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17.07.2014, 16:24 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [439]: Wirkliche und artistische Unglücke

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So sah Louis Eduard Dubufe im 19. Jahrhundert die Entführung Clarissas.

Der Erzähler verbindet seine Poetik der Verführung mit einer ihrerseits ästhetischen Ansicht, oder anders: Wenn er Robert Lovelace, den Bruder des Vicomte de Valmont charakterisiert, tut er's mit dem Hinweis auf eine angeblich artistische Komponente:

Lovelace ist bloß ein eitler Alcibiades, der durch einen Staats- oder Ehe-Posten halb zu bessern wäre. Sogar dann, wo seine Unerbittlichkeit gegen die bittende, kämpfende, weinende, kniende Unschuld ihn mehr den Modellen aus der Hölle zu nähern scheint, mildert er seine gleißende Schwärze durch einen Kunstgriff, der seinem Gewissen einige und dem Genie des Dichters die größte Ehre macht und welcher der ist, – dass er, um seine Unerbittlichkeit zu beschönigen, den wirklichen Gegenstand des Mitleidens, die kniende etc. Klarisse, für ein theatralisches, malerisches Kunstwerk ansieht und, um nicht gerührt zu werden, nur die Schönheit, nicht die Bitterkeit ihrer Tränen, nur die malerische, nicht die jammernde Stellung bemerken will. Auf diesem Wege kann man sich gern gegen alles verhärten; daher schöne Geister, Maler und ihre Kenner bloß oft darum für das wirkliche Unglück keine oder zu viele Tränen haben, weil sie es für artistisches halten.

Schauen wir mal, ob das stimmt. Also flugs geblättert im Buch – oder gegoogelt und in die ausführliche Inhaltsnachzeichnung des äußerst umfangreichen Briefromans hineingelesen: demnach landet die Heldin in Richardsons Clarissa im Bordell, wo sie, da dort nachts ein Feuer ausbricht, fast nackend in die Arme des Verführers getrieben wird. Sie wird nun beinahe entehrt, kann fliehen, wird aber von Lovelace (was für ein Name für einen derartigen Fast-Entehrer!) aufgestöbert. Clarissa landet nun zum zweiten Mal im Bordell, wo sie betäubt und nun wirklich von Lovelace vergewaltigt wird: mit der Hauptabsicht, sie nicht allein zur Bettgesellin, sondern auch zur Ehefrau zu machen.

Dieser Unterschied zum gewöhnlichen Verführer markiert die Differenz – denn Lovelace, der zudem glaubt, dass er der Vater von Clarissas unehelichem Kind ist, meint ernsthaft: Einen Spaß nenne ich alles, was zwischen ihr und mir vorgefallen ist, einen bloßen Spaß, darum zu sterben! Denn hat sie nicht vom Anfange bis zum Ende unendlich mehr über mich gesieget, als von mir gelitten? Nachdem er als junger Mann und sein aufrichtiges wollüstiges Vergnügen gehabt habe, wolle er jetzt die Schande besiegen, ehrbar werden und die Vergewaltigte zum Altar führen. Zum einen aber glaubt er, dass Clarissa dies zu verhindern wisse, zum anderen ist er davon überzeugt, dass der Makel seiner unerhörten Bosheit, die Hitze einer feurigen Liebe, durch eine Heirat gesühnt werden könne. Ähnlich zwiegespalten ist er, wenn es darum geht, eine Zukunftsposition zu beziehen – denn hier sieht er sich schon als Toter und Clarissa als schöne Witwe, andererseits liebt er die Vergewaltigte, die er um keinen Preis verlieren will.

Das Schicksal macht ihm schließlich einen Strich durch die Rechnung, der alle Überlegungen abkürzt: Lovelace endet mit einem Degen im Bauch.

Die Frage bleibt: Ist Lovelace wirklich ein artistischer Vergewaltiger? Es hilft nichts: Wir müssen ein bisschen in den Roman hineinlesen. Schlagen wir also das Buch im 5. Kapitel auf und lesen wir in die feurige Bordellszene hinein, wie sie sich in Lovelace' Perspektive darbietet:

How her sweet bosom, as I clasped her to mine, heaved and panted!

