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26.11.2014, 12:04 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [513]: Zwei Beobachtungen und ein kleiner Anhang

Man könnte es sich wieder einmal einfach machen und die ersten beiden Seiten des letzten, des 53. Sektors, in einem kurzen Satz zusammenfassen:

Die Sonne geht auf, es wird ein schöner Tag werden.

Wie armselig! Wie trivial! Jean Paul braucht natürlich wesentlich mehr Worte für diese banale Tatsache. Nicht allein, dass er sie im Sinne der Prognostik metaphysisch auflädt: Die Tage vor schlechtem Wetter sind auch meteorologisch die schönsten. Belassen wir es dabei, dass die kleine Gesellschaft, die heute Beatas Geburtstag feiern wird, durch Wald und Gewürz-Flur nach Teidor läuft, wo Dr. Fenk auf sie wartet. Zwei Sätze aber fallen auf. Zum Einen gibt es da eine kritische wie bewegende Beobachtung:

Ein solcher Tag, wo schon der Morgen die Natur eines schwärmerischen Abends hat und wo schon er uns an unsere Hoffnungen, an unsre Vergangenheit und an unser Sehnen erinnert, kommt nicht oft, kommt für nicht viele, darf für die wenigen, in deren schwellendes Herz er leuchtet, nicht oft kommen, weil er die armen Menschen, die ihm ihre Herzen wie Blumenblätter auftun, zu sehr erfreuet, sie vom kameralistischen Feudalboden, wo man mehr Blumen mähen als beriechen muss, zu weit ins magische Arkadien verschlägt.

Arkadien: das ist ein Dauerthema Jean Pauls. Ein Traum- und Paradiesland, das man offensichtlich nicht allzu oft betreten darf, was einleuchtet: erst im Kontrast wirkt das Paradies paradiesisch. Nun gibt es aber, von diesem Satz durch einen längeren Absatz getrennt, eine zweite Setzung, die dem Erzähler der Anblick eines bescheidenen Häuschens und seiner Bewohner gibt:

O Natur! o Seligkeit! du suchest wie die Wohltätigkeit gern die Armut und das Verborgne auf!

Diese Idyllisierung weist nicht allein auf Joditz hin: das Joditz Jean Pauls, das vom alt gewordenen Autor in der Selberlebensbeschreibung in ein mildes Licht getaucht wurde. Bald schon werden wir die Biographie des Schulmeisters Wutz lesen – und verstehen, was Jean Paul mit dieser Seligkeit meinte.

Kleiner Berliner Anhang

Don Quijote ist überall – auch in Berlin, in der Bleibtreustraße – und ist er nicht ein Verwandter des Schulmeisterleins? Ja: ein Verwandter aller Gestalten, die mehr oder weniger schräg im Leben stehen? Insofern auch ein Großonkel – oder -vater unseres Gustavs, der wenigstens eine Zeit lang gegen wirkliche und eingebildete Windmühlen kämpfte??

Foto: Frank Piontek, November 2014

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