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30.07.2014, 13:02 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [452]: Die schöne Vakanzzeit der Zungen ...

Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist … Die Musik, diese einzigartige Muse, die so vieles und alles zusammenzufassen scheint, was in uns und unseren Sehnsüchten steckt: sie vermag Gustav für einige Momente vom Bedingten zu lösen. Sie lässt ihn tanzen, damit fast schweben, weil sie in sein Innerstes eindringt, wenn sie wie zurückprallend, ihren Geburtort verließ und nur in seinem Innern unter und neben seinen Gedanken zu entspringen und herauszutönen scheint.Dass der Blogger vor der Lektüre im immer noch guten Sender Bayern 4 Klassik, der demnächst, zum Unverständnis von vielen Freunden der sog. Klassischen, doch unendlich vitalen Musik, ins Abseits gedrängt werden soll Bachs Violinkonzert BWV 1043 hört, ist wieder ein schöner Zufall: denn der tänzerische Schlusssatz klingt wie das Gefühl, das den jungen Ballbesucher überfällt, dem ein Tanzsaal ein neues Jerusalem ist.

Sehr schön auch, was Jean Paul wieder über die Weiber sagt:

Tanzen ist der weiblichen Welt das, was das Spielen der großen ist – eine schöne Vakanzzeit der Zungen, die oft unbeholfen, oft gefährlich werden.

Dieses Außen, das in ein Innen eindringt, dient – fast muss man sagen: natürlich – dem Autor nun wieder dazu, eine Metapher zu erfinden, die seiner Poetik zugutekommt: Ideen, die man um einen „lodernden Kronleuchter“ herumträgt, reflektieren ein anderes Licht als das der „ökonomischen Lampe“. Hat Jean Paul, als er seinen Roman schrieb, wirklich vor oder genauer: unter einem Kronleuchter gearbeitet? Oder nicht eher vor einem Fenster oder einer simplen Kerze?

Und doch hat er jene Brillanz entwickelt, die nach seiner Theorie nur dann zu entstehen scheint, wenn man unter venezianischem Lichterglas tanzt und sinnt. Seine Phantasie bedurfte offensichtlich keiner blendenden räumlichen Mittel – in unseren Jean-Paul-Wanderweg-Büchern haben wir schließlich noch (in der Abteilung 11.2: Natur und Kosmos – Berge, Wald und Wolken)  folgenden Aphorismus unterbringen können:

In phantasiereichen Menschen liegen, wie in heißen Ländern oder auf hohen Bergen, alle Extreme enger beieinander.

Was in Gustavs Falle konkret heißt: seine seelischen Bewegungen changieren von Moment zu Moment. Alle Entzückung will, unter dem herrlich reißenden Tanz, zur Wehmut werden, alle Freude zur Liebe.

Der Blogger versteht's nur zu gut. Das Schönste am Tanzen aber ist – der Leser lege das Wort nicht auf die Goldwaage – das Glücksgefühl, das den durchgeschwitzten Tänzer nach dem Abend überfallen mag.

William Hogart: Contredanse



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