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München, Platzl 8: Wedekind in der Torggelstube

Ansicht des k. Hofbräuhauses vom "Platzl". Aus: Süddeutsche Bauzeitung, 1897 (Jg. 7), Holzstich (Bayerische Staatsbibliothek/Porträtsammlung). Torggelstube, Fotografie (Bayerische Staatsbibliothek/Hoffmann).

Wedekinds zweite nach Theaterschluss bevorzugte Einkehr neben dem Café Luitpold in der Brienner Straße (siehe Station 17) ist die von Hans Grässel im Tiroler Stil gestaltete und 1899 eröffnete Torggelstube am Platzl 8 beim Hofbräuhaus. Hier treffen sich zu später Abendstunde viele Theaterleute, darunter der spätere Wedekind-Biograf und Theaterwissenschaftler Artur Kutscher (Station 1), sowie eine Reihe anderer Intellektueller und Künstler, wie der Dichter Otto Julius Bierbaum oder der Strafrechtler und Literat Max Bernstein.

Wie Erich Mühsam vermutet, soll Hanns von Gumppenberg das mitten in der inneren Stadt gelegene Weinlokal „als Refugium vor dem Schwabinger Künstlertum ausfindig gemacht haben“, „um unbeeinflußt von Klüngelinteressen seinen Schoppen Tiroler zu trinken“ (Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen, Kap. „Die ‚Torggelstube‘“). Eigentlich nur ein kleiner Raum, ragt vor allem ein besonderer Tisch hervor, an dessen Kopfende Wedekind unter einer Laute an der Wand als ungekrönter König sitzt. Über Wedekinds Persönlichkeit, die in der Torggelstube voll zur Geltung kommt, schreibt Mühsam:

Er hatte die Fähigkeit, einen Menschen, ein Ereignis, ein Kunstwerk, eine politische oder kulturelle Streitfrage mit einer Prägnanz zu charakterisieren, die das gestellte Problem mit den schärfsten Konturen ans Licht hob und keiner Zweideutigkeit einen Ausweg ließ. Seine Kritik war oft boshaft, sarkastisch und jede Illusion zerstörend – sie war nie um der Gehässigkeit willen negativ. Ich habe viel öfter Lob aus Wedekinds Munde gehört als Tadel, und ich habe ihn nie andre tadeln hören als solche, die im offiziellen Wertregister nach seiner Meinung wider Gebühr obenanstanden.

Und weiter:

Wedekind war ein unbedingt wahrhaftiger Mensch, was gewiß nicht bedeuten soll, daß er nie gelogen hätte. Nein, er hat, wo immer er sich selbst hätte enthüllen können, die Wahrheit verborgen gehalten oder selbst das Gegenteil von dem gesagt, was seine Wahrheit war. Aber sich selbst hat er niemals angelogen [...]. Und auch wenn er andere belog, sprach er die Wahrheit, denn er ließ sie hinter der Lüge Vorscheinen, sei es durch die Übertreibung der Bekräftigungen, mit denen er das Gegenteil seiner Meinung versicherte, sei es durch die Galligkeit seiner Ausdrucksweise, sei es durch sein ironisches Mienenspiel. Wedekind war ein unendlich gütiger und hilfsfreudiger Mensch, und gerade bei der Betätigung dieser Eigenschaft verkroch sich die Schamhaftigkeit seines Wesens hinter der Lüge, mit der er herzlos zu scheinen suchte. Es ist auch falsch, Frank Wedekind als Poseur auszugeben, der durch Bizarrerie oder durch Anstößigkeit des Benehmens es auf die Verblüffung seiner Umgebung abgesehen gehabt hätte. Er konnte in der Tat manchmal mit einer gesellschaftlichen Unmöglichkeit aufwarten, die seinem ahnungslosen Gegenüber die Haare hochtrieb. Doch geschah das immer nur, um den andern aus der Ahnungslosigkeit zu reißen, daß Wedekind ihn als langweilig, geschmacklos oder fehl am Orte empfand. (Erich Mühsam: Unpolitische Erinnerungen, Kap. „Die ‚Torggelstube‘“)

Am Tisch schreibt Wedekind auch seine Dramen, oder er setzt sich nach getaner Arbeit anschließend dorthin: „In der Torggelstube will ich Franziska fertig schreiben habe aber Unterredung mit Mühsam und Steiner“ (Tagebücher 1904-1918, 4. September 1911); „Totentanz gearbeitet im Hofbräu. Nachher Torggelstube“ (Tagebücher 1904-1918, 8./9. April 1905).

Erich Mühsam, der in anarchistischen Kreisen verkehrt, meidet zunächst die Torggelstube, weil er eine bloße „Honoratioren-Ansammlung“ in ihr vermutet. Als Wedekind ihn einmal kurzerhand mitnimmt, fühlt er sich allerdings „wohler als in irgendeinem andern Zirkel der Münchener Boheme.“ Das „geistige Niveau der ‚Torggelstuben‘-Gesellschaft überragte hoch das der bloßen Vergnügungsstätten oder des Cafés Stefanie, wo man seine Zeitungen las, manche seiner Berufsarbeiten schrieb und im allgemeinen Obdach und Wärmehalle für seine anhanglose Lebensführung suchte“ (siehe Station 14).

 

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Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik