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01.08.2014, 10:36 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [454]: Die Empfindsamkeit eines griechischen, weniger eines französischen Epigramms

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Interessant ist wieder die Charakterisierung, die der (naturgemäß subjektive) Erzähler der Bouse widmet: sie sei, zweifellos keine von den Koketten, welche die Sinne früher zu bewegen suchen als das Herz, weil sie zunächst das Herz mit ihren Reizen förmlich bekriege und von diesem gewonnenen Standpunkt aus den sinnlichen Rest überwältige. In diesem Sinne besitze sie die Empfindsamkeit eines griechischen, weniger eines französischen Epigramms – aber es ist nun wieder interessant, einen Prozess zu beobachten: denn die Bouse scheint kein Mensch zu sein, deren Charaktermerkmale still zu stehen scheinen. Ist es das Alter, das für Änderungen sorgt? Ist es ihre Raffinesse, die ihr Sein so uneindeutig macht? Was den Erzähler nicht daran hindert, am Exempel der listigen Verführerin seine Hofkritik Parade zu führen, weil die (angebliche!) Unnatur ihrer Sinnlichkeit fast vergessen lässt, dass früher einmal eine weiße Blüte edler an ihr Herz geweht wurde. Jean Paul hat nun in seiner Metaphernkiste gewühlt, er findet ein durchaus schönes Bild: diese Blüte ähnelte einem Blütenblatt, das zwischen die gebeizten Federn oder Brillanten-Blumen des Damenhuts herumzittert.

Die Mehrdeutigkeit bleibt. Der Blogger bekennt, dass er folgenden Passus nicht völlig versteht, weil er nicht in eine gewünschte mathematische Gleichung aufzulösen ist – unabhängig davon, dass die charakterliche Entwicklung – oder besser: Degeneration – der Frau von Bouse offensichtlich unabweisbar und natürlich ist:

Alle ihre Verirrungen blieben jedoch in den engern und schönern Grenzen, an denen eine unsichtbare Hand eines unauslöschlichen Gefühles sie anhielt. Die Ministerin hatte dieses Gefühl nie gehabt, und ihre Herzens-Schreibtafel wurde immer schmutziger, je mehr sie hineinschrieb und herauswischte. Diese konnte durchaus keinen edlen Menschen blenden; jene konnt' es.

Also, so der zeitgenössische Interpret, der die Bouse noch persönlich gekannt hat, sei das Verhalten der Frau von seltsamer Uneindeutigkeit, insofern es zugleich aufrichtig und verstellt sei.

Der Blogger bekennt, dass diese Setzung weniger unrealistisch klingt als zunächst vermutet. Wer kennt sich schon? Frauen müssen – pardon, liebe Leserin – nicht verführen wollen, um zu verführen. Wo beginnt da die sogenannte Natur, wo endet sie?

Und was macht nun die Dame in der Nacht? Sie zeigt ihrem Opfer namens Gustav jenes Nachtstück, das der russische Magnat hinterlassen hat: die Nacht, darüber der Mond, eine das Gestirn anbetende Indianerin, ein junger Mann, der gleichfalls betet, aber gleichzeitig die Frau betrachtet, im Hintergrund beleuchtete noch ein Johanniswürmchen eine mondlose Stelle. Spätestens seit dem Sommernachtstraum wissen wir, was es mit der Johannisnacht auf sich hat, spätestens seit den Meistersingern, was Glühwürmchen in dieser Nacht anrichten können.

Und die Nacht hat gerade begonnen.

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[1] Ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht, / das hat den Schaden angericht', singt Hans Sachs im dritten Akt.



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