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08.08.2014, 13:02 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [459]: Der Illustrator Gerhard Ulrich. Erinnerung an einen großen Künstler

Es ist Zeit, an den guten Illustrator zu erinnern, dem wir die witzigen Zeichnungen (auch die freche Titelzeichnung) zur Jean Paul-Sammlung Lauf der Welt verdanken. Gerhard Ulrich gehört durchaus in diesen Blog – und dies nicht nur, weil er Sprüche des Meisters illustriert hat. Er ist nämlich sozusagen verwandt mit jenem Zeichner, den zum ersten (und, wenn ich es richtig sehe: auch zum letzten Mal) dem Roman zumindest eine Illustration beigegeben hat: also mit Daniel Chodowiecki. Wie das? Helmut Börsch-Supan, der große Kenner der preußischen Kunst- und Kulturgeschichte, hat am 19. November 2003 – direkt zum 100. Geburtstag des Zeichners – eine Würdigung in der Berliner Zeitung veröffentlicht, in der der Name des großen Nachfahren aufscheint:

Würde jemand eine Kunstgeschichte der Könner, deren Können nicht mehr gefragt wird, schreiben – der heute vor hundert Jahren in Berlin geborene Gerhard Ulrich dürfte nicht fehlen. Wie bei einem Alten Meister begann die Ausbildung des Zeichners bereits im Alter von zwölf Jahren, dennoch wollte Ulrich nicht hoch hinaus; er wollte von Anfang an Illustrator werden, damit Diener einer größeren Aufgabe. Und er wurde es auch. Darin war Gerhard Ulrich ein Nachfahre Daniel Chodowieckis, dem er denn auch 1960 ein Büchlein gewidmet hat.

Börsch-Supan schrieb auch, wie Ulrich zu Bertelsmann – und wir damit zu seinem Jean Paul-Buch – kamen:

Äußerlich glich der geborene Berliner in seiner Korrektheit, die genau seinem stets sanften und präzisen Zeichenstil entsprach, eher einem englischen Diplomaten oder Gelehrten als einem Künstler. Durch sein gediegenes Wissen, vor allem auf dem Gebiet der Kunst- und Kulturgeschichte, war er mehr in der Bücherwelt als in der Kunstszene beheimatet. Der Achtzehnjährige arbeitete zunächst in der Steindruckwerkstatt der angesehenen Kunstgewerbeschule, dann wurde er Schüler von Ludwig Bartning und vor allem von Emil Orlik. Seit 1927 war er dessen Assistent und seit 1932 sein Nachfolger als Lehrer an der Hochschule für Bildende Künste in Charlottenburg. Sein bekanntester Schüler wurde der Maler Manfred Bluth, wie Ulrich als Zeichner eine besondere Begabung. Der Krieg warf ihn aus der Bahn. Das zerstörte Berlin bot Ulrich keine Arbeitsmöglichkeit mehr, und so baute er sich seit 1947 in Gütersloh als Illustrator, Autor, Ausstatter und Berater des Bertelsmann-Verlages eine neue Existenz auf.

Und schließlich:

Ulrich blieb bis zu seinem Tod am 27. März 1988 ein Pädagoge, der in über hundert Büchern zu seinem Publikum gesprochen hat, seit 1950 auch in selbst verfassten.

Wer im Netz sucht, wird auf die Seite Spechtart stoßen, die die Gütersloher Künstler prägnant charakterisiert. Auch Gerhard Ulrich:

viele bücher leben von seinen zauberhaft leichten zeichnungen / besonders beeindruckten mich seine großartigen mappenwerke / riesige blätter in klassischer federzeichnungsmanier die durch ihren surrealistischen inhalt in fantastische welten entführten / zu seinem ersten buch sagte er 'ich habe den schlüssel zu einem geheimen schauspielhaus entdeckt, ich war sein regisseur beleuchter requisiteur und gestalter' / er war einer der wichtigsten illustratoren der büchergilde dort gelang ihm der durchbruch und die grosse anerkennung / bücher waren ihm immer auch optische aufführungen und theater

Und man findet eines seiner Blätter: ein antikisierendes Motiv – Daphne, den Mythos der verfolgten Nymphe, die in einen Lorbeerbaum verwandelt wird, bevor sie von Apollo vergewaltigt werden kann.

Muss der Logen-Leser da nicht an Beata denken, die gerade Besuch von der Kröte, also vom Fürsten erhält? Würden wir ihr nicht auch wünschen, im Notfall in einen Baum verwandelt zu werden?

Nun hat sich Ulrich aber nicht allein auf die Darstellung nackter Frauen verstanden. Sein Herz schlug auch für philosophische Gegenstände, wie man an seiner Schopenhauer/Gracian-Illustration bemerken kann.

Außerdem liebte er – worüber man sich wirklich nicht wundern muss – die Wunderstadt Venedig und deren Fantasmagorien, was den Logen-Leser daran erinnert, dass Jean Paul gerade, im 37. Sektor, in Zusammenhang mit Gustavs Tanzlust die Dogaressa[1] erwähnt hat.

Und „Shakespeare“ mochte und illustrierte er, notabene, auch, indem er sich den Sommernachtstraum vornahm. Es passte einfach zum Meister des Fantastischen, dessen Name nicht vergessen werden sollte: Gerhard Ulrich, Illustrator.

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[1] Frau des Doge, vermerkt der Erzähler in der Fußnote.

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