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15.09.2014, 09:32 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [479]: Über eine ersessene, erstudierte und erschriebene Schwäche

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Honoré Daumier: „Le malade imaginaire“

Man könnte es sich einfach machen und sich die Definition aus dem Netz fischen. Interessant, was da über die Hypochondrie gesagt wird:

Anders als in der Alltagssprache, ist die Hypochondrie im medizinischen Sinne klar definiert. Das entsprechende Krankheitsbild wurde früher als Hypochondrie bezeichnet, wird aber heutzutage entsprechend der „Internationalen Klassifikation der Krankheiten“ (ICD-110) unter „F45.2“ als Hypochondrische Störung definiert. Im amerikanischen Klassifikationssystem DSM-5, das seit Mai 2013 Gültigkeit besitzt, wurde die hypochondrische Störung durch die Diagnosen Somatic Symptom Disorder (dt.: Körpersymptomstörung) und Illness Anxiety Disorder (dt.: Krankheitsangststörung) ersetzt, um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass es zwei bisweilen unabhängig voneinander auftretende Seiten hypochondrischer Symptomatik gibt, namentlich medizinisch unerklärliche Symptome (somatoforme Komponente) und Krankheitsangst (Angstkomponente).

Dies sollte ausreichen, um den Patienten und den Leser das Fürchten zu lehren. Der Doktor Fenk benötigt drei Druckseiten, um seinem Freund und Patienten in einer ausführlichen Disputation auseinanderzusetzen, wie es um ihn bestellt ist: eigentlich prachtvoll. Er tut dies, weil die Hypochondrie seine, des Doktors, Favorit- und einzige Liebling-Krankheit ist – und also kramt er aus seinem Wissensspeicher alles heraus, was zur Erläuterung der Krankheit nötig ist. Ich ziehe folgende Lehren aus dieser kleinen Rede heraus (und mache damit das, was die schlechten Aphorismenausbrecher, die Jean Paul nicht mochte, mit ihren Chrestomatien gemacht haben: verkürzen):

 

Definitionen

Ein Hypochondrist ist der Milchbruder eines Gelehrten, wenn er nicht gar selber dieser ist.

Die Krankheit und eine stoische Tugend gleichen sich darin, dass, wer eine hat, alle hat.

Im Hypochondristen sind zwar alle Nerven schwach, aber die am schwächsten, die er am meisten gemißbraucht. Da man sich diese Schwäche meistens ersitzt, erstudiert und erschreibt und mithin gerade dem Unterleib, der doch der Moloch dieser Geisteskinder sein soll, alle die Bewegung nimmt, die man den Fingern gibt: so vermengt man den siechen Unterleib mit siechen Nerven. Es kann aber ein hypochondrisches Bruststück auf einem rüstigen Unterleib sitzen.

Die Nerven werden so wenig in einer Woche (es sei die beste Eisenkur da) gestärkt, als in einer Woche (es sei die größte Ausschweifung da) entmannt; ihre Stärke kehret mit so langsamen Schritten zurück, als sie sich entfernte. Die Arzneien müssen sich also in Speisen und – da dieses schadet – mithin die Speisen sich in Arzneien verwandeln.

 

Therapeutische Anweisungen des Doktors

Esse vielerlei, aber nicht viel.

Bloß Bewegung des Körpers ist erster Unterarzt gegen Hypochondrie. Bloß Mangel aller Bewegung der Seele ist der erste Leibarzt gegen den ganzen Teufel. Leidenschaften sind so ungesund wie ihr Feind, das Denken, oder ihr Freund, das Dichten; bloß ihre sämtliche Koalition ist noch giftiger.

 

Schluss

Meine Doktor-Disputation und deine Krankheit sind auch aus, wenn deine Tätigkeit sich, wie in einem Staate, von oben herab vermindert; – den Kopf untätig, das Herz in heiteren Schlägen, die Füße im Laufe, und dann komme der März nur heran.

Das, scheint mir, könnte bisweilen (aber nur bisweilen) fürs ganze Leben gelten, nicht allein für die Krankheit, die darin besteht, dass man alle Krankheiten glaubt. Wie krank ist man oft, wenn man davon überzeugt ist, immer den Kopf einsetzen zu müssen? Selbst in Fragen des Herzens?

Schon vor Jahrzehnten schrieb der in Speichersdorf bei Bayreuth lebende Sigmund Feuerabendt sein Lustspiel in drei Akten nach Jean Pauls Novelle „Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz“: Der Hypochonder. Im Jean-Paul-Jahr 2013 hat er es in einer Privatedition unter dem Titel Um Nichts und wieder Nichts zum zweiten Mal zum Druck befördert. Der Held der Komödie ist ein Mann, dessen Hypochondrie darin besteht, sich vor dem Kleinsten zu fürchten, ja: sich vor allem, was passieren und nicht passieren könnte, zu graulen. Bislang wurde das Stück nicht gespielt – was daran liegen mag, dass es kaum bekannt ist, aber vor allem daran, dass die 97 engbedruckten Textseiten und die monströsen Monologe stark gekürzt werden müssten und die gesamte Handlung – anders als Jean Pauls Erzählung, die keine Novelle ist – an einem einzigen Ort spielt: ein einfacher Raum in einer Posthalterei. Dramaturgisch ist die Konstruktion also, um es vornehm auszudrücken, nicht unproblematisch. Als Marieluise Müller und Frank Piontek 2013 in der Bayreuther Studiobühne den Siebenkäs herausbrachten (und sie hatten Erfolg beim Publikum), gingen sie wesentlich ökonomischer vor – und die Regisseurin vermochte es, die Spielorte in fantastische Räume aufzulösen, denen die simpel-sinnlose Begrenzung mangelte. Der Kern des Romans blieb trotzdem erhalten – gesegnet mit einer persönlichen wie berückenden Interpretation dessen, was an ihm einzig wichtig ist: nicht die Ausschweifungen, sondern die Beziehungsfabel. Ein Spiel von harter Realität und albtraumhafter Phantasie, eine abgründige Tragikomödie von Sehnsucht und Liebe.



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