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21.08.2014, 16:42 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [467]: Notwendige Abschweifung zu Montesquieu oder Ein wenig Quellenkritik

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Montesqieu ist uns schon einmal begegnet. Der berühmte Denker – eigentlich hieß er Charles-Louis de Secondat – hat seine Spuren auch in der Loge hinterlassen, denn Jean Paul zitierte nämlich am Schluss des 37. Sektors ein Gleichnis:

Nur in einem Jahrhundert wie unsers, wo man alle schönen Gefühle stärkt, nur das der Ehre nicht, kann man die weibliche, die bloß in Keuschheit besteht, mit Füßen treten und wie der Wilde einen Baum auf immer umhauen, um ihm seine ersten und letzten Früchte zu nehmen.

Der Kommentar gibt die Stelle an, aus der der Dichter – als Kompilator – dieses Bild entnahm: aus Montesquieus Esprit des lois, Kapitel 13.

Tatsächlich: man findet es dort – im 1748 gedruckten Monumentalwerk Vom Geist der Gesetze:

Chapitre XIII.

Idée du despotisme.

Quand les sauvages de la Louisiane veulent avoir du fruit, ils coupent l'arbre au pied, et cueillent le fruit. Voilà le gouvernement despotique.

Dies ist das gesamte, offensichtlich berühmte 13. Kapitel des ersten Teils des Werks, in dem der politische Denker die verschiedenen Regierungssysteme charakterisierte. Montesquieu gab nun auch seine Quelle an: er entnahm die Information den Lettres edifiantes et Curieuses écrits des Missions Ètrangères, in derem 10. Band, der 1713 in Paris erschienen war, der Brief des Jesuitenpaters Gabriel Marest veröffentlicht wurde. Man kann das nachblättern: Seite 268-327; die Stelle findet sich im Recueil II auf S. 315.

Woher hatte Jean Paul diese Information? Entweder war die Stelle längst zum geflügelten Wort geworden – Montesquieu merkte selbst an, dass es sich dabei bereits um ein spanisches Sprichwort handelte –, oder Jean Paul hatte die erste deutsche Übersetzung studiert, die 1753 erschienen ist. Es ist unwahrscheinlich, dass er sie aus Voltaires Kommentar des Esprit des lois kannte – denn der radikalere Kritiker kritisierte hier auch Montesquieus Gleichnis, das heißt: die Fabel selbst. Jean Paul hätte seit 1780 in Voltair's Kommentar über Montesquieu's Werk von den Gesetzen, der 1780 in der Übersetzung Christian Ludwig Paalzows in Berlin herauskam, unter der Nummer XXIII folgende Notiz lesen können: Ein Jesuit namens Marest habe Folgendes über die Einwohner in Louisiana geschrieben:

Unsre Wilden sind nicht gewohnt, die Früchte auf den Bäumen abzubrechen, und so einzusammeln. Sie glauben, das sie besser thun, wenn sie den Baum selbst umhauen. Daher kommt's, dass in den Dörfern fast kein einziger fruchttragender Baum mehr ist.

„So ist die despotische Regierung“, hatte Montesquieu geschrieben. Voltaire aber meinte:

Entweder ist der Jesuit, der dieses erzählt, äußerst leichtgläubig [imbécillité est bien crédule], oder die Missisipier haben eine andere Natur, als die übrigen Menschen. Kein Wilder ist so wild, dass er nicht einsehn sollte, dass ein abgehauener Obstbaum keine Früchte mehr trägt.

Also war Montesquieu der jesuitischen Quelle so auf den Leim gegangen wie der deutsche Abschreiber des französischen Abschreibers. Dieser arbeitete wie jener: als enzyklopädisch organisiertes Talent, das sich aus Hunderttausenden von Stellen sein Material zusammensuchte und daraus, wild angereichert, Thesen und Gegenthesen, Romane und Traktate bastelte. Der Adlige, der in seinem Geist der Gesetze eine Theorie der besten, immer noch monarchisch ausgerichteten Herrschaft nach einigermaßen vernünftigen Grundsätzen entwickelt hatte, holte sich seine vielen Stellen bei seinen Arbeitsbesuchen in Paris und in den Bibliotheken seiner Heimat Bordeaux, denn er wusste das, was auch Jean Paul wusste:

Ein Mann von Geist setzt sich ein Ziel und entnimmt innerhalb von zwanzig Jahren aus seiner gesamten Lektüre, was seinem Vorhaben zuträglich ist; danach ist es einfach, aus dieser so sorgfältigen und mühsamen Sammlung ein bedeutendes Werk zu schaffen.[1]

