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02.10.2014, 12:03 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [490]: Schmerz und Schönheit

Das Glück und das Unglück sind wieder einmal, im Roman wie im Leben, miteinander verschwistert. Verschwistert – denn es geht wieder um die Schwester, die einen Brief An das Bild meines Bruders schreibt. Beata ist ja auch in Lilienbad, wo sie Gustav allerdings nicht zu Gesicht bekommt (also den jungen Mann, der ihrem verschwundenen Bruder angeblich so stark ähnelt). Schmerz und Schönheit gehören hier, am Brunnen, so eng zusammen wie das Leben und der Tod, der Schmerz und der Himmel: die Verhältnisse sind subtil aufeinander bezogen.

In diesem Sinne erweist sich Jean Paul wieder einmal als Realist.

Denn der verblichene Schmerz vermag es, sagt er, seine unaussprechlich-holden Buchstaben in das Gesicht Beatas zu ziehen. Der schöne, sonnenhelle Himmel ihres Auges entlässt die Tränen, der Kummer macht das Mädchen noch schöner. Gut, der Erzähler hat leicht reden, er ist nur der Biograph, dessen Männlichkeit auch darin besteht, dass er, weiblich-sensitiv, den Schmerz in seinen angeblichen Schönheitszeichen nur von außen sieht –  wüssten wir nicht, dass er beständig mitleidet, könnten wir ihn auch für einen kaltblütigen Oefel halten, der seine Figuren als Ob- und Subjekte eines autonomen, kühlen Autors und seines Willens, ein Meisterwerk zu schaffen, objektiv missbraucht. Jean Paul aber nehmen wir es ab, dass er im vermeintlichen Widerspruch von  Schmerz und Schönheit eine höhere Natureinheit entdeckt.

Es erklärt sich auch aus seiner souveränen Haltung dem Tode gegenüber – jenem ehrlichen Manne, der, würde er in Lilienbad weilen, selbst nicht wüsste, ob er unsere Helden aus dem Himmel heraus- oder in ihn hineinholen würde: gesetzt den Fall, „Jean Paul“ schriebe keine „Biographie“, sondern einen Roman, in dem er sein Paar harmonisch zusammenbringen könnte – denn Gustav tut alles, um der Geliebten nicht zu begegnen. Dies, sagt der Erzähler, sei so glückhaft wie das Gegenteil: sie nicht zu sehen. Das Sachbuch der angeblichen Vita aber erweist sich denn doch als eine Himmelsschilderung, zumindest im Kleinen: indem der schönen jungen Frau der Schmerz nichts zu nehmen scheint, was sie selbst besitzt: die reine Schönheit, und indem dem Berichterstatter auffällt, dass das Glück hier wie dort wohnen kann.

Freilich ist Gustavs Glück, sie nicht zu sehen, gewiss nicht so groß wie eine mögliche, selige Vereinigung. Ebenso herrscht der Schmerz tatsächlich schrecklich in Beata vor, wenn auch der Autor meint:

Der Schmerz liegt auf den weiblichen Herzen, die geduldig unter ihm sich drücken lassen, mit größerer Last als auf den männlichen auf, die sich durch Schlagen und Pochen unter ihm wegarbeiten; wie den unbeweglichen Tannengipfel aller Schnee belastet, indes auf den tiefern Zweigen, die sich immer regen, keiner bleibt.

Wie es wirklich um Beata steht, sagt sie selbst in ihrem Brief, diesem Ausguss eines zerrissenen und blutenden Herzens, das um den verschollenen Bruder weint: Was hab ich noch, das mich liebt? Die Frage wird nicht beantwortet; Beata spürt, dass sie zu keiner Antwort fähig ist. Hier rumort ein doppelter Verlustschmerz, von dem Beata bewusst nicht schreiben mag (denn sie weiß ja, dass Gustav sie, fliehend zwar, immer noch liebt). Es ist nur ein schwacher Trost, dass der Erzähler – hierin wieder souverän gegenüber allen allzu eindeutigen Aufwallungen, Ansprüchen und Anwandlungen des untröstlichen Schmerzes – schließlich meint, dass die Leser in diesem Brief mehr zu Gustavs Vorteil erraten sollten als er selbst. Das Amt des parteiischen Geschicht- und Protokollschreibers, der nicht lange nach, sondern während der erzählten Zeit ihre Winkelzüge festhält, bleibt doch ein schweres. Der Blogger überlässt es der Zunft, in „Jean Pauls“ Hinweisen auf seine Autorrolle ein literarisches Spiel zu entdecken. Er selbst zieht es vor, den Schmerz, den die Zeit und der Berichterstatter seinen Helden auferlegen, nicht gegen seine Bekundungen aufzurechnen, dass der Schmerz recht eigentlich schön mache.

Schmerzlichschön: Ein Bild von Susanne Seilkopf



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