https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbplaces/2021/klein/Weil_Grete_ca1926_1927_klein.jpg
Grete Weil, ca. 1926/27 (Archiv Monacensia)

Fürstenstraße/Pfarrer-Kronast-Weg: Elternhaus

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbplaces/2021/klein/Weil_Grete_GWF13_Landhaus_Dispeker_klein.jpg
Landhaus der Dispekers (Archiv Monacensia)

Die Villa am Eingang des Pfarrer-Kronast-Weges, die heute hinter Hecken versteckt liegt, hat Grete Weil über alles geliebt. In ihren Lebenserinnerungen berichtet sie, dass ihr Vater das Grundstück seiner Frau anlässlich ihrer Geburt schenkte und die Dispekers 1906/1907 ein Haus im Baustil der Gegend darauf haben errichten lassen. Neben der großbürgerlichen Münchner Wohnung der Familie in der Prinzregentenstraße und ab 1912 in der Widenmayerstraße diente das Domizil in Egern der Familie als Landsitz. 

Alte Fotos zeigen ein von außen schön gepflegtes Haus mit umgrenzendem Garten, geschmückt mit Balkonen, Spalieren und grünen Fensterläden. Überlieferte Fotos von den Innenräumen, darunter ein elegantes Herrenzimmer, eine moderne Küche und mehrere Zimmer, zeigen eine Einrichtung im Dekor des Jugendstils.

Kindheit und Jugend in München und Tegernsee 

An den Wochenenden und in den Ferien fährt die Familie aus München hinaus auf den Landsitz. Gretes Vater Siegfried Dispeker, angesehener Anwalt mit eigener Kanzlei, wird zum Geheimen Justizrat ernannt. Jahrelang ist er zweiter Vorsitzender der Münchner Anwaltskammer und im Vorstand der jüdischen Gemeinde als juristischer Berater, auch wenn er, wie Grete Weil in ihren Lebenserinnerungen berichtet, in seinem Leben bestimmt nie eine Synagoge betreten hat. Die streng-religiöse jüdische Tradition spielt im liberal-fortschrittlichen Lebensstil der Familie keine wesentliche Rolle. So wie bei vielen Familien jüdischer Herkunft hatte man sich an die bürgerliche Gesellschaft assimiliert. Grete Weil wächst mit Kunst, Theater, Literatur und der Zeitschrift Die Jugend auf, in deren Aufsichtsrat ihr Vater gleichfalls beratend tätig ist. Deren Herausgeber ist Georg Hirth, zugleich Herausgeber der Münchner Neuesten Nachrichten, er besitzt gleichfalls ein Haus in Egern. Auch mit ihm sind die Eltern befreundet. In ihren Lebenserinnerungen umreißt sie das damalige Leben in München so: 

Wir wohnten also an der Isar, hatten Bekannte und Freunde in Bogenhausen, dem Herzogpark, in Schwabing, Nymphenburg, Orten, die man leicht zu Fuß oder mit der Tram erreichen konnte. Es gab noch fast keine Autos, alles war bequem und ohne Gehetze zu bewältigen. Den Begriff Stress gab es noch nicht. Man lebte im Abseits von Schwabing, das Münchens Ruhm als Kunststadt begründete. Natürlich ging man ins Theater, vor allem zu den Kammerspielpremieren, meine Eltern auch sicher ab und zu in den Simpel zu Katie Kobus, aber das waren Ausnahmen. Mit Georg Hirth, dem Herausgeber der Münchner Neuesten Nachrichten, der einzigen in Frage kommenden Zeitung waren die Eltern befreundet, und Vater war auch im Aufsichtsrat der Zeitschrift Jugend, die im selben Verlag herauskam. Wir besaßen in Egern alle Jahrgänge der Jugend gebunden, die bei der Emigration wie so vieles andere verloren gegangen sind. 

(Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben, S. 54f.) 

Frühes Naturerlebnis: Der Wallberg  

In ihrer Kindheit und Jugend geht Grete mit dem Vater im Tegernseer Tal schwimmen, segeln und in die Berge. Der Wallberg ist der erste Berg, den Grete Weil mit 5 Jahren mit dem Vater besteigt. Auf ihm wird ihre große Liebe zu den Bergen wach:  

So nahm er mich, die Fünfjährige, mit auf meinen ersten Berg, den Wallberg über dem Tegernsee. Erst wollte er mit mir nur bis zum Haus, wo wir einkehrten, dann zum etwas höher gelegenen Kircherl steigen, doch ich gab keine Ruhe, bis wir oben unter dem Gipfelkreuz standen. So hatte er, ohne zu wissen, aber es vielleicht doch im Geheimen wünschend, meine Leidenschaft für die Berge geweckt. 

(Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben, S. 15) 

Im Winter überquert Grete mit dem Vater – kaum ist der See zugefroren – auf Schlittschuhen den See. Prominente Künstler und Intellektuelle, die damals am Tegernsee wohnten, sind bei den Dispekers Gäste, nicht nur Leo Slezak, die Ganghofers und die Hirths, auch Prinzessin Pilar von Bayern, der Schriftsteller Ludwig Thoma und viele weitere Persönlichkeiten.  

Grete Weil auf Skiern (Archiv Monacensia)

Spielsachen und Tiere 

In ihren Lebenserinnerungen berichtet Grete Weil von ihren Tätigkeiten in der Dispeker-Villa, welche Spielsachen sie hatte, von der großen Liebe zu ihrem Hund Rasso, und stellt Theorien darüber auf, warum sie keine Kinder hat: 

Ich war ein verwöhntes Kind und hatte viele Puppen. Aus keiner machte ich mir etwas. Vielleicht schon ein Anzeichen dafür, dass ich mir später im Grunde nie ein Kind wünschte, jedenfalls nicht mit der Intensität, mit der es wohl die meisten Frauen tun. Merkwürdig ist, dass ich neben den Puppen, die ihre Augen schließen oder Mama sagen konnten, aber sonst immer die selben langweiligen Gesichter behielten, kein Stofftier hatte. Ich weiß nicht, ob die Eltern mir keines schenken, es gab noch nicht so viele Stofftiere wie später, oder ob ich nie eines gewünscht hatte. Ich liebte Tiere über alles, besonders Hunde, doch ich glaube, dass ein Stofftier mit seinen Glasaugen für mich kein Ersatz für ein richtiges Tier war. Wir hatten in Egern Katzen und als ersten Hund meines Lebens den Deutschen Schäferhund Rasso, der nicht mir, dem dagegen ich gehörte, denn er hielt mich für sein kostbares Eigentum, das er in jedem Fall bewachen und beschützen musste. 

(Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben, S. 41) 

Grammophon und Musik  

Wenn es regnete, war das Grammophon ihr liebstes Spielzeug: „In meiner Kindheit hatten wir (in unserem Landhaus am Tegernsee) ein Grammophon. Einen braunen viereckigen Kasten, mit einer Kurbel zum Aufziehen daran und einem grossen hellbraunen Trichter, so wie er auf Hismasters-voice-Platten zu sehen ist“. Wir erfahren, dass ihre Familie Richard Wagner über alles liebte, sie aber die Musik von Mozart allem anderen vorzog. 

Am öftesten liess ich das Duett aus der Zauberflöte laufen: Bei Männern, welche Liebe fühlen. Gesungen von Selma Kurz und Leopold Demuthr meine Familie, Vater, Mutter, Bruder war Wagner der Abgott, ich hielt mich an Mozart und bin bei Mozart geblieben. Und noch in einer anderen Weise hat diese Platte mich geprägt: Zeit meines Lebens zog ich dem Zusammenklang von Sopran und Bariton dem aller anderen Stimmen vor. Wie schon gesagt, bestand meine Familie aus Wagnerianern. Nicht nur Thomas Mann nannte seine Tochter Erika mein kühnes, herrliches Kind, mein Vater sagte es auch zu mir. Er ging mit mir in die Walküre, allein, da wollte er niemanden anderen dabei haben, auch meine Mutter nicht, wir sassen in der ersten Reihe Mitte, gleich hinter dem Dirigenten. 

(Grete Weil: Erinnerungen über ihre Vorlieben in Musik, S. 1f.)   

Erste Schreibversuche  

Im Haus in der Fürstenstraße 30 macht die junge Grete Weil bereits als Jugendliche erste literarische Schreibversuche. Überliefert sind in Egern verfasste Tagebuchaufzeichnungen, Gedichte und ein Theaterstück. Tatsächlich hat sie 1914, mit 14 Jahren und einige Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs, während der Advents- und Weihnachtszeit ein kleines Theaterstück, geschrieben, das sie Des armen Deutschlands Weihnachtsspiel betitelt.  

