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02.06.2014, 12:17 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [418]: Herzen heraus- und hineintun wie der Stockfisch seinen Magen

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Ein prägender Autor noch der frühen Jean-Paul-Zeit, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem deutschen Dichter hatte: Mr. Samuel Richardson, gemalt von Mason Chamberlin

Gustavs Stoffeligkeit gibt dem Erzähler wiederum die Gelegenheit, sich über, das heißt: gegen die schlechteren zeitgenössischen Romanschreiber zu äußern. Auf Deutsch: die intertextuelle Kritik an jener defizitären Belletristik, die den Subjektbegriff ins Irrationale transzendiert, um im Rezipienten die emotionale Disposition für weitere hypertrophe Fundamentierungen basal zu verstärken.

Richtig so?

Mit anderen, besseren Worten: Jean Paul findet die miserablen Romanschreiber deshalb so miserabel, weil sie mit den Mitteln des Kitschs und der völligen Unwahrhaftigkeit arbeiten. Sie arbeiten so, weil sie auf zweifache Weise verdorben wurden: durch fehlende Erziehung und den Umgang mit schlechten Menschen und ebensolchen Büchern. Eben deshalb muss man Gustav nicht kritisieren: denn Gustavs Zungenlosigkeit entspringt nicht irgendeiner „Kulturübung“, sondern echtem Takt, echtem Gefühl, echter Zurückhaltung. Allerdings nennt Jean Paul doch ein literarisches Beispiel, das er mit Gustavs auch literarischem Anders-Sein zusammenbringen kann: Samuel Richardson. Der englische Autor, zwei Jahre vor Jean Pauls Geburt gestorben, war drei Jahrzehnte später noch lebendig genug, um als Prunkbeispiel einer vorbildlichen Romankunst gelobt zu werden. Mit der berühmten Pamela von 1740 und der Clarissa von 1748 setzte er einen Standard, dessen Folgen wir im Werther und in all den anderen deutschen und französischen Briefromanen wie Rousseaus Julie ou la Nouvelle Héloïse und Gellerts köstlichem Leben der schwedischen Gräfin von G*** noch am Werk sehen – abgesehen davon, dass man seinerzeit nicht einmal das Buch aufschlagen musste, um es zu kennen. Goldoni machte aus der Pamela ein Theaterstück, also gleichsam den Film zum Buch. Jean Paul selbst hat sich schon früh – und erfolglos – am Genre des Briefromans versucht. Später las – sie war nicht die einzige große Autorin – Jane Austen den Samuel Richardson, um einen eigenen Weg des Erzählens zu finden: abseits von Richardson, aber doch nicht ohne ihn denkbar.

Viel Tugend, viel Psychologie: das musste einen Autor wie Jean Paul begeistern, der mit seiner Individualintelligenz daran ging, Anfang der 1790er Jahre einen neuen deutschen Roman zu erfinden.

Was dem einen die Pamela, ist dem anderen die Beata: eine tugendhafte Persönlichkeit, deren Sosein nicht aus literarischen Vorbildern, sondern aus dem Bewusstsein des Autors entspringt, literarische Vorbilder mit persönlichsten Ideen verquicken zu müssen. Jean Paul mag auch von Richardson herkommen; in dem Maße, in dem er seinem Gustav eine positiv gedeutete Naivität – und gleichzeitig die Kultur der Zurückhaltung und der guten literarischen Bildung – mitgibt, emanzipiert er sich vom großen Vorbild. Andere taten es nicht: sie übertrieben das, was Richardson einst vorgab, um ihre Puppen unters Lesevolk zu werfen, die ihre Herzen heraus- und hineintun wie der Stockfisch seinen Magen. Sie verrieten damit die Errungenschaft des englischen Dichters: eine vertiefte Seelenzeichnung interessanter, unverwechselbarer Figuren. Indem der Dichter der Loge nun die anderen Schreiberlinge und ihre papiernen Frauenfiguren kritisiert, rechtfertigt er zugleich sein eigenes Unternehmen, das ja, wir wissen es, nicht vorbehaltlos aufgenommen wurde:

Ich gesteh' es, dass die Züge solcher Göttinnen von den Schreibern aus keinen schlechtern Modellen zusammengetragen sein können, als die waren, wornach die griechischen Künstler ihre Göttinnen oder die römischen Maler ihre Madonnen zusammenschufen, und man müsste wenig Weltkenntnis haben, wenn man nicht sähe, dass die Fürstinnen, Herzoginnen etc. in unsern Romanen sicher nicht so gut getroffen wären, wenn nicht dem Autor an ihrer Stelle Stuben- und noch andere Mädchen gesessen hätten; und so, indem sich der Verfasser zum Herzog und sein Mädchen zur Fürstin machte, war der Roman fertig und seine Liebe verewigt.



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