I could even distinguish her dear heart flutter, flutter, against mine; and, for a few minutes, I feared she would go into fits.

[...]

She appealed to Heaven against my treachery, as she called it; while I, by the most solemn vows, pleaded my own equal fright, and the reality of the danger that had alarmed us both.

She conjured me, in the most solemn and affecting manner, by turns threatening and soothing, to quit her apartment, and permit her to hide herself from the light, and from every human eye.

I besought her pardon, yet could not avoid offending; and repeatedly vowed, that the next morning's sun should witness our espousals.  But taking, I suppose, all my protestations of this kind as an indication that I intended to proceed to the last extremity, she would hear nothing that I said; but, redoubling her struggles to get from me, in broken accents, and exclamations the most vehement, she protested, that she would not survive what she called a treatment so disgraceful and villanous; and, looking all wildly round her, as if for some instrument of mischief, she espied a pair of sharp-pointed scissors on a chair by the bed-side, and endeavoured to catch them up, with design to make her words good on the spot.

Seeing her desperation, I begged her to be pacified; that she would hear me speak but one word; declaring that I intended no dishonour to her: and having seized the scissors, I threw them into the chimney; and she still insisting vehemently upon my distance, I permitted her to take the chair.

But, O the sweet discomposure!--Her bared shoulders, and arms so inimitably fair and lovely: her spread hands crossed over her charming neck; yet not half concealing its glossy beauties: the scanty coat, as she rose from me, giving the whole of her admirable shape, and fineturn'd limbs: her eyes running over, yet seeming to threaten future vengeance: and at last her lips uttering what every indignant look and glowing feature portended: exclaiming as if I had done the worst I could do, and vowing never to forgive me; wilt thou wonder if I resumed the incensed, the already too-much-provoked fair-one?

I did; and clasped her once more to my bosom: but, considering the delicacy of her frame, her force was amazing, and showed how much in earnest she was in her resentment; for it was with the utmost difficulty that I was able to hold her: nor could I prevent her sliding through my arms, to fall upon her knees: which she did at my feet: and there in the anguish of her soul, her streaming eyes lifted up to my face with supplicating softness, hands folded, dishevelled hair; for her night head-dress having fallen off in her struggling, her charming tresses fell down in naturally shining ringlets, as if officious to conceal the dazzling beauties of her neck and shoulders; her lovely bosom too heaving with sighs, and broken sobs, as if to aid her quivering lips in pleading for her--in this manner, but when her grief gave way to her speech, in words pronounced with that emphatical propriety, which distinguishes this admirable creature in her elocution from all the women I ever heard speak, did she implore my compassion and my honour.

'Consider me, dear Lovelace,' [dear was her charming word!] 'on my knees I beg you to consider me as a poor creature who has no protector but you; who has no defence but your honour: by that honour! by your humanity! By all you have vowed!  I conjure you not to make me abhor myself! not to make me vile in my own eyes!'

I mentioned to-morrow as the happiest day of my life.

Nein, ein skrupelloser Valmont ist Lovelace nicht – aber wir würden heute – politisch korrekt – einen Vergewaltiger nicht als künstlerischen Typus bezeichnen. Im Wesentlichen aber mag Jean Paul Recht haben: die artistische Kaltblütigkeit von Lovelace offenbart sich auch in der Präzision, mit der er die sensitiven Details der Situation zu malen weiß.

Dies eben ist die Kunst der Literatur: dass sie im schönen Wort einfängt, was im Leben schauderhaft ist. So betrachtet ist Lovelace auch ein großer Dichter, der seine Erfahrungen an Clarissa ästhetisch zu verdichten weiß.

1753 hat Francis Hayman die literarische Szene im Bild verewigt:
Robert Lovelace preparing to abduct Clarissa Harlowe.



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