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München, Türkenstraße 30: Wedekinds Pension

Als Zwanzigjähriger kommt Frank Wedekind erstmals nach München, wo er zusammen mit seinem Bruder Armin zunächst im Rückgebäude der Türkenstraße 30 bei einer Wirtin namens Böhringer wohnt. Während Armin Medizin studiert, schreibt sich Wedekind auf Drängen des Vaters als Student der Juristischen Fakultät ein. Doch die Realität im Wintersemester 1884/85 sieht anders aus. Wedekind belegt Vorlesungen in Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte, besucht mit Vorliebe Kunstgalerien und Gemäldesammlungen und geht regelmäßig ins Theater und in die Oper. Seine erste Zeit in München fasst er so zusammen: „Nachdem ich in Aarau das Gymnasium absolviert, bezog ich die Münchner Universität, wo ich mich vier Semester hindurch mit philosophischen Studien aller Art beschäftigte. Dank derselben glaub ich mir unter anderem auch ein durch solide Prinzipien begründetes, durch die mannigfachste Erfahrung gerechtfertigtes gesundes Urteil über Kunst, Musik, Theater und Literatur im allgemeinen beimessen zu dürfen.“ (Gesammelte Briefe. Bd. 1, S. 174)

Bedeutsam für seine Einführung ins Münchner Kulturleben wird ihm der von Aarau her bekannte Musikkritiker und Schriftsteller Heinrich Welti, der Wedekind „mit liebevoller Geduld“ hilft, „sodaß ich jetzt auf jedem Gebiete der Kunst auf dem besten Wege zu einem gesunden Urtheil bin“ (Gesammelte Briefe. Bd. 1, S. 123). Wedekind wird so mit dem norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen vertraut, obgleich dessen Ästhetik nicht einhergeht mit seinem eigenen auf Unmittelbarkeit zielenden „naiven“ und metaphysischen Kunstbegriff. Auch lernt er in München Michael Georg Conrad kennen, als er einen Aufsatz seiner „philosophischen Tante“ Olga Plümacher für dessen naturalistische Zeitschrift Die Gesellschaft überbringen soll.

Abends treffen Wedekind und Armin sich mit Walther Oschwald, Mitschüler und späterer Ehemann ihrer gemeinsamen Schwester Frida Marianne Erika („Mieze“), der ebenfalls in München studiert. Wedekind macht Bekanntschaft mit Kommilitonen und Mitbewohnern; Weihnachten 1884 verbringt er das erste Mal fern der Heimat: „Um Mitternacht gingen wir vereint in die Ludwigskirche zur Messe, wo dann allmählich einer den anderen verlor, so daß endlich ein jeder in Nacht und Einsamkeit nach Hause schlich.“ (Gesammelte Briefe. Bd. 1, S. 81)

An eigenen Werken beginnt er am 5. Januar 1885 eine Novelle unter dem Titel Galathea zu schreiben. Fridolin Wald, die Hauptperson, ist unglücklich, will auswandern und seinem Leben ein Ende setzen. Wedekind ist in einer ähnlichen Situation – ihn plagt das schlechte Gewissen gegenüber seinem Vater, der sein Studium finanziert, obwohl er nichts dafür tut außer ins Theater zu gehen oder – wie in diesem Fall – misslungene Novellen zu schreiben. Nach drei Anläufen schließlich lässt Wedekind die Novelle liegen.

 


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Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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