Bayerische Staatsbibliothek

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Vor dem Haupteingang der BSB: der Dichter Homer mit Lyra (c) Ansichtensammlung / Bayerische Staatsbibliothek
Ludwigstraße 16
80539 München

Leitung: Dr. Claudia Fabian [Leiterin Handschriftenabteilung]
Öffnungszeiten: Lesesaal für Handschriften und Alte Drucke: Mo.-Fr.: 9.00-17.00 Uhr.

Telefon: 089/28638-2263 [Handschriftenlesesaal]; 089/28638-2322 [Allge. Auskunft]
Fax: 089/28638-2200

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Volkstheater Kiefersfelden

1. Angaben zum Bestandsbildner:

Name: Volkstheater Kiefersfelden.
Gründungsdatum: 1618; abweichendes Datum: 1596.
Im 18. Jahrhundert Aufführung von Bibelstücken, dann von Heiligenlegenden, ab ca. 1830 bis heute Aufführung von Ritterschauspielen.

2. Bestandsumfang:

4 Filmrollen.

3. Erschließungsstand:

Der Bestand ist zur Benutzung erschlossen.

3.1. Katalogisierung:

Der Bestand wurde hausintern verzeichnet.

4. Bestand:

4.1. Allgemeines und Einzelnes:

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4.2. Gründung und Rechtliches:

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4.3. Berichterstattung und Protokolle:

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4.4. Korrespondenzen:

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4.5. Finanzielles:

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4.6. Administration und Organisation:

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4.7. Mitglieder und Sektionen:

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4.8. Rundschreiben und Zirkulare:

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4.9. Sach- und Geschäftsakten:

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4.10. Publikationen:

- Der Bestand enthält eine Festschrift zum 375. Jubiläum 1993.

4.11. Audiovisuelles Material:

- Der Bestand enthält 4 Mikrofilme nach handschriftlichen Textbüchern u.a. von Wolfgang Schwarz, Johann Heller und Joseph Schmalz, Stücke religiösen Inhalts und Ritterspiele, einige Stücke aus dem 18. Jahrhundert, die Mehrzahl aus dem 19. Jahrhundert bis 1860.

4.12. Dokumentation und Sammlungen:

- Der Bestand enthält einen Programmzettel 1993.

5. Zugang:

Eine Benutzung zu wissenschaftlichen Zwecken ist gestattet.

6. Veröffentlichungen zum Bestand:

- Bayerische Staatsbibliothek. Ein Selbstporträt. Hg. v. Cornelia Jahn, Hermann Leskien & Ulrich Montag. München 1997.
- Karl Dachs: Die schriftlichen Nachlässe in der Bayerischen Staatsbibliothek München. Wiesbaden 1970 (Catalogus codicum manu scriptorum Bibliothecae Monacensis. IX. 1).

7. Vermerk zur Erwerbung:

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8. Bemerkungen:

