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10.04.2014, 10:23 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [390]: Diese einzigartige Mischung aus Vergangenheit und kalter Hoffnung

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Caspar David Friedrich: Der Träumer

Wo, meine Damen und Herren, gibt es in der zeitgenössischen Literatur der Jean-Paul-Zeit Passagen von einer derartigen Prägnanz und Eindringlichkeit?

Ich lag vielleicht die halbe Nacht, bis das Leben durch mich zuckte. Mein erster Gedanke riß die Seele immer auseinander. Von ungefähr trat der Hund auf mein Gesicht; plötzlich senkte sich eine Beklemmung, wie wenn eine Riesenhand meine Brust böge, tief auf mich herein, und ein Sargdeckel schien mir wie ein aufgehobnes Rad über mir zu stehen.... Schon die Beschreibung schmerzt mich, weil die Möglichkeit der Wiederholung mich ängstigt.... Ich stieg aus der sechseckigen Brutzelle des zweiten Lebens, der Tod streckte sich vor mir weit hin mit seinen tausend Gliedern, den Köpfen und Knochen. Ich schien mir unten im chaotischen Abgrund zu stehen, und oben weit über mir zog die Erde mit ihren Lebendigen. Mich ekelte Leben und Tod. Auf das, was neben mir lag, sogar auf meine Mutter sah ich starr und kalt wie das Auge des Todes, wenn er ein Leben zerblickt. Ein rundes Eisengitter in der Kirchenmauer schnitt aus dem ganzen Himmel nichts heraus als die schimmernde zerbrochne Scheibe des Mondes, der als ein himmlisches Sarglicht auf den Sarg, der die Erde heißer, herunterhing. Die öde Kirche, dieser vorige Markt des redenden Gewimmels, stand ausgestorben und untergraben von Toten da – die langen Kirchenfenster legten sich, vom Mond abgeschattet, über die Gitterstühle hinüber – an der Sakristei richtete sich das schwarze Toten-Kreuz auf, das Ordenkreuz des Todes – die Degen und Sporen der Ritter erinnerten an die zerbröckelten Glieder, die sie und sich nicht mehr bewegten, und der Totenkranz des Säuglings mit falschen Blumen hatte den armen Säugling hieher begleitet, dem der Tod die Hand abgebrochen, eh' sie wahre pflücken konnte – steinerne Mönche und Ritter machten das längst verstummte Gebet an der Mauer mit verwitternden Händen nach – nichts Lebendiges sprach in der Kirche als der eiserne Gang des Perpendikels der Turmuhr, und mir war, als hört' ich, wie die Zeit mit schweren Füßen über die Welt schritt und Gräber austrat als Fußstapfen...

… und oben weit über mir zog die Erde mit ihren Lebendigen ... Die Sicht des Scheintoten, der dem Sarg entsteigt, geht über die Welt hinaus, aber nicht, weil er wieder die Welt sieht, wie sie ist – und die er doch genau zu beschreiben weiß –, sondern weil ihm gleichsam jene Augen geöffnet wurden, die der Tod verschließen musste, um sie einer anderen Sicht zur Verfügung zu stellen. So werden die Kirche und das schwarze Jenseits, die Grabtafeln und die Erinnerungssteine einer zutiefst persönlichen Vision beinahe ineins gesetzt. Wer den Text genau liest, wird merken, dass die Übergänge zwischen dem dunklen Hier und einem Dort, das nicht wesentlich heller ist, fließend sind. Mag sein, dass sich im Interieur des Kirchenraums die Erinnerungen an die Literatur (den Gruselroman) und die Wirklichkeit (die Erinnerung an die Joditzer Kirche) zusammenfinden. Kein Mensch, der je gestorben ist, könnte sich mehr für diese einzigartige Mischung aus Vergangenheit und kalter Hoffnung interessieren als der Autor, der gerade eine Todesvision hatte, die ihn gegenüber den Schlägen des Schicksals wenn nicht unempfindlich, doch unempfindlicher machen sollte. Jean Paul fand eben nicht allein im Humor und einer irren Lebenslust, auch im Pietismus alter Gebeine und verwitterter Gebetshände jene Befriedigung, die einen Ottomar so hellsichtig macht für das Vergehen jener Zeit, in der der Fürst, doch nicht der treue Spitz den scheinbar Toten verlässt.

Die Frage bleibt: Wie kann man weiterleben nach einem solchen Lebendigbegrabenwerden? Welches Bewusstsein wird Ottomar entwickeln, dem Leben und Tod zugleich einmal gleichgültig gewesen sind?

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