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München, Adalbertstraße 34: Wedekinds Pension

Frank Wedekind: Feinschmeckerei. In: Simplicissimus, 1896 (Jg. 1), H. 9, S. 3. Außenansicht Adalbertstraße 34 (c) Literaturportal Bayern.

Enttäuscht vom Misserfolg seiner literarischen Interessen verlässt Frank Wedekind im Sommer 1895 Berlin und reist nach München, wohin der Verleger Albert Langen mit seinem Hauptverlag inzwischen verzogen ist (Kaulbachstraße 51a). Bei Langen versucht er ein Auskommen zu finden, dieser bringt im Spätsommer sein Stück Der Erdgeist heraus. Doch schon im Herbst 1895 verlässt Wedekind wieder München und reist zur Familie nach Lenzburg und nach Zürich. Ende März des Folgejahres kommt er in die kgl.-bayerische Residenzstadt zurück, um der Gründung von Langens illustrierter Wochenschrift Simplicissimus beizuwohnen. Wedekind selbst wohnt einige Zeit bei seiner alten Wirtin Frau Mühlberger, die von der Akademiestraße 21 (Station 6) in die Adalbertstraße 34 gezogen ist.

Unter diversen Pseudonymen (u.a. Hieronymus, Hermann, Kaspar Hauser, Benjamin, Müller von Bückeburg) wird Wedekind fester Mitarbeiter des Satireblattes. Statt Havelock und Schlapphut, seinem letzten Münchner Kleidungsstil, trägt er jetzt Paletot und Zylinder nach Pariser Mode. Jakob Wassermann, damals noch Jungredakteur bei Albert Langen, erinnert sich seiner Erscheinung im Werk Mein Weg als Deutscher und Jude: „Eines Tages stand er mitten im Zimmer der ‚Simpl‘-Redaktion, wie aus dem Boden gewachsen, ganz Zirkusdirektor, im grauen Zylinder und grauen Gehrock, mit vier Bärten im Gesicht und steinern unerbittlicher Miene. Ich trat ihm später recht nahe, lernte ihn fürchten und bewundern.“ (Unsterbliches München, S. 284)

Am 4. April 1896 erscheint die erste Ausgabe des Simplicissimus mit 24 Beiträgen von Wedekind im ersten Jahrgang. Das Titelblatt der ersten Nummer ziert eine junge Frau im Nachthemd auf einem Bett mit der Überschrift „Die Fürstin Russalka“; Wedekinds gleichnamiges Prosawerk hat die sexuellen Wirrnisse einer Adligen und ihren Weg zu Aufklärung, Frauenrecht und Sozialdemokratie zum Thema.

Wedekind ist Teil einer modernen Künstlergemeinschaft, die seinen Witz und seine Formulierungskunst durchaus zu schätzen weiß. Neben Wassermann macht er Bekanntschaft mit den Autoren Arthur Holitscher, Korfiz Holm, Thomas Mann, Thomas Theodor Heine und anderen. Gleichwohl kommt es zu Spannungen mit seinem Verleger Langen, weil dieser ihm – im Gegensatz zu den Zeichnern – zu wenig für seine Beiträge im Simplicissimus zahlt. Von Korfiz Holm, damals Büroleiter von Langen, ist folgender Streit zwischen den beiden überliefert:

 „Nun, wo ist das Gedicht?“

„Gedicht?“ Und Wedekind warf aus dem Augenwinkel einen bösen Blick nach ihm. „Glauben Sie, daß es mir Vergnügen machen kann, den geistesarmen Elaboraten Ihrer Zeichner, die Sie phantastisch honorieren, durch meine Verse überhaupt erst Wert und Resonanz zu geben.“

„Na, Sie haben das bisher ganz gern getan“, war die Erwiderung Langens, der im Gegensatz zu Wedekinds getragenem Ton in einem blitzschnellen Stakkato sprach. „Wenn das auf einmal unter Ihrer Würde ist, dann müssen Sie es eben lassen; nicht?“

„Die Überlegenheit des Geldsacks!“ höhnte Wedekind. „Wollten Sie mir die ernsten Werke, die ich schreibe, nach Gebühr bezahlen, dann kriegten mich zu solcher Schusterarbeit nicht zehn Pferde.“

„Haben Sie schon einmal nicht Ihr ausgemachtes Honorar bekommen?“ fragte Langen. „Und bin ich Ihnen etwas schuldig, oder umgekehrt?“

[...]

Wedekind lässt nicht locker und erwirkt, dass Langen ihm einen Vorschuss aus seinem Tresor bezahlt:

Man kann nicht sagen, daß das Goldgeklimper, das sich dabei erhob, besonders üppig klang; es war denn auch nur ein Zehnmarkstück, das er dann Wedekind mit spitzen Fingern in die aufgehaltene Rechte legte. „Wenn Ihnen damit für den Augenblick gedient ist – bitte sehr! Mehr geht für heute wirklich nicht.“

„Das wagen Sie mir anzubieten!“ brüllte Wedekind. „Der Teufel soll mich gleich vom Fleck weg holen, wenn ich jemals wieder über diese Schwelle trete.“ Sprach's, knallte sich den Claque aufs Haupt und gleich darauf die Türe hinter sich ins Schloß.

„Bis übermorgen also! Wiedersehen!“ rief ihm Langen lächelnd nach. (Korfiz Holm: ich – klein geschrieben, „Geschichten um Wedekind“)

 


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Verfasser: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek / Dr. Peter Czoik

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