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Kommentare

Roland H. Dippel am 25.04.2017 um 21:49

Neu ist das Thema nicht: Die Theatergesellschaft Kiefersfelden schwört darauf, dass die Spiele auf der historischen Barockbühne „Deutschlands ältestes Dorftheater, gegr. 1618“ sind. Anders sehen das Volkskundler und Theaterwissenschaftler. Sie halten dieses Gründungsjahr für eine Erfindung des Gemeindepfarrers Johann von Gott Gierl, der um 1900 – wohlgemerkt auch aus aufklärerischen Gründen – touristische Anreize schaffen wollte. Die Legitimation des Spiels durch Altehrwürdigkeit (sicher in Übereinkommen mit den Gemeindevorständen) war dazu ein wichtiges Argument und ein Gründungsdatum vor dem der Passionen in Oberammergau, Erl und Thiersee von Vorteil. Jetzt rüsten die Theatergesellschaft Kiefersfelden und der angeschlossene Förderverein zum äußerst fragwürdigen Jubiläum „400 Jahre 2018“. Die Gemeinde an der bayerisch-tirolischen Grenze ist stolz darauf, das Attribut „Deutschlands ältestes Dorftheater“ sowie den weltweit einzigen Aufführungsort für das Genre des ländlichen Ritterschauspiels für sich geltend machen zu dürfen. Allerdings sei diese auf das Jahr 1618 bezogene Legitimation historisch nicht haltbar – so sagen kritische Stimmen – ebenso wenig wie Indizien für das ebenfalls vorgeschlagene Gründungsjahr 1596. Erstmals hatte man sich nach dem Ersten Weltkrieg auf diese Datierungen bezogen. Demgemäß holte man 1922, wenngleich mit kriegsbedingter vierjähriger Verspätung, mit der Vorstellungsserie „Siegfried und Ludmilla“ die 300-Jahr-Feier nach. Der Volkskundler Hans Moser (1903-1990), der sich von etwa 1923 bis zu seinem Tod mit diesem Volkstheater beschäftigte, stellte das Gründungsdatum 1618 mehrfach in Frage: „Man liebt archaisierende Abstempelungen und Altersrekorde, und wo sie einmal fixiert sind, will man sie nicht mehr preisgeben. […] Die Aufführungen in Kiefersfelden sind heute etwas Einmaliges, weil sie sich noch einer spätbarocken Bühnentechnik bedienen und an einer Spielgattung festgehalten haben, die anderwärts aufgegeben wurde. Sie repräsentieren jedoch nicht ‚das älteste Dorftheater in Deutschland, begründet 1618‘, wie das alljährlich auf den Spieleinladungen und Anschlagzetteln sowie in Presseberichten zu lesen ist.“[1] Auch Ekkehard Schönwiese hielt das genannte Datum für fraglich.[2] Erstmals hatte der Kiefersfeldener Gemeindepfarrer Johann von Gott Gierl beide Gründungsjahre 1596 und 1618 in einem Fachaufsatz (1896)[3] und in seiner Ortschronik (1899)[4] fixiert, ohne dafür aber eine fundierte Beweisführung zu liefern. Theatergesellschaft und Gemeindevorstände widersetzten sich in der Folge jedem Zweifel an diesen Datierungen – so etwa als 1983 Frido Will, Autor der Dissertation „Das Volkstheater Kiefersfelden“, in der „Oberbayerischen Volkszeitung“ mit Kenntnis der Hintergründe eine Gegendarstellung veröffentlicht hatte.[5] Martin Hainzl, Archivar der Theatergesellschaft, verteidigte das Gründungsjahr 1618 ebenfalls und bringt sogar die Spur eines noch älteren Belegs ein.[6] Demnach sei um 1450 auf einer Straße im Gemeindegebiet ein Mann im Kostüm aufgegriffen worden, was ein Nachweis für bereits damals in Kiefersfelden praktiziertes Theaterspiel sei ebenso wie eine Abschrift des Jesuitenschauspiels „Ansberta“ (1657) im Besitz des Vereins. Die Theatergesellschaft nimmt das tatsächliche Alter des Schauspiels als Bestätigung für eigene Theateraufführungen im 17. Jahrhundert. Eine verlässliche regionalgeschichtliche Quelle bzw. eine stichhaltige Beweisführung fehlt allerdings auch hierfür bis heute. Dass einer sehr frühen Datierung eine große Bedeutung beigemessen wird, hat natürlich seinen Grund. Denn immerhin wird damit eine Theaterpflege in Kiefersfelden postuliert, die vor dem Beginn der Passionsspiele in Erl/Tirol (nachgewiesen seit 1613), des Volkstheaters in Flintsbach (Belege von Karfreitagsspielen in den Jahren 1675 und 1680) und der Heiligenspiele in Bad Endorf (ab 1790) anzusetzen ist. Andere Bühnen in