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18.04.2014, 14:11 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [395]: Maden- und Haifischzähne

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So sieht die Sinnenwelt aus, wenn man hinter die Fassade schaut: eher schlicht (das Hotel zum Goldenen Kreuz, in dem Jean Paul – und vorher Kaiser Karl V. – ein paar Nächte schliefen: allein und zu zweit).

Bayreuth, Karfreitag 2014

Ottomars Depression macht vor der sogenannten Ewigkeit nicht Halt: auch der Sternenhimmel mit seinen Sonnen und Erden – jenen Dauergästen im jeanpaulschen Kosmos-Universum – wird ja einmal verschwunden sein wie er, der Mensch:

Ob eine Minute den Maden-Zahn, oder ein Jahrtausend den Haifisch-Zahn an eine Welt setze: das ist einerlei, zermalmt wird sie doch.

Sagen die einen: „Nach mir die Sintflut“, so denkt sich der Auferstandene im Mittelpunkt einer Welt, die, komme was wolle, der Vernichtung geweiht ist. Kot- und Feuerklumpen, wo man auch in den Himmel hinschaut. Nicht einmal die Sonne selbst ist von diesem Prozess ausgenommen – denn auch sie würde in ihre Nacht und ihr Bette fallen und eine Sonne brauchen, um Strahlen zu haben. Frei nach Gustav Mahler, der es von Dostojewski hatte: Wie kann man leben, ohne an die Vernichtung zu denken? Es ist nur von gelindem Widerspruch, wenn Ottomar am Ende seines finsteren Credo, gegen allen „Vernichtglauben“ bekennt, dass sein Geist ein längeres Leben begehrt, als ein zerbröckelnder Wandelstern trägt – und es ist von tief beunruhigender Wirkung, wenn er, der depressive Rationalist, der sich immerhin zu einem kurzen Aufschwung, die Liebe betreffend, aufraffte, nach einem trennenden Semikolon zu einer offenen Formel findet: aber ich begreife nichts davon....

Ottomar erweist sich, wenn ich mich nicht täusche, als Vorläufer des guten, schlichten und grauenerregenden Corle Smolt, der immer dann, wenn die Buddenbrooks eine fröhliche Familienfeier haben, die auf die Vermehrung der Sippe ausgeht – also bei den Heiraten –, höchst furchtbar daran erinnert, dass wir alle einmal to Moder werden und in die Grube fahren müssen. Er hat ja Recht – aber muss er uns immer wieder darauf hinweisen? Muss uns Ottomar wirklich sagen, dass die Vernichtung total sein wird? Und muss sich der Literaturwissenschaftler unter den Lesern fragen, ob und welchen Sinn diese Beschwörung aller irdischen Bedingtheit im Ganzen des Romans – zumal der Geschichte unseres liebenden Paares – macht? Oder müssen wir den zweifellos spektakulären Brief des Auferstandenen als eine von vielen Meinungen, ja: als Fragment unter Fragmenten lesen?

Der Blogger ist im Moment der zweiten Meinung, ohne zu behaupten, dass der Brief im Sinne Camus absurd wäre und Ottomars Selbstmord provozieren müsste. Die Welt besteht, was Jean Paul schon immer wusste, aus einer Totalität – aus einer Totalität von Bruchstücken, die der Gefahr des Verschwindens ausgesetzt sind. Vielleicht musste es einer mal sagen.

Eben deshalb ist es auch wunderbar, am Ende folgende Bemerkungen zu lesen, die auf den christlich-unchristlichen Aberglauben des 18. Jahrhunderts wie die moderne Kosmologie gehen:

Es ist also sonderbar, dass man höhere Sterne oder gar die Planeten und ihre Tochterländer zu Blumenkübeln macht, in die uns der Tod steckt, wie etwa der Amerikaner nach dem Tode nach Europa zu fahren hofft.

Jetzo begreif' ich, warum ein Mensch, ein König in seinen alten Tagen ins Kloster geht: was will er an einem Hofe oder auf einer Börse machen, wenn die Sinnenwelt vor ihm zurückweicht und alles aussieht wie ein ausgespannter großer Flor, indes bloß die höhere zweite Welt mit ihren Strahlen in dieses Schwarz hereinhängt? Wir werden zu gegebener Zeit noch von diesem König und seinem Kloster hören – doch als Karl V. in Regensburg weilte, hatte er Anderes im Sinn als die zweite Welt. Die erste war ihm schon köstlich genug.



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