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05.05.2015, 13:59 Uhr
Veronika Schöner
Spektakula

... zu widerstehen. Begegnungen mit dem Lyriker Reiner Kunze (Teil 1)

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Blick vom Sonnenhang über die Donau (c) Literaturportal Bayern

Eine besondere Bereicherung für das Literaturland Bayern erlebt gerade der idyllische Marktflecken Obernzell-Erlau bei Passau – dort entsteht eine „Stätte der Zeitzeugenschaft und ein Ort des Schönen“, angeregt vom Lyriker Reiner Kunze. Kunze, der seit seiner Übersiedlung aus der DDR 1977 hier lebt, arbeitet zusammen mit seiner Frau Elisabeth intensiv am Aufbau einer Stiftung, die ihr Wohnhaus nach ihrem Ableben zu einem Ausstellungshaus umgestalten soll. Anlass für Veronika Schöner, den berühmten Lyriker, DDR-Dissidenten und Büchner-Preisträger für das Literaturportal Bayern zu besuchen.

Freundlich werde ich in Erlau empfangen. Das Haus liegt wunderbar: am Sonnenhang, hoch über der Donau, am Ufer gegenüber grüßt eine Raubritterburg. Der Schreibtisch von Reiner Kunze steht so, dass er genau auf den Fluss schauen und die vorbeifahrenden Schiffe zählen kann. 

Wir beginnen unser Gespräch im Garten mit Blick auf das Wohnhaus des Ehepaares, dem zukünftigen Ausstellungshaus der Stiftung. Es soll kein Museum werden, das ist Reiner Kunze wichtig, denn es geht ihm nicht um eine glorifizierende Konservierung seines Andenkens als großen Schriftsteller. Um den Unterhalt und die Betreibung des Ausstellungshauses für die Zukunft sichern zu können, hat das Ehepaar 2006 die Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung gegründet. Kunze, inzwischen 82 Jahre alt, erklärt mir die Absichten der Stiftung:

Wir haben die Stiftung auf den Rat meiner Anwältin hin gegründet und zwar wegen meiner Unsicherheit, was aus all den Dokumenten und Kunstwerken werden soll – Videos, Audios, Schriften –, die sich in den letzten 50 Jahren im Umfeld meiner Bücher angesammelt haben. Ein einzelnes Dokument ist ein einzelnes Dokument. Das hat für einen bestimmten Augenblick oder für eine bestimmte Angelegenheit eine Aussagekraft. Aber das, was wir hier an Dokumenten und Kunstwerken haben, kann mehr leisten. Es kann die Komplexität des Lebens vielseitig darstellen.

Das Haus (c) Literaturportal Bayern

Komplex war das Leben dieses Schriftstellers zweifellos. In seinen Gedichten ließ es sich Reiner Kunze jedenfalls nicht nehmen, die „wahre“ DDR zu enthüllen. Berühmtes Beispiel ist der Prosaband Die wunderbaren Jahre (1976), für den Kunze 1977 der Büchner-Preis verliehen wurde. In der unprätentiösen Schilderung von Alltagssituationen im sozialistischen System, mit der unkommentierten Wiedergabe von Gesprächen legt er zielsicher die Schichten ideologischer Indoktrination, Unterdrückung und Verblendung der Gesellschaft frei. Wegen der Wunderbaren Jahre wird der Autor aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, kurz darauf darf er mit seiner Familie in den Westen ausreisen. Diese Erlebnisse in einem totalitären System und die ständige Überwachung durch die Staatssicherheit prägten ihn und seine Familie intensiv und bilden die Motivationsgrundlage zur Einrichtung des Ausstellungshauses:

Wir haben nun die eine Hälfte unseres bewussten Erwachsenenlebens in einer Diktatur verbracht, und die andere Hälfte in einer Demokratie – und in beiden war  es nicht immer leicht. Worunter wir am meisten gelitten haben, war die ständige ideologische Indoktrination, der man ausgesetzt war – in der Diktatur, und zum Teil auch von Kreisen in der Demokratie. Wir möchten erreichen, dass das, was in diesem Haus einmal ausgestellt wird, dazu beiträgt, „Antikörper“ zu bilden gegen ideologische Indoktrination und es soll ermutigen zum Widerstand gegen totalitäre Gesellschaften. In den Tagebüchern von Albert Camus heißt es an einer Stelle: „Schönheit, neben der Freiheit meine größte Sorge.“ In diesem Wort kommt der andere Teil zum Ausdruck, den dieses Haus erfüllen soll. Es soll auch zeigen, woher die Kraft kam, zu widerstehen: aus der Kunst.

Die Vermittlung dieser Botschaft ist Reiner Kunze gerade heute wichtig: „Ich glaube, je freier man lebt, desto mehr braucht man diese Warnung. Man weiß nicht, was man hat. Und es kann sehr schnell passieren, dass Verhältnisse entstehen, die wir schon einmal gehabt haben.“ Für diese Lektion nimmt das Ehepaar größte Opfer auf sich: Das gesamte Eigenkapital ist in die Stiftung geflossen, die Suche nach Spendern und Sponsoren gestaltet sich nicht nur frustrierend bis teilweise demütigend, sondern vor allem zeitaufwändig. Um ihr Vorhaben bekannt zu machen, reist Reiner Kunze durch die ganze Republik und auch der Empfang von Journalisten und Interessierten wie mir heute kostet Kraft. Für die eigentliche Arbeit, das Schreiben, bleibe ihrem Mann kaum noch Zeit, erzählt mir Frau Kunze.