nahe gelegenen Orten wie Oberaudorf oder Brixlegg, Buch und Pradl in Tirol sind diesbezüglich für die Spielgemeinschaft nicht relevant, da sie nicht mehr bzw. lediglich in neuartigen Ausrichtungen existieren. Ist das geplante Jubiläum trotz ausstehender Beweisführung legitim? Die Spielgemeinschaft hat seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine wildbewegte Geschichte ebenso wie reichlich Kühnheit, Beharrlichkeit und echte Originalität. Die Comedihütte Kiefersfelden ist heute der weltweit einzige Ort für ländliche Ritterschauspiele des 19. Jahrhunderts. Es gibt viele Anhänger, aber keine Fachgemeinschaft: Theaterbesucher religiöser Orientierung pilgern zu den Passions- und Heiligenspielen, die Theatergesellschaft Kiefersfelden zählt nicht zu den boomenden Ritter- und Mittelalter-Spektakeln/-Events – warum auch? In die Zirkel, zu denen sie als Theater aus der Goethezeit gehört, dringen sie aufgrund kategorischer Klassifizierungen nicht vor. Und in die heutigen Formen des Bauern- und Volkstheaters passt sie erst recht nicht. Das heißt: Dieses einzige Reservat einer ausgestorbenen Theaterkultur steht selbst (noch) nicht unter Schutz und muss sich deshalb jederzeit neu legitimieren. Das ist ein Paradox des Kulturbewusstseins, weil die Ritterschauspiele in ihrem menschlichen Ethos unanfechtbar sind: In den Sujets gibt es keinen Fremdenhass, keinen Antisemitismus, keinen Hexenwahn, keinen Aberglauben. Ein hochgradiges Jubiläumsjahr muss mehr sein als Feier und Repräsentation. Es ist Anlass zur Selbstreflexion sowie Überprüfung von Inhalten und Nachhaltigkeit. Die Theatergesellschaft Kiefersfelden braucht diesen Etappenmoment unbedingt, weil das von ihr verantwortete Kulturerbe viel subtiler, vielschichtiger und auch perspektivenreicher ist als die Sakralspiele, Schauspiele und Volksstücke, aus denen sie hervorgingen und die sie überwunden hatten. Erstmals in ihrer seit 1833 belegbaren Geschichte besinnen sich die Macher der Ritterschauspiele etwa seit 2000 auf ihre ganz eigene Dynamik und Philosophie. Sie werden sich bewusst eines stetigen Wandels und stehen im Spannungsfeld von behaupteter Naivität, Veränderung und Kontinuität der Aussage. Das vermeintliche Gründungsjahr 1618 verpflichtet zur Bewahrung ihres nichtmateriellen Kulturerbes. Die mentale Verortung der Gründung in die Zeit des 30jährigen Krieges, von Reformation und Gegenreformation ist konform zu den aufgeführten Heiligen- und Ritterschauspielen, zu Haupt- und Staatsaktionen, zu „Ritter, Tod und Teufel“. Die ländlichen Ritterschauspiele sind in Themen, Sujets und Spielformen verweltlichte Heiligenspiele. Sie sind im Sinne der Kulturästhetik des 19. Jahrhunderts alt UND modern: Die Koordinaten zwischen Himmel und Hölle, von „fränkisch-byzantinischen Sagen“ über Ruinen, schöne Seelen hin zum Historismus und nichtliturgischer Genremalerei sind das Skelett der Ritterschauspiele. Ohne all das verlieren sie ihr Bezugsystem. Deshalb gehört das Prädikat „Deutschlands ältestes Dorftheater seit 1618“ legitim zur Theatergesellschaft Kiefersfelden. [1] Moser, Hans: Zu den Volksschauspiel-Arbeiten, in: Moser, Hans: Volksschauspiel im Spiegel von Archivalien. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte Altbayerns (= Bayerische Schriften zur Volkskunde, Bd. 3), München 1991, S. 13-24; hier S. 18. Zu Kiefersfelden siehe in diesem Werk insb. auch S. 43-44 und 68-86. [2] Schönwiese, Ekkehard: Kiefersfelden und seine Ritterspiele [sic], Oberaudorf o. J. (um 2000). [3] Gierl, Johann von Gott: Das Bauerntheater in Kiefersfelden. (Ein 300jähriges Jubiläum), in: Das Bayerland, Jg. 7 (1896), S. 417-418. [4] Gierl, Johann von Gott: Kiefersfelden, der bayerische Grenzort bei Kufstein, München 1899. [5] Will, Frido: Das große Provinztheater. Eine neue Folge im Programm des Heimatfeuilletons, in: Oberbayerische Volkszeitung vom 22./23. Januar 1983. [6] Gesprächsnotiz des Autors mit Archivar Martin Hainzl, Juli 2013. Roland H. Dippel



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