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30.05.2014, 14:18 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [417]: Viel Literatur und gar kein Sex

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Ein bisschen ist es beim Herrn von Oefel und seinen eingebildeten Lieben wie mit dem Dichter selbst und dem, was er seine Erotische Akademie nannte, als er noch in Hof saß und sich mit einem Kreis geistig engagierter Frauen umgab: mehr Geist als Erotik. Viel Literatur und gar kein Sex. Nun gut, Erotik ist bekanntlich etwas anderes als Sex, aber wo Jean Paul die privatliterarischen Unternehmungen seines lächerlichen Schriftstellers glossiert, nimmt er sich vielleicht selbst ein wenig aufs Korn. Nicht dass uns die Kenntnis des Lebens Jean Pauls bei der Interpretation seiner Werke helfen könnte; im Grunde ist es ja für den modernen Leser unwichtig, zu wissen, wo Münchberg liegt oder ob ein Brief einer Titanide wörtlich in einen Roman geflattert ist – aber wer weiß, dass Oefel Züge Jean Pauls trägt, könnte zumindest ins Grübeln geraten und sich einige Fragen stellen: Wie viel Distanz hat Jean Paul selbst zu sich gehabt? Aus welchen Elementen seines eigenen Ich vermag er eine Figur zu basteln, die auf den ersten Blick pur satirisch wirkt?

Erkennen wir jetzt nicht, dass der Jean Paul der Unsichtbaren Loge ein Mensch ist, der noch in den Übertreibungen eine Anthropologie vorlegt, die vom sog. „wahren Leben“ gar nicht so weit entfernt ist?

Es war ihm unmöglich, so viele Weiber, die in die Rotunda seines Herzens wollten, darin unterzubringen; daher steckt' er den Überschuss sozusagen in den Herzbeutel, worin das Herz auch hängt, wie in einen Verschlag hinein – mit andern Worten, er verlegte den Schauplatz der Liebe vom Herzen aufs Papier und erfand eine dem Brief- und Papier-Adel ähnliche Brief- und Papier-Liebe. Ich habe viele solche chiromantische Temperamentblätter von ihm in Händen gehabt, wo er wie Schmetterlinge bloß auf – poetischen Blumen Liebe treibt – ganze Rotuln von solchen Madrigalen und anakreontischen Gedichten an Damen, welche (die Madrigale, nicht die Damen) sowohl die Süßigkeit als die Kälte der Geleen haben.

In Bayreuth lebte einmal ein großer Dichter, der, wie der mythische Homer, nun blind geworden ist. Nun lebt er in Kassel; jüngst gab er, auch dies privat, eine Sammlung seiner schönsten Verse heraus. Anders als Oefel hat er keinen Grund, sich zu schämen, weil seine Madrigale keine anakreontischen Gedichte sind, die von Jacobi hätten geschrieben werden können. Der Kleinen Fuge für Jean Paul folgt irgendwann die bittere Kindheit eines Dichters („aus Briefen des 15-jährigen Hermann Hesse montiert“), dann Kleists Tod, schließlich Im Turm – womit der bekannteste Turm der deutschen Literatur gemeint ist: Hölderlins Refugium. Andere Gedichte des Nachinnensehers heißen Ist es dunkel genug, Wohin denn ich, Ungewiss, Zögernd und Im Halbschlaf (Bleib tiefer im Traum, höre dem Schweigen zu und / dem Echo ferner Madrigale), in denen sich die feinste Ästhetik und die kühlste Verzweiflung die Vershände reichen.

Mag sein, dass die zweite und letzte Strophe von Sagen noch ein ferner Nachhall jener Anakreontik ist, die Jean Paul so gut wie der Herr Oefel kannte – weil sie noch im Verdämmern eine notwendigerweise verschattete Erinnerung an jenes Leben in Liebe und Trunkenheit birgt, das in den Versen des 18. Jahrhunderts besungen wird. Gustav und Beata wissen ja schon davon:

Der Augenblick des Glücks,
das Schweigen des Abschieds,
die Gedanken der Dunkelheit,
der leise Schritt des Schutzengels,
die Weisheit der alten Bäume,
die leise Antwort der Blumen,
das Gespräch der Toten.
Sagen, was nicht gesagt werden kann.

Joachim Sparre, in: Ist es dunkel genug. Gedichte (Privatdruck)



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