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17.09.2014, 08:04 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [481]: Der Staat, eine Menschenpyramide

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Das ist die Liebe, die dumme Liebe, heißt es in Kálmáns, Leo Steins und Bela Jenbachs[1] genialer Csárdásfürstin. Beata hat diesbezüglich Kummer, der Erzähler erläutert nun kurz die Schicksale seiner Figuren, also erfahren wir wie im Apart,  dass sie jetzt auf Fenks Treiben, den Brunnen in Lilienbad trinkt und allein mit einem Kammermädchen dort lebt. Und jetzt folgt eine jener jeanpaulschen Anreden, die ihn so unverwechselbar – und so unverwechselbar weich machen:

Der Mai hebe die gesenkte Blumen-Knospe deines Geistes empor, den dein Flockenleib, wie Blumen neu gefallner Schnee, umlegt und drückt und aus dessen aufgerissenen Blumen-Blättern die Schnee-Rinde erst unter der Frühlingsonne des entfernten zweiten Himmels rinnen wird!

Ottomar ist da schon ganz anders organisiert: er ist der alte Streithahn, der den Winter verzankt und verstreitet, er ist ein anderes alter ego seines Erfinders; kein Wunder, dass ihn der Autor der historischen Begegnung von Humboldt und Jean Paul letztens geradewegs zu Jean Pauls Freund erklärte, der gegen jeden Hundstern auf dem Rock advosziert, am meisten gegen den Fürstenhut seines Bruders, der damit Untertanen wie Schmetterlinge erwirft und fängt: ein Mann des Volkes, der seinen eigenen Berufsstand scharf kritisiert, weil der mit Recht nicht mehr viel zu tun habe. Hier spricht der Autor, der Verfasser der Teufelspapiere, der Verfasser von pasquillantischen Satiren, wie sie anno 1792 schon nicht mehr ganz neu waren, aber den Geist der Zeit radikal widerspiegelten. Wunderbar, wie Jean Paul sich vorstellt, ein „normaler“ Räuber würde beim Fürsten anfragen, ob der nicht dem kleinen Diebs-Dauphin seinen Namen geben könne, wie einem Minister, und sich seiner annehmen, wenn die Eltern gehenkt wären. Der Pasqillant hätte auch schreiben können, dass der Fürst der größte Räuber sei, aber so ist es witziger. Wenn man aber erst einmal wieder begriffen hat, dass auch die „kleine“ Welt von Ober- und Unterscheerau nicht heil und Scheerau überall ist, gewinnen Analysen wie Folgende an Schärfe:

Der Staat sei eine Menschenpyramide, wie sie oft die Seiltänzer formieren, und die Spitze derselben schließe sich mit einem Knaben – Das Volk sei zähe und biegsam wie das Gras, werde vom Fußtritt nicht zerknickt, wachse wieder nach, es möge abgebissen oder abgeschnitten werden, und die schönste Höhe desselben für ein monarchisches Auge sei die glattgeschorne des Park-Grases – Diebe und Räuber würden für Separatisten und Dissenters im Staate gehalten und lebten unter einem noch ärgern Druck als die Juden, ohne alle bürgerliche Ehre, von Ämtern ausgeschlossen, in Höhlen wie die ersten Christen und ebensolchen Verfolgungen ausgesetzt; gleichwohl fahre man solchen Staatsbürgern, die den Luxus und Geld-Umtrieb und Handel stärker beförderten als irgendein Gesandter, bloß darum so hart mit, weil diese Religionsekte besondere Meinungen über das siebente Gebot hegte, die im Grunde nur im Ausdruck sich von denen anderer Sekten unterschieden etc.

Dass Beata Kummer hat, ist da fast schon zu vernachlässigen – aber Jean Paul weiß schon, warum er das private Schicksal seiner traurigen und aufmüpfigen Helden mit der Geschichte des Staats verbindet. In diesem Sinne ist die Abschweifung keine – denn hier kommt alles zu allem.[2]

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[1] Wer sich darüber wundert, dass hier nicht nur der Name des Komponisten genannt wird, sollte bedenken, dass keine Oper und keine Operette – nicht das genialste, nicht das dümmste (wie Flotows und Wilhelm Friedrichs unsterblich stupide Martha) – allein das Werk eines Musikers ist, es sei denn, dass der Musiker sein eigener Librettist ist, aber selbst dann gilt: keine Musik ohne Text (mit Ausnahme der Opern, die ohne Worte auskommen mögen. Siehe Ursula Benzig: Oper ohne Worte?) Also: Verachtet mir die Librettisten nicht. Für Weiteres befrage man Professor Albert Gier, Bamberg.

[2] Strauss/ Hofmannsthal: Ihre göttliche Ariadne.



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