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11.04.2014, 10:56 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [391]: Die Distanz zwischen Ich und Ich

Der Scheintod, der für den Scheintoten ein wirklicher Tod war, provoziert in dem, der sich da auf die Altarstufe setzt und um dem „das Mondlicht mit trabenden eilenden Wolkenschatten“ liegt, Überlegungen und Erinnerungen, die eine ungeheure psychologische Dichte besitzen. Ungeheuer: das meint die Souveränität der Distanz, die das Ich zum eigenen Ich erst jetzt auszumessen vermag, oder anders: Das Ich Ottomars verfügt nun über eine erschütternde Klarheit (man verzeihe die Banalität dieses Charakterisierungsversuchs):

Ich redete das Ich an, das ich noch war: „Was bist du? was sitzt hier und erinnert sich und hat Qual? – Du, ich, etwas – wo ist denn das hin, das gefärbte Gewölk, das seit dreißig Jahren an diesem Ich vorüberzog und das ich Kindheit, Jugend, Leben hieß? – Mein Ich zog durch diesen bemalten Nebel hindurch – ich konnt' ihn aber nicht erfassen – weit von mir schien er etwas Festes, an mir versickernde Dufttropfen oder sogenannte Augenblicke – Leben heißet also von einem Augenblick (diesem Dunstkügelchen der Zeit) in den andere tropfen....

Das Leben, Gott, die Zeit, alles schwebt dem Auferstandenen nun in nüchterner Innen- und Außenschau vorüber: Was aber die Passage über einen ins Extrem getriebenen Theismus weit hinausträgt und jenes versöhnliche wie verzweifelte Element besitzt, ist ein O-Mensch-Pathos, über das (möglicherweise) nicht zu rechten ist:

„O ihr abgeschiedenen Lieben,“ dacht' ich, „ihr wäret mir nicht zu groß, erscheinet mir, hebt das Gefühl der Nichtigkeit von meinem Herzen ab und zeigt mir die ewige Brust, die ich lieben, die mich wärmen kann.“

Ich kenne eine bedeutende Variante dieser Passage. Wir haben sie in einem größeren Zusammenhang, unter dem Terminus Bruder, in den Buchvitrinen des Jean-Paul-Museums untergebracht:

Unbegreiflicher Mensch! du sammelst lieber Dolche auf und treibest sie, mitten in deiner Mitternacht, in die ähnliche Brust, womit der gute Himmel deine wärmen und beschirmen wollte!

Und wo steht diese Passage? In der Unsichtbaren Loge, genauer: im Ausläuten.

Es ist dies, wenn ich mich nicht täusche, einer der wichtigsten, als Aufforderung formulierten Lehrsätze des Romans: Habt Euch lieb! Ist das nicht „Kitsch“? Ist das zu viel verlangt? Ist das wirklich von gestern? Oder ist das nicht das Einzige, was taugt – und was bekanntlich so schwer zu machen ist? Weshalb man es immer wieder sagen muss? Und wofür man „gestorben“ sein muss, um es zu begreifen?

Von ungefähr sah ich meinen armen Hund, der mich anschauete; und dieser rührte mich mit seinem noch kürzern, noch dumpfern Leben so, dass ich bis zu Tränen weich wurde und mich nach etwas sehnte, womit ich sie vermehrte und stillte.



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