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11.08.2014, 17:54 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [462]: Wie man richtig ausweicht

Es kommt durchaus überraschend – es kommt aber auch durchaus nicht überraschend: Der Fürst schleicht ab wie ein geprügelter Hund. Es gelingt ihm nicht, das Mädchen zu verführen. Besonders ein Detail fasziniert mich: Sie wich ihm […] weder um einen Zoll zu viel noch zu wenig aus.

Ich kann mir diese Bewegung vorstellen; ja: ich kenne sie – nicht, weil ich selbst einmal versucht hätte, ein Mädchen zu verführen, aber das Leben bietet ja die vielfältigsten Möglichkeiten, Bewegungen studieren zu können, die sich derart einbrennen, dass sie jederzeit abgerufen werden können: Bewegungen, die weder um einen Zoll zu viel noch zu wenig ins Leben rutschen. Bewegungen, die in einem präzisen Ambitus ausgeführt werden, um ihr Ziel zu erreichen. Da nützen auch keine Inhäsiv-Pro-Reprotestationen mehr. Das Bild bleibt doch bestehen:

Nichts als die Ruhe, die sie aus den Händen der Tugend und der – Liebe und des Gustavischen Briefes hatte, gab ihr das Glück, dass dieser Jakob oder Jack sich an diesem Engel eine Hüfte ausrenkte; – was freilich den matten Jaques um so mehr verdross, je mehr der Engel sich unter dem Ringen verschönerte, da jede weibliche Unruhe bekanntlich ein augenblickliches Schmink- und Schönheitmittel wird.

Am Morgen wachen Gustav und Beata mit durchaus unterschiedlichen Gefühlen auf: Gustav mit einem steinschweren Gewissen. Man kann es kurz machen: es treibt ihn zum Erzähler, wo er sich ausweinen will – und wieder ist sein ganzes Wesen Selbstmitleid: O ich war zu glücklich und bin gar zu unglücklich.

Hätte er ein modernes Bewusstsein, müsste er bemerkt haben, dass er sowohl aus seinem Glück etwas hätte machen können und nun aus seinem Unglück etwas machen könnte – wenn er denn begreifen würde, dass vielleicht im „Unglück“ die Chance steckt, das „alte“ „Glück“ wiederherzustellen – aber um hierauf zu kommen, benötigt Gustav, der über keinen Musilschen Möglichkeitssinn zu verfügen scheint, einen guten Psychoratgeber: in gedruckter Form oder menschlich persönlicher Gestalt.

Mal sehen, wie sich nun der Erzähler bewähren wird.



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