stadt treiben. Betrunken, abgelenkt, war der Weg durch ihre Schlucht ihm kompliziert und unfreundlich erschienen. Der Kater meldete sich nun mit Macht. Marcs Euphorie verschwand mit seinem Rausch, er fühlte sich mies.

Hinter einer Hecke sah er ein Fahrrad im Gras. Es war ein altes, einfaches Rad mit Schutzblechen in schwarz gestreiftem Silber und einer gelbgrünen Rahmenlackierung. Gut möglich dass jemand es hier hatte fallen lassen, nachdem der Reifen platt oder die Kette abgesprungen war, weil es die Reparatur nicht lohnte. Im Hintergrund tauchten schon die Kiesbänke des Flauchers auf. Oder ergänzte er sie bloß zu den Bäumen und Büschen, die da mitten im Flussbett auftauchten, um sicherzustellen, dass sie einen Untergrund besaßen? Sah er zuerst die Sanitäter, ihren Koffer oder den Mann im Gras? Hätte ihm nicht vor allem die schrankbreite Ambulanz ins Auge springen müssen? Er wusste es schon kurze Zeit später nicht mehr, brachte die Dinge der Erzählung zuliebe aber immer wieder in Ordnung. Jedenfalls sah er jemanden liegen, oder eigentlich sah er nur etwas liegen, ein Stück karierten Stoff, die Andeutung einer Form. Das Wenige reichte jedoch, um ihn eindeutig schließen zu lassen, dass es sich um einen Menschen handeln musste. Der Koffer, vielleicht auch die Koffer, waren bereits wieder geschlossen, auch daran zweifelte er nicht. Sie standen abseits im Gras. Die Sanitäter, möglicherweise befand sich ein Notarzt unter ihnen, trugen steifbeinige Hosen, orange, mit reflektierenden Streifen an den Beinen wie die Männer von der Stadtreinigung oder weiße Hosen und leuchtende Westen dazu. Das Blaulicht der Ambulanz hatte man schon wieder ausgeschaltet. Ja, die ganze Situation erzählte genau das – die Stellung und Haltung der Beteiligten, zwei Männer, die mit einer Trage vom Wagen her kamen, sodass man wusste: es gab nichts mehr zu retten. Die junge Ärztin, die im Gras kniete und die Schließen ihres Koffers in die Arretierungen drückte – ein leises doppeltes Klicken, der zweite Laut erstickend, bewies das. Nebenbei registrierte Marc ihren professionellen Gesichtsausdruck. Schulterlange, glatte blonde Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Natürlich war sie schlank und hatte schöne Hände, eine gerade Nase, etwas zu schmale Lippen. Hüften weiblich, aber nicht ausladend, Arsch klein, Körbchengröße B. Der Ringfinger etwas zu lang.

In einer anderen Fassung dieser Geschichte war weiter niemand zugegen, allein Marc lief barfuß durchs Gras und spürte die Kälte mittlerweile bis tief in die Füße hinein. Er sah das Fahrrad, sah den Mann ein paar Meter weiter auf dem Rücken liegen. Die Arme waren ausgebreitet, die Beine gestreckt. So hätte auch Marc liegen können. Er wollte gar nicht näher hingehen. Ihm schwebte etwas vor wie plötzlicher Herztod, er fand alles so lieblich und fragte sich, ob es etwas Schöneres geben könne, als hier und so zu sterben? Der Himmel blau, die Landschaft grün, sie öffnete einem das Herz, das war schon nicht mehr zu verkraften. Büsche und Bäume, locker angeordnet, wirkten heiter, machten heiter, erfüllten die Brust des Wanderers mit Freude. Hier hätte er weilen mögen. Ein Stück weiter unten, so viel Abstand brauchte er dann doch, wollte auch er sich ins Gras legen und eins werden mit dem ultraschönen Bild. Wieso dachte er ‚unten’, wo es doch flussaufwärts ging? Seine Sinne sagten es ihm. Sie sagten ‚hinab’. Früh in der Nacht, als sie noch dabei gewesen waren, sich einander zu nähern, hatte sie behauptet, an jedem Fuß sechs Zehen zu besitzen. Nun wusste er nicht, ob das stimmte, er hatte vergessen, darauf zu achten.

Marc spürte das Bedürfnis und entleerte sich zwischen Büschen, an einer Stelle, von der er annahm, dass sie auf niemandes Weg läge. Auch den Blicken des abfahrenden medizinischen Personals fühlte er sich entzogen. Leicht und leergeschissen ging er weiter durch die Aue. Er überquerte den Fluss. Vom Flauchersteg aus blickte er in die blitzenden, schäumenden Wasser, ihr Sturzgeräusch betäubte ihn. Ein paar Nackte lagen ins Sonnenlicht gebreitet, als hätte man sie dort auf den Kiesbänken vergessen, und schwärzten ihre Haut. Er sah zur anderen Seite. Da dümpelten die Wasservögel. Die Sonne schien zu steigen. Die Erde schien stillzustehen.