Auch die Gedichte BergliederDen Everest-BesteigernReligion und Mutter Natur hat sie in Egern verfasst. Aus letzterem geht hervor, dass sich die junge Grete mit keiner Religion identifizieren kann, sondern ausschließlich an „Mutter Natur“ glaubt. 

Grete Weil als Kind. Foto: Emil Ganghofer (Archiv Monacensia) 

Auf Suche nach der eigenen Bestimmung 

1922 verlässt Grete Dispeker die St.-Anna-Schule in München, die sie seit 1916 besucht. Lange ist sie desillusioniert, weil sie bei Bewerbungen mit ihrer bisherigen Schulausbildung nur Absagen über Absagen erlebt: 

Als ich mit der Schule fertig war, schmerzte es mich, dass ich keine Möglichkeit sah, etwas zu verdienen. Dieser Zustand dauerte ziemlich lange an, wurde zum Trauma. Ich bewarb mich bei Verlagen, bei Theatern, Zeitungsredaktionen und bekam meistens zu hören (wirtschaftlich ging es dem Land noch immer schlecht): „Warum wollen Sie für Geld arbeiten? Ihrem Vater geht es doch gut?“ Eine deprimierende Antwort für einen jungen Menschen, der auf eigenen Füßen stehen will. Eine mir bekannte Frau, die eine leitende Stelle in einem Berliner Theaterverlag hatte, schrieb unter ihre Absage den mich heftig kränkenden Satz: „Schwimmen ist auch ganz schön“. Was hat diese Frau sich gedacht? Oder hat sie, umso schlimmer, gar nicht gedacht? 

(Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben, S. 83)  

Ein Eintrag aus dem Jahr 1923 zeigt, wie die damals 17-jährige über den Sozialismus reflektiert und eine Vision von sich selbst entwirft. Sie nimmt sich vor, „ein ganz großer Mensch zu werden“: 

Egern, am 3. Januar 1923 

Nun fühle ich ganz deutlich, daß ich mich mehr und mehr dem Sozialismus nähere. Nicht daß ich auf einmal blind gegen die Dummheit und Grausamkeit der Masse wäre, aber mich erfaßt doch unendliches Mitleid mit dem Einzelnen, mit dem armen Individuum, das sich emporringt unter dem Drucke der Eltern, unter der Fuchtel der Schule zu einem qualvollen zerrissenen Dasein. Denn es wurde ihm von ferne ein großes Licht gezeigt, eine strahlende Sonne, doch als es seine Hände sehnsüchtig danach streckte, war sie zerronnen. Und der Mensch hat noch nicht die Kraft sich in der Dunkelheit ein Leben aufzubauen, ein Leben voll Schönheit und Würde und Stärke und Stolz. Der Mensch fand noch nicht den Weg, der ihn befreit aus den Fesseln der Zivilisation und ihn zurückführt zur Ur-Kultur. Wenige wissen das Ziel, doch diese müssen Führer sein, müssen die Verantwortung tragen. Ich bin Führer, ich habe den Willen ein ganz großer Mensch zu werden. Und ich will zu den Armen gehen, zu den Schönheitswesen und will ihnen ein großes Glück bringen und zu ihnen sprechen voll Liebe mit Güte.

(Grete Weil: Nachlass, Tagebücher, Monacensia im Hildebrandhaus, GW Tagebücher)  

1923 ist auch das Jahr, in dem in München der Hitlerputsch stattfindet. Dem schon zuvor wachsenden Antisemitismus in Bayern war die Familie zunächst mit Hoffnung auf die deutsch-jüdische Symbiose begegnet. 1923, während des Hitlerputsches, flieht die Familie erstmals nach Grainau zu Verwandten, kehrt dann aber nach einigen Tagen nach München zurück. Auch als Grete Weil und ihrem Bruder etwas später die Aufnahme in den Alpenverein verweigert wird, denken sie noch nicht an Emigration.  

1928 fällt Grete Weil in München durch die Abiturprüfung. Sie geht zu Verwandten nach Frankfurt und schließt dann hier im Herbst 1929 die Schule mit dem Abitur ab. Dort beginnt sie auch das Studium der Germanistik, das sie nach Berlin, Paris und schließlich wieder zurück nach München führt.  

 


Zur Station 4 von 7 Stationen


 

Verfasst von: TELITO / Dr. Ingvild Richardsen

Verwandte Inhalte
Literarische Wege
Literarische Wege