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07.11.2014, 16:41 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [503]: Heile Welt und zwei entkörperte Seelen

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"In der Kirche ließ ich mich auf dem Orgelstuhl nieder, um die plumpe Orgel zu kartätschen zum Erstaunen der meisten Seelen." So wie ein Organist an einem der beiden Rieseninstrumente mit ihren Maschinengewehrpfeifen in der Kathedrale zu Sevilla?

Die Welt könnte so schön sein: wenn man bemerkt, dass die Mühle der Schöpfung mit allen Rädern und Strömen rauscht und stürmt, wenn man mit der Biene und Ameise zieht und jeden Wohlgeruch bis zu seiner Quelle verfolgt und um jeden Baum geht. Die Physik der Natur hat bei Jean Paul immer metaphysische Aspekte: der Mensch wird gar zum Lichtstrahl, der jedes Medium aus dem Wege bricht. Die Welt ist heil, an diesem Morgen, Mensch, Natur und Gott scheinen eins zu sein, wo man in einem Kreis von Dörfern steht, deren Wege alle mit fröhlichen Kirchgängern zurückkommen und deren Glocken die geistige Messe einläuten.

Und so geht man in die Kirche, wo man dem Herrn Bürger lauscht, aber das Wichtigste passiert fast nebenbei: Gustav und Beata schauen sich wieder in die Augen, erkennen sich, versinken geradezu ineinander – und wenden sich wieder voneinander ab.

Da er endlich auf das Glück der Menschenliebe zeigte: so ruhte das brennende und strömende Auge Gustavs unbewusst auf Beatens Antlitz aus; und als endlich ihre Augen sich, dem Pfarrer zugekehrt, mit der wahren Kummer- und Freuden-Auflösung anfüllten und als sie unter dem Abtrocknen sie auf Gustav wandte: so öffneten sie sich einander ihre Augen und ihr Innerstes; die zwei entkörperten Seelen schaueten groß ineinander hinein, und ein vorüberfliegender Augenblick des zärtlichsten Enthusiasmus zauberte sie an den Augen zusammen...

Das ist das Wichtigste: dieser Augen-Blick, und nebenbei gibt’s noch ein kleines Geschenk für den Opernaficionado – eine Anmerkung zum Verhältnis von Natur und Dekoration, die nicht weiter problematisiert werden muss, um ganz genossen zu werden:

Wenn ein Maitre de plaisirs einem Fürsten eine Operndekoration vorschlage, die aus einer aufziehenden Sonne, tausend Leipziger Lerchen, zwanzig läutenden Glocken, ganzen Fluren und Floren von seidnen Blumen bestände: so würde der Fürst sagen, es kostete zu viel – aber der Freudenmeister sollte versetzen: einen Spaziergang kostets – oder eine Krone, sag' ich, weil zu einem solchen Genuss nicht der Fürst, sondern der Mensch zulangt.

Augen-Blicke aber sind, man und frau weiß das, auf eigene Weise unbezahlbar.

 

Foto Sevilla: Frank Piontek (September 2014)



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