*

Onna, die eigentlich Johanna hieß, hatte den Tisch auf dem kleinen Balkon gedeckt, auf dem man saß wie in einer Betonwanne mit flankenhoher Wandung; doch mit dem Streifen Grün vor dem Haus und der baumgesäumten ruhigen Schäftlarnstraße, vor allem aber, weil die Sonnenstrahlen den ganzen Morgen über, gebrochen vom Baumbesatz, darauf fielen, liebten sie beide diesen Platz. Croissants und Semmeln standen in einem geflochtenen Körbchen zwischen der rustikal wirkenden Töpferware, Milch in einem bauchigen Krug. Ein paar Blütenköpfe schwammen in einer Schale mit Wasser, und die Zeitung des Tages lag nachlässig gefaltet auf dem Teakholzklappstuhl, der mit einem bauschigen Kissen gepolstert war. Marc brachte ebenfalls Semmeln fürs Frühstück mit – er hatte grüne Tüten, Onna gelbe bekommen. In seiner Linken hielt er außerdem eine Flasche Sekt bei der Gurgel, deren Anblick Onna einen kleinen Schrei entlockte. „Kalt?“, fragte sie, und als Marc nickte, lief sie in die Küche und holte dort zwei der guten Sektgläser. Marc freute sich auf den Alkohol, der ihn fürs erste aus seiner Mattheit und Verkaterung holen würde. Er sah den Korb mit Backwaren auf dem Tisch, die Decke mit orangen und grünen Karos, passend zum Bezug der Polster, und stellte seine eigenen mitgebrachten Tüten auf der Anrichte neben der Obstschale ab. Am Sekt fand er nicht viel Geschmack.

Onna schwärmte von dem tollen Morgen, er pflichtete ihr bei. Der Alkohol beförderte ihre Redelaune, sie begann darüber zu sprechen, was sie eben in der Zeitung gelesen hatte: die Isar wieder mehr Wildfluss werden. Mehr Wasser, mehr Platz, mehr Kiesel, mehr Pflanzen und Fische.

„Ich komme gerade von der Isar“, sagte Marc.

„Das dachte ich mir. Es muss herrlich sein an solch einem Morgen.“

„Ja.“

Sie nahm sich ein Croissant und ließ von einem quirlartigen Holzlöffel Honig darauf tropfen.

„Ich stelle es mir komisch vor, wenn die Bagger kommen.“

„Bagger?“

„Naja, erst einmal werden sie doch alles aufreißen. Die Isar sieht noch aus wie ein Kanal.“

„Ihr Bett ist tief, die Ufer steil und betoniert.“

„Fünfhundert Meter bleiben ihr zwischen den Deichen.“

„Die soll sie wiederbekommen. Die Ufer werden abgeflacht und der Fluss wird wieder mäandrieren.“

„Sie schreiben, dass er sein Bett selbst gestalten darf. Fische, die jetzt an den Staustufen und Verbauungen scheitern, werden wieder flussauf und -ab wandern. Die typische Auenflora wird in den städtischen Raum zurückkehren, das Wasser wird ultraviolett bestrahlt, das tötet die Keime ab. Es wird wieder zum Baden taugen. So wird der Natur und unseren Freizeitbedürfnissen zugleich Rechnung getragen.“

Auch diese Flasche war schon wieder leer. Marc hatte mechanisch die Gläser geleert. Außer einer halben Semmel aß er nichts. Seine Gedanken wanderten zu Yuki zurück. Er spürte das Gewicht dieser Brüste noch in seinen Händen. Überhaupt ihr Gewicht. Sie war ja schwer gewesen wie ein Hauklotz.

„Hey, und du?“, fragte Onna und hielt ihre Fingerspitzen vor die halb geöffneten Lippen. Sie hatte genug geredet.

„Ich habe zwei Geschichten“, sagte er. „Eine spielt drinnen, die andere draußen. Eine handelt von Betrug, die andere handelt nicht. In beiden gibt es einen Toten.“

„Die mit dem Toten“, rief Onna. Als er sie komisch ansah, fügte sie hinzu: „Welche ist besser? Erzähl mir von draußen.“

Zum ersten Mal, seit sie auf dem Balkon saßen, fuhr ein Auto vorbei. Marc erzählte ihr von seinem Barfußgang durch die Isarauen.

„Bist du nicht in Hundescheiße getreten?“

„Nein. Aber ich selbst ... ich hatte eine Idee. Wo wir natürlicherweise hinkacken, müssen wir auch laufen. Und weil wir uns nicht darüber erheben können, bauen wir riesige Kanalsysteme und bringen unsere Ausscheidungen unter die Erde. Ein Stock tiefer, sozusagen.“

Als sie darauf nichts erwiderte, erzählte er ihr von dem Mann im Gras. Er ließ die Ambulanz und die Sanitäter weg, schließlich entschied er sich auch gegen die Ärztin. „Von weitem sah ich, wie er stürzte. Er lag da auf dem Rücken wie ein Sonnenbadender. Das letzte, was er gesehen hat, muss der Himmel gewesen sein.“

„Bist du sicher, dass er tot war?“

Er nickte.

