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17.04.2014, 12:31 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [394]: Ein Lob mit beschränkter Haftung

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War Jean Paul schon ein Schopenhauerianer?

Man könnte es behaupten, und dies nicht allein deshalb, weil er sich an einer Stelle (der Vierten Viertelstunde der Jubilate-Vorlesung in der Kleinen Nachschule zur ästhetischen Vorschule, betitelt Über, für und an Rezensenten) über den Jungphilosophen – d.h.: sein Werk – äußert (wobei er, aber das nur nebenbei, den Titel schon einmal falsch zitiert):

Schopenhauers Welt als Vorstellung und Wille, – ein genialphilosophisches, kühnes, vielseitiges Werk voll Scharfsinn und Tiefsinn, aber mit einer oft trost- und bodenlosen Tiefe – vergleichbar dem melancholischen See in Norwegen, auf dem man in seiner finstern Ringmauer von steilen Felsen nie die Sonne, sondern in der Tiefe nur den gestirnten Taghimmel erblickt, und über welchen kein Vogel und keine Woge zieht*). Zum Glück kann ich das Buch nur loben, nicht unterschreiben.

War dies wirklich eine Empfehlung? Man muss die Fußnote mitlesen, um zu begreifen, was ihm 1825 nicht gefallen hat:

*) Die letzte Zeile werden Leser des originellen Buchs bildlich-treffend finden, da dessen Resultate sich oft in unbeweglichen Fohismus und Quietismus verlieren.

Es war dies – es sei allen Schopenhauerianern ins Stammbuch geschrieben – wohl eher ein Lob mit beschränkter Haftung. Allein der Leser von Ottomars Brief könnte darauf kommen, dass schon der junge Jean Paul ein Schopenhauerianer avant la lettre war – und dass der mittlerweile 53jährige Schriftsteller und Denker sich mit Dalberg auch über das Thema unterhalten hat: denn der Geistliche sprach ja, als man die Gebiete von Religion, Physik und Philosophie betrat, auch über die Selbdemütigung. Die Frage blieb wohl, damals in Regensburg, zwischen der Ausfahrt aus und der Heimfahrt ins Hotel, was es mit dem sogenannten Wert des Lebens vor der Ewigkeit auf sich habe.

Nein, Jean Paul war kein Quietist – aber er wusste, wie das Verhältnis von Tod, ewiger Ruhe und Leben beschaffen war. Er hatte sich, ohne es zu planen, in Schwarzenbach eine Anschauung verschafft, die er in der Loge in Literatur verwandelte – denn Ottomar findet für die Relation der großen Nacht, die immer auf dich zuschreitet und die in jeder Stunde eine Stunde zurücklegt und dem Menschen und seinem Tun ein prägnantes Bild, das Schopenhauer gewiss gefallen hätte:

Die beiden Ewigkeiten türmen sich auf beiden Seiten unsrer Erde in die Höhe, und wir kriechen und graben in unserem tiefen Hohlweg fort, dumm, blind, taub, käuend, zappelnd, ohne einen größern Gang zu sehen, als den wir mit Käferköpfen in unsern Kot ackern.

Die Regensburger Frage „Was ist Wahrheit?“ wurde von Ottomar durchaus kompromisslos beantwortet, als er feststellte, dass man hienieden nichts vollenden kann. Dass dieser Satz ausgerechnet in einem unvollendeten Roman steht: auf diese Ironie muss ich, glaube ich, kaum extra hinweisen – aber dass Ottomar sein Nahtoderlebnis dazu benützt, um dem Leben an sich abzuschwören, ist angesichts von Jean Pauls lebenslanger Vitalität eine wesentlich größere Ironie.

In Wahrheit ging es Jean Paul nämlich nie darum, die Lehre von der Wertlosigkeit des Lebens, wie sie sich aus der Todesschau ergab, unter die Leute zu bringen. Blass ist alle Theorie, wo Ottomar bekennt, dass ihm das Leben so wenig ist, dass es fast das Kleinste ist, was ich für ein Vaterland hingeben kann. Stark ist sie, wo er zugibt, dass bloß Unglück und Arbeit undurchsichtig genug sind, dass sie die Zukunft verbauen. Ob Jean Paul jemals so unglücklich war, dass er nicht mehr an die Zukunft dachte, weiß ich nicht – aber dass er ein Arbeitstier vor Schwarzenbach war und noch danach blieb, ist bekannt. Es hätte keiner Todeslehre bedurft, ihn davon zu überzeugen, dass Arbeit ein Wert an sich ist, an den der Tod kaum zu rühren vermag.

Es gibt allerdings noch ein drittes Element, das in Ottomars Zukunft weisen könnte. Hat Schopenhauer es gekannt? Ich glaube nicht, aber ich würde mich  – als engagierter Nicht-Schopenhauer-Leser – gern belehren lassen. Es ist jenes Element, über das man wohl auch in Regensburg gesprochen, und über das der Dichter so oft und so wunderbar geschrieben hat: es ist die Liebe, die dumme Liebe, wie es in der genialen Csárdásfürstin so schön heißt. Ottomar also reißt sich noch einmal aus dem nihilistischen Sumpf heraus, indem er plötzlich und unerwartet die Liebe zu predigen beginnt:

O euch, ihr armen bleichen, aus Erdfarben gemachten Bilder, ihr Menschen, lieb' und duld' ich nun doppelt; denn wer anders als die Liebe zieht uns durch das Gefühl der Unvergänglichkeit wieder aus der Todesasche heraus? Wer sollt' euch euere zwei Dezembertage, die ihr 80 Jahre nennt, noch kälter und kürzer machen?

Aber flugs geht es wieder in die Schwärze des menschlichen Daseins hinein:

Ach wir sind nur zitternde Schatten! Und doch will ein Schatten den andern zerreißen?

Ottomar oder Der Zerrissene.

Schopenhauer lässt schön grüßen.



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