Reiner und Elisabeth Kunze vor ihrem Wohnhaus (c) Literaturportal Bayern

Die Umsetzung ihres Vorhabens erfolgt in drei Phasen: In Phase 1 zu Lebzeiten der Stifter werden soweit als möglich die baulichen, inhaltlichen, organisatorischen und finanziellen Voraussetzungen geschaffen. Das Wohnhaus wurde mit viel Aufwand so umgebaut, dass es später als Ausstellungshaus geeignet ist: Dämmung, Brandschutz, Fenster – für den zukünftigen Rundgang opferten die Kunzes sogar ihren Balkon. Viel Arbeit steckt in der Inventarisierung der über 5000 Archivalien. Der Bestand wurde nach historischer, literaturwissenschaftlicher und biographischer Bedeutung bewertet, kommentiert und geordnet. Reiner Kunze versucht, alles so ausführlich wie möglich vorzubereiten und aufzuarbeiten, so dass der Stiftungsrat in Phase 2 nach seinem Tod „sofort loslegen“ und die Ausstellungen nach seiner Konzeption detailgetreu umsetzen kann. In Phase 3 wird das Ausstellungshaus schließlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Die zukünftige Ausstellung soll die „Geschichten hinter den Geschichten“ erzählen: die Dokumente und Kunstwerke dokumentieren den Hintergrund der Bücher und machen das Erlebte nachvollziehbar, aus dem die Bücher hervorgegangen sind. „Unser Archiv ist voller Geschichten,“ sagt Kunze. Ein Beispiel ist das Schicksal des Kinderbuchs Der Löwe Leopold, das er für seine Tochter Marcela geschrieben hat und das in der DDR als „staatsgefährdend“ eingestuft wurde. Alle Dokumente, die in dieser Geschichte eine Rolle spielen, werden zu sehen sein: die Originalbriefe, die Zeichnung des Löwen von Marcela, die zum Titelmotiv wurde, die einzelne DDR-Ausgabe, die Kunze von einer bis heute unbekannten Quelle zugespielt wurde, nachdem 15.000 bereits gedruckte Exemplare eingestampft worden waren.

Reiner Kunze über die Entstehungsgeschichte des Buches:


Das Ehepaar Kunze führt mich weiter durch das zukünftige Stiftungsgelände. Im Hanggarten überrascht ein besonderer Blickfang: ein traditioneller koreanischer Poesie-Pavillon. Gestiftet hat ihn die Germanistin Prof. Dr. Young-Ae Chon, Kunzes Übersetzerin in Korea. Am Anfang sei er gar nicht so begeistert gewesen von der Idee, erzählt der Lyriker. Ein koreanischer Pavillon in Erlau? Aber sie habe sich durchgesetzt, zum Glück. Schwach geworden sei er schlussendlich wegen der Symbolkraft des Gebäudes. Die Legende besagt, ein koreanischer Prinz habe den Poesie-Pavillon erbaut für ein völlig neues Königreich, das sich auf Bescheidenheit, Humanwissenschaften und die Künste gründen soll. Der Pavillon in Kunzes Garten bezeugt nach dem Wunsch der Stifterin die Kraft der Poesie, Kontinente miteinander zu verbinden und erinnert mahnend an das gemeinsame Schicksal von Diktatur und Teilung in Deutschland und Korea.

Der Pavillon (c) Literaturportal Bayern

Die Geschichte des Aufbaus des Pavillons kann symbolisch stehen für den Aufwand, den das Ehepaar für die Umsetzung ihrer Vision auf sich nimmt: Kunzes planierten in Eigenarbeit einen Teil des Hanggrundstückes und errichteten das Fundament für das Gebäude. Die Einzelstücke des Pavillons wurden von Seoul in 16 Containern nach Bremerhaven gebracht und von dort mit einem Schwertransporter nach Erlau gefahren. Eigens eingeflogene koreanische Zimmerleute und Spezialdachdecker mussten in einem feuchten Januar vor dem deutschen Wetter kapitulieren und zurückfliegen. Erst im April konnten sie die Arbeit in Erlau wieder aufnehmen. In zwei mehrwöchigen Bauabschnitten wurde das Holz händisch verleimt, die Flügeltüren mit Reispapier versehen, das Dach mit mehreren Tonnen gebrannter Lehmschindeln gedeckt. Der Garten war von den schweren Geräten so in Mitleidenschaft gezogen worden, dass er hinterher neu angelegt werden musste.

Heute aber blüht es rund um den Pavillon, ein zauberhafter Ort der Poesie, Korea in Bayern – das ist einzigartig und sicherlich ein Highlight für zukünftige Besucher des Ausstellungshauses.

Zur Fortsetzung des Interviews...


Externe Links:

Fotos zur Kunze-Stiftung auf Facebook


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