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19.04.2014, 14:36 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [396]: Ist Trennung nicht der stärkste Kitt?

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Ostersamstag, 2014

Wir bleiben noch ein paar Minuten in Regensburg – um daran erinnert zu werden, dass auch Orpheus einmal in der Loge auftrat. Der Vorredner hat ihn, es ist schon länger her, einmal erwähnt:

Mit Nro. 3, den Holländern, wollt' ich mich in meinem Kasten zanken wegen ihres Mangels an poetischem Geschmack: das war alles. Ich wollte ihnen vorwerfen, dass das ostindische Haus keinem einzigen Poeten eine Pension auswerfen würde als bloß dem alten Orpheus, weil seine Verse Flüsse ins Stocken sangen und man also sein Haberrohr und seine Muse anstatt der belgischen Dämme gebrauchen könnte.

Man mag sich zu Ostern daran erinnern, dass auch der mythische Sänger, der seine Geliebte aus dem Jenseits holen wollte, seinen Anteil am christlichen Fest hat – weil sich die ersten Christen bei der Erfindung ihres Sterbe-, Tod- und Auferstehungsfestes an den Religionen und Sitten orientierten, die es schon lange gab. Man war durchaus nicht originell, als man ab dem 2. Jahrhundert das Osterfest mit den Elementen der Mysterienreligionen ausstattete. Dass die Erwachsenentaufen der Antike an Ostern stattfanden ist – da die Taufen der Mithras-Religion immer zu Beginn des Frühjahrs stattfanden – ebenso wenig ein Zufall wie die Tatsache, dass der Täufling nackt sein sollte: wie im orphischen Ritus.

Es war übrigens der große melancholische Aufklärer und Dichter Karlheinz Deschner, der 1988 auf diese Zusammenhänge in Der gefälschte Glaube aufmerksam gemacht hat: ein Mann aus Bamberg, der „privat“ ungemein freundlich war. Viele Jahre lebte er im unterfränkischen Haßfurt, vor 11 Tagen starb er – kurz, nachdem er sein Lebens- und Hauptwerk, die zehnbändige, enorm beeindruckende Kriminalgeschichte des Christentums abschließen und publizieren konnte. Ehre seinem Andenken.

Es wäre Deschner vermutlich nicht Recht, würde man ihn, wie die schöne Nymphe Eurydike, wieder an die Oberwelt zurückholen; sein Tagwerk ist getan. Wie aber steht es mit Gustavs und Beatas Auferstehungswünschen? Wie sieht es mit unseren eigenen aus?

Unsere eigenen Wünsche zielen wohl immer auf eine unentwirrbare Mixtur aus mehr oder weniger getrübten Erinnerungen, Träumen, Hoffnungen und Fiktionen. Sie wandeln an einer Kante, die zu überschreiten so gut das Glück wie das Unglück bedeuten könnte: gewirkt aus jenen Blendbildern der Traurigkeit und der Scham, der Sehnsucht und der Melancholie, die man „Liebe“ nennen könnte, wären sie nicht so furchtbar unzuverlässig. Vielleicht tat Orpheus das einzig Richtige, als er sich umwandte – und vielleicht musste die einstige Geliebte den Geliebten provozieren, um wieder glücklich in die Gleichgültigkeit der Unterwelt zurückzugleiten, deren Erfahrung nicht überschritten werden kann. Gustavs und Beatas Liebe mag auf jenem Grund gebaut sein, der Rückholaktionen ermöglichen mag – aber nur die Liebenden wissen, ob nicht die Trennung der stärkste Kitt ist, der sie nicht allein in Gedanken verbindet. Wenn ihre Seelen sprechen, weinen sie – so wie Orpheus, der sich an die Zeit erinnert, da er mit der Geliebten glücklich war. Doch mag den Tränen jenes Glück des Verzichts beigemischt sein, die nur der zu weinen vermag, der wenigstens einmal besaß – und glücklich liebte.

Wer niemals glücklich liebte, weiß schließlich nicht, was er beweint.



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