Natürlich haben Montesquieu und Jean Paul nicht so einfach gearbeitet – aber sie haben den ungeheuren Steinbruch ihrer Exzerpte als Inspiration und Quellengrund für ihre eigenen Gebäude derart nutzen können, dass noch die Nachwelt vom Enzyklopädismus ihrer Verfasser profitieren konnte. Reduzierte man den Franzosen auch im Wesentlichen auf die „Erfindung“ des Systems der Gewaltenteilung (andere Theoretiker wie John Locke waren vorangegangen), so sieht die „Öffentlichkeit“ in Jean Paul vor allem den Verfasser einer apokalyptischen Vision und einer „Idylle“ (die im Schluss der Loge untergebracht wurde). Beide Autoren waren indes kreative – und widersprüchliche – Schriftsteller, die mit ihrem Material jonglierten, es bisweilen wahllos unterbrachten, zu heftigen Abschweifungen neigten und es ihren Lesern nicht einfach machten. Der Umfang und die Struktur der  Esprit des lois erlaubt es kaum, einfach darin umherzuwandeln oder den bedeutenden Berg von der Ebene bis zum Gipfel (der nicht auf den letzten Seiten des Werks erklommen wird) zu besteigen. Viele dürften bei der Lektüre abgestürzt sein – so wie Jean Pauls Romane wohl allzu oft nur begonnen wurden...

Jean Paul hat Montesquieu übrigens mehrmals erwähnt: zumal in der Levana. Hier die Stellen: im Fünften Bruchstück. Erstes Kapitel: Bildung eines Fürsten, § 102, lesen wir:

Jeder Großherr muss zwar nach dem Gesetz ein Handwerk treiben; allein bloß weil jeder Muselmann eins verstehen muss, wie bei den Juden jeder Rabbine; nicht aber, wie Montesquieu und andere vermuten, damit er nicht etwa zum Zeitvertreibe manche Leute erwürge; denn vierzehn davon werden ihm als einem Begeisterten sogar jeden Tag zum Niedermachen von seiner Religion nach- und freigelassen; ich dächte, mehr könnt' er für das Faustrecht des Handwerks, für seinen Säbel, nicht fodern.

Im Komischen Anhang und Epilog des ersten Bändchens: Geträumtes Schreiben an den sel. Prof. Gellert, worin der Verfasser um einen Hofmeister bittet, steht geschrieben:

Bester, seliger Gellert! Ich brauche einen Hofmeister für meinen Max; denn ich schreibe gegenwärtig über die Erziehung und behalte folglich keine Minute für sie übrig, so wie Montesquieu seine Präsidentenstelle niederlegen musste, um den Geist der Gesetze aufzusetzen.

Es stimmt nicht: erst 1748 hat Montesquieu sein Parlamentskammerpräsidentenamt verkauft, weil sein Sohn kein Interesse an dem Posten hatte (dies übrigens war auch kein Problem für den latent aufgeklärten Denker: ein Amt zu kaufen und zu verkaufen). Weiter: im Zweiten Kapitel: Sprache und Schrift, § 132, heißt es:

Es soll nicht zu viel daraus gemacht werden, dass, wie man angemerkt, unter den Briefen der Sevigné die von ihr geschriebenen schöner ausgefallen als die diktierten, oder dass Montesquieu, der nicht selber schreiben konnte, oft drei Stunden nötig gehabt, bis ihm etwas eingefallen, woraus daher manche seine abgeschnittene Schreibart erklären wollen [...]

Und schließlich das Siebente Kapitel: Strafen, § 66:

Große Belohnungen, sagt Montesquieu, bezeichnen ein verfallendes Staatgebäude; dasselbe gilt von großen Bestrafungen im Erziehhause, ja von Staaten selber.

Aus dem Geist der Gesetze hatte Jean Paul 1792 das entnommen, was ihm gerade zupass kam: die Kritik an den Despotien zumal der kleineren Herrschaften. Es ist kein Zufall, dass er das Gleichnis vom abgehackten Baum in einen Rahmen rückte, der das Unrecht der „Großen“, auch der kleinen Fürsten einfasste. Montesquieu hatte 1748 ausgerufen:

Um nichts in der Welt möchte ich Untertan dieser kleinen Fürsten sein!

Auch Gustav, Beata und der Erzähler haben beste Gründe für diesen Notschrei. Dies, scheint mir, ist das Erbe Montesquieus in der Unsichtbaren Loge.



[1] Diese Sätze wurden von Bernard Lamy, einem Schüler des Nicolas de Malebranche, formuliert, der sie in seinen Entretiens sur les sciences (Grenoble 1683) unterbrachte. Ich verdanke sie und die Kenntnis des Werks und Lebens Montesquieus der ganz ausgezeichneten Rowohlt-Monographie von Helmut Stubbe da Luz. Sie erschien im Jahre 1998, als die Rowohlt-Monographien sich noch nicht der latenten Oberflächlichkeit (viele bunte Bilder, aber dafür weniger Text) ausgeliefert hatten.



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