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Grete Weil als kleines Mädchen. Foto: Emil Ganghofer (Archiv Monacensia)

Ganghoferstr. 1: Geburtshaus

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Grete Weils Eltern Isabella und Siegfried Dispeker. Foto: Arthur Marx (Archiv Monacensia)

Als Tochter des Münchner Rechtsanwalts Dr. Siegfried Dispeker und seiner Frau Isabella Dispeker, geb. Goldschmidt, kommt die spätere Fotografin und Schriftstellerin Grete Weil am 18. Juli 1906 als Margarethe Dispeker in Egern im Haus des damaligen Fotografen Emil Ganghofer, Bruder des bekannten Schriftstellers Ludwig Ganghofer, zur Welt. Siegfried Dispeker ist jahrelang zweiter Vorsitzender der Münchner Anwaltskammer und auch im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in München tätig. Mit Emil Ganghofer, in dessen Haus die Dispekers eine Ferienwohnung gemietet hatten, sind die Dispekers eng befreundet. Sie kennen sich aus München, waren sich hier in den künstlerischen Kreisen begegnet. Emil Ganghofer war weit über den Tegernseer Winkel hinaus als Abenteurer, als humorvoller, geselliger Zeitgenosse bekannt und beliebt. 

Der Ort 

Emil Friedrich Wilhelm Ganghofer wurde als zweiter Sohn des Forst- und Regierungsrats August von Ganghofer und seiner Frau Charlotte, geb. Louis, am 24. August 1861 in Weiden (bei Augsburg) geboren. Am 1. Juni 1875 schrieb er sich in die Kgl. Kreis-Gewerbeschule in München ein. Dann ging er zur See und wurde Schiffsoffizier. Am 29. Juni 1892 kaufte er sich in Egern ein Haus am Egerer Spitz und baute es zu seinem Wohnsitz um. Am 28. September 1897 heiratete er in Rottach-Egern die drei Jahre jüngere Fanny Gericke, Nichte des Schriftstellers und Theaterleiters Paul Lindau (1839-1919). 

Emil Ganghofers im Alpenstil erbautes Haus, das direkt neben dem alten Hotel Überfahrt lag, steht noch heute dort beim heutigen Seehotel Überfahrt. Das Hotel Überfahrt hatte seit 1903 einen berühmten Theatersaal. Von Josef Höß (1856-1919) erbaut, war er damals der größte Theatersaal im bayerischen Oberland und Austragungsort vieler Festlichkeiten und Theateraufführungen. Hier hatte auch die sog. Ganghofer-Ludwig-Thoma-Bühne ihren Sitz.  

Als Grete Weil 1906 in Ganghofers Haus geboren wird, hat Emil Ganghofer, der als 1. Fotograf von Egern bekannt ist, hier auch sein Fotoatelier. Viele Persönlichkeiten und Begebenheiten aus dem damaligen örtlichen Gesellschaftsleben werden von ihm fotografisch festgehalten. Aus Grete Weils Geburtsjahr ist ein Foto von einer Maschkeragaudi aus Egern überliefert, die von Emil Ganghofer arrangiert wurde. Auch von der kleinen Grete hat Ganghofer Fotos gemacht. 

Ludwig und Emil Ganghofer. Aus: Hans Halmbacher: Das Tegernseer Tal in historischen Bildern. 3 Bde. Fuchs-Druck, Hausham 1980-87 (Sammlung Hans Halmbacher) 

Geburt am Egerner Spitz 

Grete Weil hat sich selbst zu dem Ablauf und den Umständen ihrer Geburt in Egern im Haus von Emil Ganghofer geäußert. Wir erfahren, warum sie gerade hier geboren wurde, welche Eindrücke prägend waren und wer zum Zeitpunkt ihrer Geburt noch in Ganghofers Haus lebte:  

Ich bin in Egern, an dem von beiden Eltern geliebten Tegernsee, geboren, nicht in unserem eigenen Haus, das gab es damals noch nicht... Hausgeburten waren zu jener Zeit eine Selbstverständlichkeit, sonst wäre es nicht zu begreifen, warum meine Eltern sich für das damals so abgelegene Egern entschieden hatten, wo sie bei Emil Ganghofer, einem Bruder Ludwig Ganghofers, zur Miete wohnten... 

Es war eine schwere Geburt, mit einem aufblasbaren Ballon eingeleitet, aber schließlich war ich doch am 18. Juli morgens um sechs Uhr da. Ein recht dickes Mädchen mit erstaunlich vielen dunklen Haaren auf dem Kopf. Das Ganghoferhaus liegt genau an dem Punkt, von dem aus man den ganzen See und die Egerner Bucht überblickt. Meine Augen sahen als Erstes die geliebte Landschaft, Schönheit nur Schönheit.  

Im Haus wohnten Emil Ganghofer, der früher zur See gefahren war, und einen nervösen Gesichtstick hatte – jetzt war er Fotograf, setzte seine Kunden vor eine mit Bergen bemalte Leinwand und knipste unter seinem schwarzen Tuch –, Emils Frau Bim und sein Sohn Rudi. Da war auch noch Bims Schwester, Grete von Schönthan, eine sehr liebe, kluge ältere Dame, die gemeinsam mit Mann und Schwager den Raub der Sabinerinnen geschrieben hatte...  

Kaum war ich auf der Welt, bekam ich eine Amme, eine Bergarbeiterfrau aus Hausham bei Schliersee, die einen Buben hatte, der Otto hieß und mein Milchbruder wurde. Ich habe sie beide nur einmal noch gesehen, als Neunjährige. Sie schienen mir sehr schüchtern und verlegen zu sein. Warum Mutter mich nicht selber stillte, weiß ich nicht. War sie zu schwach? Hatte sie zu wenig Milch? Oder war es in den „besseren Kreisen“ damals üblich, die Kinder nicht selbst zu stillen? 

(Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben. S. Fischer, Frankfurt 2001, S. 39f.) 

Von Grete Weil sind mehrere Fotos aus dem Fotostudio von Emil Ganghofer überliefert. Darunter drei Fotos, die sie als kleines Mädchen zeigen. Es ist wahrscheinlich, dass es auch die frühen Eindrücke und Erlebnisse im Fotostudio von Emil Ganghofer sind, die Grete Weil dazu bringen, von 1933 bis 1935 den Beruf der Fotografin zu erlernen, um damit im niederländischen Exil Geld verdienen zu können. 

Bereits während ihres ersten Lebensjahres errichtet die heimatverbundene, liberal-bürgerliche jüdische Familie Dispeker in Egern in der Fürstenstraße 30 einen ansehnlichen Landsitz zur Sommerfrische:  

Vater schenkte den Baugrund Mutter zu meiner Geburt... In meinem ersten Jahr wurde unser Egerner Haus gebaut, vermutlich stand ich in meinem Kinderwagen recht oft auf dem Bauplatz, geblieben ist mir natürlich nichts davon, nur dass ich das, was da entstand, später über alle Maßen liebte. 

(Grete Weil: Leb ich denn, wenn andere leben. S. Fischer, Frankfurt 2001, S. 39f.) 

Isabella Dispeker mit ihren Kindern Fritz und Grete. Fotoatelier Bischoff (Archiv Monacensia) 

 


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Verfasser: TELITO / Dr. Ingvild Richardsen

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