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24.11.2012, 13:39 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [35]: Über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

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Im Nebel sehen wir kaum den Giebel des Putbuser Theaters von 1826, in Bayreuth sitzt ein Dichter über der Ruine eines Romans, den er nicht beenden kann. Foto: Frank Piontek.

Auch dies ist eine Art von Zeitperle: Genau in dem Jahr, als Jean Paul die zweite Vorrede zur Unsichtbaren Loge schrieb, wurde im fernen Norden, auf einer ausgesprochen schönen Ostseeinsel, ein Theater eröffnet. Der Bauherr war ein Fürst; ich stelle mir den Rittmeister (obwohl ich inzwischen sein Bild kenne), als eine optische Kopie des Fürsten vor: ein eleganter schlanker Herr mit Schnurrbart, ein typischer Vertreter des niedrigeren Hochadels der Zeit nach dem Wiener Kongress, der auch dafür sorgte, dass Putbus Residenzstädtchen wurde.

Fürst Malte I. von Putbus also hatte 1821 das kleine Theater in seiner Residenzstadt – der „weißen Stadt“ – errichten lassen. Freilich wurde der Bau alsobald verändert; schon 1826 erhielt es ein neues Dach, damit auch eine veränderte Gestaltung des Giebels. Wie der Saal 1821 aussah, wissen wir nicht genau. Man hat vor einigen Jahren das Innere von 1826 rekonstruiert, zumindest konnte man sich diesem Zustand annähern. Wir sehen das Theater im Nebel, drinnen strahlt es in schönster Klarheit: vornehm, nobel, adelig – doch nicht kühl. Jean Paul, der Kleinstädter, hätte sich hier wohlgefühlt, denke ich, als ich das Haus betrete. Der Dichter hatte eine starke Affinität zum Theater, obwohl er keine Stücke schrieb; in Putbus wandeln wir durch die späte Jean-Paul-Zeit, deren führender Kunststil der Unaufgeräumtheit des Autors völlig entgegengesetzt ist – und doch ergibt sich aus dieser Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ein Kontrast, der das ganze Leben ausmacht. Jean Paul mag diesen Drang nach dem klassizistischen Maß begriffen, doch nicht vertreten haben – um am Ende darauf zu kommen, dass die Hoffnung auf ein jenseitiges Maß, in dem „alles, alles gut“ ist (wie der andere überragende Dichter so bewegend schrieb), ihm, dem chaotisch produzierenden Dichter, ebenso Not tut.

Im Nebel sehen wir kaum den Giebel des Theaters von 1826, in Bayreuth sitzt ein Dichter über der Ruine eines Romans, den er nicht beenden kann. Was im Wust der Zeiten bleibt, sind Rekonstruktionen – und Erinnerungen an große Projekte, die zumindest als Fragmente auf die Gegenwart gekommen sind.

Eines der Zauberworte dieser Woche hieß übrigens „Blutstropfenloge“. Warum nur?



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