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20.11.2014, 12:48 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [509]: Ein Totentraum

Warum wölkte die verstorbnen Menschen ein so süßer und so spielender Totentraum ein?

Was passiert, wenn man stirbt? Oder anders: Was könnte passieren, wenn Todesträume wahr werden würden und die Phantasie stärker wäre als die Natur? Obwohl doch, meint der Dichter, das Gefühl für die Natur im Grunde die Phantasie für dieselbe ist? Oder weil sie es ist? Wenn man nur glaubt?

Es ist schwer, aus den jeanpaulschen Traumvisionen bloße Extrakte und Exzerpte zu liefern – zu komplex ist da das Gegen- und Miteinander von Farbe, Klang, Sinnlichkeit, Botanik und Himmelssehnsucht. Nur eines kann der Leser in Kürze herausholen: der Mensch, der auf der Erde seine Passion erlitt, soll sich in einem Zwischenreich von den Verletzungen erholen und dann erst in den eigentlichen Himmel kommen. Die Idee ist nicht schlecht, und vor allem: sie ist sehr poetisch. In Gänze aber liest sich dieses göttliche Programm folgendermaßen:

Gustav starb (kam ihm vor) und sollte den Zwischenraum bis zu seiner neuen Verkörperung in lauter Träumen verspielen. Er versank in ein schlagendes Blüten-Meer, das der zusammengeflossene Sternen-Himmel war; auf der Unendlichkeit blühten alle Sterne weiß und nachbarliche Blütenblätter schlugen aneinander. Warum berauschte aber dieses von der Erde bis an den Himmel wachsende Blumenfeld mit dem rauchenden Geiste von tausend Kelchen alle Seelen, die darüberflogen und in betäubender Wonne niederfielen, warum mischte ein gaukelnder Wind unter einem Schneegestöber von Funken und bunten Feuerflocken Seelen mit Seelen und Blumen zusammen, warum wölkte die verstorbnen Menschen ein so süßer und so spielender Totentraum ein?

O darum: die nagenden Wunden des Lebens sollte der Balsamhauch dieses unermesslichen Frühlings verschließen und der von den Stößen der vorigen Erde noch blutende Mensch sollte unter den Blumen zuheilen für den künftigen Himmel, wo die größere Tugend und Kenntnis eine genesene Seele begehrt. – Denn ach! die Seele leidet ja hier gar zu viel! – Wenn auf jenem Schneegefilde eine Seele die andre umfasste: so schmolzen sie aus Liebe in einen glühenden Tautropfen ein; er zitterte dann an einer Blume herab und sie hauchte ihn wieder entzweigeteilt als heiligen Weihrauch empor. – Hoch über dem Blütenfeld stand Gottes Paradies, aus dem das Echo seiner himmlischen Töne in Gestalt eines Bachs in die Ebene herniederwallete; sein Wohllaut durchkreuzte in allen Krümmungen das Unter-Paradies und die trunknen Seelen stürzten sich aus Wonne von den Ufer-Blumen in den Flötenstrom; im Nachhall des Paradieses erstarben ihnen alle Sinne und die zu endliche Seele ging, in eine helle Freuden-Träne aufgelöset, auf der laufenden Welle weiter. – Dieses Blumengefilde stieg unaufhaltsam empor, dem erhöheten Paradiese entgegen, und die durcheilte Himmelluft schwang sich von oben herab und ihr Niederwehen faltete alle Blumen auseinander und bog sie nicht.

Aber oft ging Gott in der dunkelsten Höhe weit über der wehenden Aue hinweg; wenn der Unendliche dann oben seine Unendlichkeit in zwei Wolken verhüllte, in eine blitzende, oder die ewige Wahrheit, und in eine warm auf alles niederträufelnde und weinende, oder die ewige Liebe: alsdann stand gehalten die steigende Au, der sinkende Äther, der nachhallende Bach, das rege Blumenblatt; alsdann gab Gott das Zeichen, dass er vorübergehe, und eine unermessliche Liebe zwang alle Seelen, in dieser hohen Stille sich zu umarmen und keine sank an eine, sondern alle an alle – ein Wonne-Schlummer fiel wie ein Tau auf die Umarmung. Wenn sie dann wieder auseinander erwachten, so gingen aus dem ganzen Blumenfelde Blitze, so rauchten alle Blüten, so sanken alle Blätter unter den Tropfen der warmen Wolke, so klangen alle Krümmungen des tönenden Baches zusammen, es wetterleuchtete das ganze Paradies über ihnen und nichts verstummte als die liebenden Seelen, die zu selig waren....

Gustav aber lebt noch; er hat sich gerade mit Beata versöhnt. Seltsamer Todestraum – ist er eine Hoffnung auf das, was ihn nach neuen Schmerzen erreichen wird?

Foto: Frank Piontek (Sevilla, San Francesco. September 2014)

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