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29.07.2014, 15:55 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [451]: Gustav, der Hof-Anfänger

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Besonders bereu' ich dies, daß ich zu einer Tranchee-Majorin, die ihr kleines Mädchen an der Hand und eine Rose, aus deren Mitte eine kleine gesprosset war, am Busen hatte, nicht gesagt habe: Vous voilà! und daß ich nicht auf die Rose gewiesen, ob ich gleich das ganze Bonmot schon fertig gegossen im Kopfe liegen hatte. Ich führte nachher die Saillie lange in den Gehirnkammern herum und paßte auf, brennte sie aber zuletzt doch auf eine recht dumme Weise los und darf die Person hier nicht einmal nennen.

Dies wäre eine Szene, die sich Gustav gut vorstellen könnte: eine Szene gelöster Heiterkeit an einer sehr privaten, von Zuneigung, Freundlichkeit und Liebe erfüllten Tafel. Jean Baptiste Coclers hat sie 1780 ins Bild gebannt.

Dass Gustav keine Unterhaltungskanone und kein sog. Gesellschaftstier ist: man ersieht es auch an seinen Bonmots – die nicht kommen, genauer: die gewöhnlich nicht zur richtigen Zeit kommen. Man selbst mag diesen Zug an sich selbst erkennen, aber an diesem Abend beflügeln ihn der Applaus ob des erfolgreichen Stücks und der Wein, den er an der höfischen Tafel dann nicht trinkt, sondern isst. Jean Paul verwendet tatsächlich dieses Fachwort, um es in ein Bild zu bringen: er aß ihn an den närrischen Olla Potridas der Großen, was nun wieder dies und jenes, zumindest allerlei heißen kann. Außerdem erfahren wir wieder etwas Realkulturgeschichtliches: auf der Tafel steht ein Aufsatz in Form einer Winterlandschaft mit künstlichem Reif, die langsam zerfließt und einen belaubten Frühling offenbart. Gustav macht eine Bemerkung darüber; leider hat sie der Erzähler vergessen, der lieber darüber nachdenkt, was aus dem bloßen Hof-Anfänger, der an allem Anteil nimmt, einmal werden wird: ein Gleichgültiger, der irgendwann, unter vielen Menschen, nur noch floskelhafte Sätze ausgeben wird.

Nein, das macht Gustav noch nicht – aber war es nicht so, dass der latent depressive Gustav eben nicht an allem Anteil nimmt? Durchaus nicht – denn er interessiert sich immer noch so viel für den Menschen, dass er sich über Dummheiten und Bedeutungslosigkeiten zu ärgern vermag.

Nur mit Beata könnte er zusammen wortreich schweigen.



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