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21.07.2014, 13:42 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [443]: Gustav dankt dem Laub und erleidet einen rhetorischen Weinkrampf

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Jacques Louis David: Antiochus und Stratonica

Gustav schreibt einen unerträglichen Brief.

Wir erhalten Einblick in seinen Liebesbrief: in die Gefühls- und Schmerzenswelt eines Verirrten, dem auf Erden nicht zu helfen ist. Jede Zeile, jedes Wort in diesem „besseren“ Brief spricht von einer Verzweiflung, der der Leser nur mit äußerster Distanz begegnen kann – wenn er nicht selbst in die Gustavschen Depressionen fallen will. Das Schreiben beginnt schon stark übertreibend:

Eh' ich dieses schrieb, gingen Sie, unaussprechlich Teuere, mit Lauren den Park hinauf, um die ermattende Sonne, die zwischen zwei großen Wolken herabschien, noch ein wenig zu genießen; zu Ihren Seiten flogen Wolkenschatten dahin, aber mit Ihnen ging der Sonnenschein.

Es kommt noch „poetischer“:

Ich dankte dem Laube, dass es zu Ihren Füßen lag und mir Sie nicht verdecken konnte; aber ich hätte alle dornichte Blätter von der Stechpalme pflücken wollen, hinter denen Sie verschwanden und von mir gingen. „O könnt' ich ihr“ – dacht' ich – „den herbstlichen Weg mit jungen Blumen und Schmetterlingen bestreuen, könnt' ich sie mit Blüten und Nachtigallen umzingeln und vor ihr die Berge und die Wälder mit dem Frühling überdecken: ach! wenn sie dann vor Freude bebte und mich ansehen und mir danken müsste ...“

Es folgt: das Bewusstsein der eigenen, totalen Minderwertigkeit im Auge der überhöhten Angebeteten, einer wahren Liebes- und Frühlingsgöttin (die sich durch gleiche Zurückhaltung auszeichnete wie unser liebessieches Heldlein):

Aber diese Blüten, diese Nachtigallen, diesen Frühling haben Sie mir gegeben; Sie haben über mein Leben einen ewigen Mai gesandt und aus einem Menschen-Auge Freudentränen gepresset – allein was vermag ich zu geben? – Ach, Beata, was hab' ich Ihnen zu geben für dieses ganze Elysium, womit Sie das schwarze Erdreich meines Lebens durchwinden und überblümen, und für Ihr ganzes, ganzes Herz? – – Meines – – das hatten Sie ja schon ohne das, und weiter hab' ich nichts; für alle schöne Stunden, für alle Ihre Reize, für alle Ihre Liebe, für alles, was Sie geben, hab' ich nichts als nur dieses treue, glückliche, warme Herz ....

Ja, das berühmte Herz... Nein, man dürfte Gustav nicht die Schriften Freuds und Musils in die Hände geben. Er würde noch mehr verzweifeln als er nun verzweifelt ist: verzweifelt an der Unmöglichkeit, sich für einen der zwei Wege – für die Theorie oder die Praxis, für den Gedanken oder die Tat – zu entscheiden.

Es kommt noch stärker: es geht um nichts weniger als um den göttlichen Funke der höchsten Liebe – wo es doch nur, aber davon weiß unser junger Mensch nichts, zunächst um die unmittelbare Befriedigung körperlicher Bedürfnisse geht, die mit den psychischen Nöten so eng zusammenhängen:

Ja, ich habe nur dieses; aber wenn der göttliche Funke der höchsten Liebe im Menschen-Herzen glühen kann, so ruht er in meinem und brennt für die, die ich nur lieben, aber nicht belohnen kann. – Du höherer Funke wirst in meinem Herzen für sie fortglimmen, wenn es Tränen überschwemmen, oder Unglück zusammendrückt, oder der Tod einäschert ....

Nun folgt ein Absatz, den man schon zu Lebzeiten Jean Pauls aus seinem Zusammenhang gelöst hat. Ich wundere mich nicht darüber, dass der Dichter dieses Herausbrechen tendenziös und geistlos fand – obwohl die Sammlungen Titel trugen wie Geist- und kraftvollste Stellen aus dessen sämmtlichen Werken. Allein hier spricht nicht der kluge Jean Paul. Hier spricht der lebensmüde Gustav, der „Liebe“ wie „Vergeblichkeit“ buchstabiert:

Beata! auf der Erde kann kein Mensch dem andern sagen, wie er ihn liebe. Die Freundschaft und die Liebe gehen mit verschlossenen Lippen über diese Kugel, und der innere Mensch hat keine Zunge. – Ach, wenn der Mensch draußen im ewigen Tempel, der sich bis an die Unendlichkeit hinaufwölbt, mitten im Kreise von singenden Chören, heiligen Stätten, opfernden Altären, vor einem Altare betäubt niederfallen und beten will: o so sinkt er ja so gut wie seine Träne zu Boden und redet nicht! – Aber die gute Seele weiß, wer sie liebt und schweigt, sie übersieht das stille Auge nicht, das sie begleitet, sie vergisset das Herz nicht, das stärker klopft und doch nicht reden kann, und den Seufzer nicht, der sich verbergen will.