„Aber du bist nicht zu ihm hingegangen ... du hast ihn einfach da liegen lassen? Du hättest Hilfe holen müssen.“

„Für diesen Mann kam jede Hilfe zu spät. Ich weiß nicht ... man konnte es spüren. Man spürt halt den Tod.“

„Woher willst du wissen, dass es ein Mann war, wenn du nicht hingegangen bist?“

Er schwieg. Vergangene Nacht hatte er einmal kurz die Augen aufgeschlagen und jenen fremden Rücken betrachtet.

„Und letzte Nacht, da –“

„Bitte nicht noch einer“, unterbrach sie ihn und lachte ein bisschen. Sie nahm die Flasche, um sich nachzuschenken. Enttäuscht stellte sie fest, dass bloß noch ein schaumiges Rinnsal in ihr Glas lief.

„Mir ist auch etwas passiert.“

Obwohl alles bei ihm durch den Alkohol gedämpft war, fühlte Marc sich alarmiert.

„Was?“

„Gestern Nachmittag kam eine Taube durchs Fenster geflogen.“

„Du solltest die Fenster nicht offen stehen lassen. Du wohnst im Hochparterre, da kann jedermann mühelos einsteigen.“

„Das Fenster war zu. Sie ist durch die Scheibe gekracht.“

„Das glaube ich nicht. Eine Taube? Durch Isolierglas?“

Sie zuckte die Achseln. „Die Scheibe ist noch nicht ersetzt. Du kannst gern nachschauen.“ Als Marc sich nicht regte, fügte Onna hinzu: „Ich hörte den Lärm. Als ich nach drüben ging, lag sie zwischen den Scherben, ich dachte, sie wäre tot. Ich habe sie aufgehoben –“

„Wäa.“

„Es war das erste Mal, dass ich mich nicht geekelt habe. Ich fand sie weich und warm. Nirgends war Blut zu sehen, aber ihr Kopf hing so runter.“ Sie deutete es an. Spielerisch ließ auch Marc seinen Kopf auf die Brust sinken.

„Hast du sie begraben oder sie weggeschmissen?“

„Ich fragte mich, was ich mit ihr tun soll. Ich glaube, ich hätte sie begraben. Aber plötzlich hob sie den Kopf und öffnete die Augen. Fiese, rot grundierte Augen ohne eine Spur von Freundlichkeit. Sie wand sich aus meinem Griff, als wäre nichts geschehen.“

„Womöglich ist sie ein paar Meter weiter abgestürzt und gestorben. So was passiert.“

„Jedenfalls wirkte sie unversehrt. Dafür habe ich mich beim Aufräumen an einer Scherbe geschnitten.“ Sie hob die linke Hand, damit er ihr Pflaster bemerkte. „Schade dass kein Sekt mehr da ist.“

„Soll ich noch welchen holen?“

„Nein. Ich will nicht, dass du fortgehst.“

Immer noch dachte er an den herabhängenden Kopf der Taube. Er sah ihn daliegen, sah das Beil und die Hand, die es führte, sah den Kopf wegspringen und auf dem Boden landen. Dieses Bild verschwand schnell wieder und mit ihm die ganze Taube, die Scherben, das Fenster, der Raum. Onna rückte nahe an ihn heran.

„Es ist schön, dass du da bist“, sagte sie. „Es ist schön, dass wir diesen Morgen zusammen haben.“

Marc fühlte sich leicht. Außen strich die kühle Frühlingsluft über seine Haut. Innen war’s warm. Ihr Kuss erregte ihn. Die sanfte Haut auf ihrem Oberkörper, nach deren Temperatur sich seine Hände sehnten. Er warf den Kopf in den Nacken, versuchte den Himmel im Blick zu haben, wollte sich ausfüllen mit seinem Blau. Und so vergehen.

*

Im Schlafzimmer zog es aufgrund der fehlenden Scheibe. Die Scherben waren fort. Der Raum wirkte schattig, die Laken kalt auf der Haut. Sie gingen miteinander ins Bett. Sie gaben sich hin. Nur einmal, noch beim Vorspiel, er auf dem Rücken und sie über ihm, warf sie den Kopf zurück und rief: „Kämpfe!“ Als er in der Schublade nach den Präservativen fischte, hielt sie seine Hand fest. „Du hast deine fruchtbaren Tage“, sagte er. Wieder ging seine Hand zur Schublade, wieder hinderte sie ihn.


Den ganzen Spaziergang auf der Karte verfolgen ...

Verfasser: © Thomas Lang, 2011

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