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04.08.2014, 09:46 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [455]: Je kursiver, desto erregter

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Die Heldinnen von heute

„Meine Geburtfeste machen mich allemal betrübt. … Hier leidet jeder allein“, sagt die Bouse. Gustav, darob betroffen, ergreift ihre Hand. War das nun ein Zeichen der Raffinesse? Und ist es eines, dass sie sie (die schöne Hand) alsbald wieder zurücknimmt: unter einem Vorwand?

Es ist, sagt sie, der Bruder, der ihr fehlt. O immer diese abgeschiedenen Brüder! Und welch Freigebigkeit, mit der sie den zarten Schmerz fleischbetont akzentuiert, indem sie das Bild (des Bruders) quasi „aus dem (gelind entlaubten) Busen“ zieht: mit einer leichten, aber notwendigen Enthüllung. Merke:

Ob Gustav bei der Enthüllung so verschiedner Geheimnisse bloß auf das gemalte Brustbild hingesehen – das beurteilt mein Konrektor und sein Fuchspelzrock am vernünftigsten, welcher glaubt, es gebe keine schönere Ründe als der Perioden ihre, und keine neuern Evas-Äpfel als die im Alten Bunde. Mein Pelz-Konrektor hat gut vordozieren; aber Gustav, der der trauernden Residentin gegenübersitzt, welche sonst bloß die Form, nie die Farbe jener umlaubten verbotnen Frucht erraten ließ, hat schwer lernen.

So viele Kursive, meine Herren, waren selten. Der Erregungsstand (des Autors, nicht nur Gustavs) muss also sehr hoch sein; kein Wunder angesichts der Wunder, die sich da vor dem jungen Mann, der schwer lernen hat, auftun.

Les Héroïnes d’aujourd’hui – so lautet der Titel der Graphik, die Goethe innerhalb seiner Recension einer Anzahl französischer satyrischer Kupferstiche im Jahre 1797 beschrieben hat. Man findet sie dort, gut goethesch eingegliedert, in der Abteilung b. Modefrazen unter der Nummer 1. In ihrer Albernheit dar und gegen einander gestellt als viertes Blatt. Goethes Bildunterschrift lautet: Ein artiggekleidetes Frauenzimmer, das in den Busen greift als wenn die Begleiter seines vorigen Standes sie noch inkommodirten, begegnet einer andern, die in sehr entblöster Theaterkleidung sich gegenseitig über sie verwundert.

Klaus H. Kiefer, der 1988 eine schöne Edition der Zeichnungen und des Textes vorgelegt hat, kommentierte Goethes Beschreibung von der Warte Hier irrte Goethe aus: „Wie Goethe die Begegnung der beiden Merveilleuses deutet, ist zum einen schwer nachzuvollziehen, zum anderen falsch.“ Die beiden Mode-Heroinen bekunden demnach „lediglich ein wechselseitiges Entzücken an ihrer unterschiedlichen Aufmachung. Die modische Entblößung ('n’chemise suffit') scheint in den kalten Wintern der Direktorialzeit einige Opfer gefordert zu haben: Sous un mince et léger costume / Elle cherchait des compliments / Et revenait avec un rhume, reimte ein unbekannter Poet und Chansonnier“.



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