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29.10.2014, 15:39 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [498]: Einige andere große spanische Dichter

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Nun gibt es ja nicht allein – man möchte und kann nicht sagen: „nur“ – den Herrn Cervantes in Spanien. Es gibt auch andere bedeutende Dichter, die das Gesicht einer ganzen Epoche wenn nicht bestimmten, so doch mitbestimmten: etwa den großen Pedro Calderón de la Barca y Barreda González de Henao Ruiz de Blasco y Riaño, kürzer bekannt unter seinem ausgekoppelten Nachnamen Calderón. In Madrid kann man ihn besuchen und nebenbei auf das Motorrad steigen, das einen zum Großen Welttheater führt (auf der Plaza selbst steht übrigens ein Theater), wenn man nicht gerade das Leben als Traum erfährt. Übrigens hat ihn ein gewisser Herr Hoffmann in Bamberg ins Deutsche übersetzt[1]; die Bamberger Sommerfestspiele in der Alten Hofhaltung (bei denen der Blogger einst in Sachen „Shakespeare“ hospitieren durfte) tragen nicht ohne Grund seinen Namen.

Ein zweiter, überragender Name: Lorca. Federico Garcia Lorca, den man liest und verehrt, liebt und preist. Noch 80 Jahre nach seiner fürchterlichen Hinrichtung ist der Hass auf die Falangisten nicht kleiner geworden: welch ein Genie wurde hier vernichtet.

Hätte Jean Paul ihn geschätzt? Die Frage ist unsinnig, aber ich stelle mir vor, dass ein Dichter, den die Surrealisten (wenn sie ihn kannten) als einen ihrer Vorläufer anerkannten, auch an Lorcas wunderbaren Texten sein Vergnügen gehabt hätte.

Und natürlich hätte er ihn und seine große, kinderreiche Familie besucht, die im Landhaus von Huerta San Vicente wohnte. Damals befand es sich noch am Rande der schönen Stadt Granada, fast schon mitten in der herrlichen Landschaft, heute schaut man von hier auf die modernen Bauten, bei denen die Stadt noch längst nicht endet – aber immer noch kann man die Stimmung spüren: die Stimmung einer zivilisierten, bürgerlichen Kultur, die das Ereignis Lorca (FGL, wie sie ihn kurz nennen) nur möglich machte.

Jean Paul hätte den Ort geliebt.

Er hätte sich hier wohlgefühlt: in den gemütlichen Räumen, in denen die Alten und die Jungen, die Großen und die Kleinen, tranken und aßen, lachten und weinten, schliefen und wachten, sich liebten und sich berührten, und in denen der Dichter in seinem kleinen Schlaf- und Arbeitszimmer an seinen großen Werken schrieb, die immer noch gelesen, studiert und aufgeführt werden – so wie Manuel des Falla, nur ein paar Kilometer weiter, ganz bescheiden in seinem Arbeitszimmer in seinem Häuschen zu Füßen der Alhambra an seinen zurecht berühmten  Kompositionen arbeitete. Frei mit Jean Paul zu fragen: Was soll überhaupt ein Gedenkhaus? Braucht ein Dichter eines? Natürlich nicht – aber es ist wunderbar, dass es eines gibt, und dass sich die Spanier, die nach wie vor ihre Vergangenheit beschweigen, so liebevoll um ihre Dichter kümmern: auch die linken.

Und es gibt die Heroen des 20. Jahrhunderts, denen man moderne Denkmäler errichtet: etwa den Senor Vicente Blasco-Ibánez, einen Mann aus Valencia. Auch er ist bedeutend: ein Realist und Journalist mit politisch-sozialen Interessen. Auch ihm hat man ein Museum errichtet, das in seiner ehemaligen Villa eröffnet wurde (auf den scheinbaren Widerspruch zwischen sozialem Realismus und dem Status eines Villenbesitzers muss hier nicht eingegangen werden, oder doch: wer arbeitet, kann auch, wenn er Glück hat, gut leben). Ein Zufall will es, dass der Blogger erst vor wenigen Wochen auf den Dichter kam, weil er die Vorlagen zu zwei Filmen mit dem legendären Rudolph Valentino lieferte, dessen Son of the sheik man in Bayreuth sehen konnte: Los cuatro jinetes del Apocalipsis (The four horsemen of the Apocalypse) und Sangre y Arena (Blood and sand). Beide Romane erschienen übrigen schon früh auf deutsch: 1922 als Die apokalyptischen Reiter und 1910 als Die Arena.[2]

Diesmal ist sich der Blogger sicher: Jean Paul hätte diesen Roman nicht besonders gemocht. Hätte er ihn gelesen? Vielleicht. Die Geschichte von Liebe und Tod, die im rotdurchtränkten Sand der Arena endet, hätte ihn gewiss nicht aufgrund seiner kolportagehaften Dynamik gefesselt – doch der Stierkampf an sich hätte ihn zweifellos angewidert.

Der Reisende denkt: man müsste das alles noch einmal oder zum ersten Mal lesen, studieren, im Lande selbst durchkauen, müsste die Dichter im Original lesen und darüber nachdenken, was ihm das schwer katholische Weltbild des 16. Jahrhunderts, Lorcas reizvoll verrätselte Lyrik und Ibánez Vollendung des Realismus zu sagen hat – aber er muss weiter: Jean Paul ruft schon wieder.

Fotos Madrid, Granada, Valencia: Frank Piontek (September 2014)

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[1] Man lese den Artikel von Marisa Siguan Boehmer: Wenn es Calderón nicht gegeben hätte, die Deutschen hätten ihn erfunden: Deutsche Romantik und spanisches Barock, den sie 2007 im Jean-Paul-Jahrbuch veröffentlicht hat.

[2] Das Münchner Instituto Cervantes besitzt eine Menge Bücher von und über Ibánez. Dem Ibánez-Studium sind also auch in Oberbayern keine Grenzen gesetzt.



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