Der Leser mag sich fragen: Wie soll das alles enden? Gustav scheint gespürt zu haben, dass es mit dem bloßen Lamentieren, also dem rhetorischen Weinkrampf nicht getan ist. Also entwirft er eine Zukunftsvision, deren Einlösung freilich auf den St. Nimmerleinstag verschoben werden könnte:

Aber, Beata, doch! – wenn einmal dieses Auge und dieses Herz ihr Schweigen geendigt, wenn sie in der seligsten Stunde mit allen Kräften der liebenden Natur zur geliebten Seele haben sagen dürfen: „Ich liebe dich“: so ists hart und schwer, wieder stumm zu werden, es tut so wehe, das emporgehobne flammende drängende Herz wieder in eine enge kalte Brust zurückzudrücken – dann will im Innersten die stille Freude in stillen Kummer zerrinnen und schimmert traurig in diesen, wie der Mond in den Regenbogen, den die Nacht aufrichtet ....

Die vier Pünktchen sagen alles über den Realitätsgehalt dieser Hoffnung.... Und die Beschwörung eines angeblichen Glücks gerät zum todessüchtigen Wunschbild:

Beata! ich kann keine Bitten haben und keine wagen; ich kann mir das Eden malen, das mir Beatens Blicke und Worte geben können, aber ich darf es nicht begehren; ich muss ans Ufer des Silberschattens, der uns schon im Traum und jetzo wie ein breiter Strom im Leben scheidet, mich mit allen meinen Wünschen heften; aber, Teuere, wenn ichs nicht zuweilen höre, wem das kostbarste Herz sich geschenket hat, wie soll ich den Mut behalten, es zu glauben? – Wenn ich dieses holde Herz unter so viel guten und erhöhten Menschen erblicke und dann zu mir sagen muss: ach ihr alle verdient es gleichwohl nicht: so sinkt ein freudiges Staunen auf mich, dass es meiner Seele sich gegeben, und ich glaub' es kaum. Geliebte! tausend waren Deiner würdiger; aber keiner wäre durch Dich glücklicher geworden, als ich es bin!

Wer immer Zeilen aus diesem Brief ausbricht, um sie einer Sammlung „schöner“ Aphorismen einzugliedern, muss bedenken, dass es sich um Wahnideen eines erfundenen Geschöpfs handelt – nicht um die Überzeugungen Jean Pauls, nicht einmal um die Ideen des Erzählers, der oft gezeigt hat, dass er ein Verhältnis zur Welt besitzt, das man nicht allein als vernünftig, auch als gesünder bezeichnen muss. Nein, auch Gustav hat, so unangenehm tränenselig auch sein infantiles Schreiben anmutet, sein Schicksal nicht verdient, das ihm eine fehlgeleitete „Erziehung“ bereitet hat – aber er muss notwendigerweise „auf die Schnauze fallen“. Soll man ihn bemitleiden?

Der Blogger gibt zu, dass ihm Mitleid angesichts des larmoyanten Briefs sehr schwer fällt – aber mit Mitleid wäre Gustav sowieso und eh nicht zu helfen. Was er braucht, ist ein kräftiger Tritt in den metaphysischen Hintern, ausgeführt von einem robusten Organ der Vernunft, das sich der Wirklichkeit – und Gustavs Traumgespinsten – voll stellt.

Anders betrachtet: Es könnte sein, dass uns der Erzähler zeigen wollte, in welche seelischen Abseitig- und Traurigkeiten es führt, wenn die Verhältnisse (wie Jean Pauls bayerisch-schwäbischer Kollege gesagt haben würde) nicht so sind, wie sie für ein revolutionäres Hirn sein sollen. Dass nicht Gustav an seinem psychischen Elend – wörtlich: an seiner seelischen Heimatlosigkeit – schuld ist, sondern die deutsche Misere, also „die Gesellschaft“ mit ihren Regeln, seine fatale „Erziehung“, seine Unerfahrenheit, sein Charakter: es sollte uns klar machen, dass seine Zeilen nicht als Zeugnisse eines autonomen Subjekts, sondern als Mitteilungen eines bedauernswerten Subjekts gelesen werden müssen. Nein, man muss ihn nicht „verstehen“ – aber man begreift, wieso er seine „Liebe“ in einer Weise aufs Papier wirft, dass man Goethes Verurteilung des „Romantischen“ als „das Kranke“ sofort begreift.

Nur sollte man nicht den Boten mit seiner Botschaft verwechseln.

PS: Im Übrigen: Liebeskummer ist bekanntlich grausam. Darüber ist an sich nicht zu rechten.

Johann Anwander (zugeschrieben): Der liebeskranke Antiochus



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