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09.04.2014, 12:49 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [389]: Das Kartenhaus und das Sparrwerk unsers Ichs

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Wir schreiten weiter in der Jean-Paul-Lektüre

Ottomar lebt!

Es ist dies eine der Überraschungen, die noch der mieseste Kolportageroman drauf hat – was weder für noch gegen die Gattung, auch nicht für oder gegen Jean Paul spricht. Halten wir fest: der Mann, der sich lebenslang davor fürchtete, lebendig in den Sarg gelegt zu werden, ist plötzlich wieder in der Lage, einen langen Brief zu schreiben. Dem memento mori antwortet der gleichsam Wiedergeborene als Wiedergänger in statu nascendi.

Das Blut also beginnt gleichsam wieder in ihm zu fließen, so dass er's merkt, aber so blutvoll auch sein Körper ist, so sehr begehrt Ottomar ins Metaphysische auf und davon. Allein es ist erstaunlich, wie oft er den Begriff innerhalb von wenigen Zeilen seines Sterbe-Berichts zitiert:

Noch in der Nacht nahm das Fieber zu; aber beim Blutlassen bricht meine Zurückerinnerung ab. Ich weiß bloß noch, dass ich das Blut mit einigem Schauder um meinen Arm sich krümmen sah; und dass ich dachte: „Das ist das Menschenblut, das uns heilig ist, welches das Kartenhaus und das Sparrwerk unsers Ichs ausküttet und in welchem die unsichtbaren Räder unsers Lebens und unserer Triebe gehen.“ Dieses Blut sprützte nachher an alle Phantasien meiner Fiebernächte; das eingetauchte All stieg blutrot daraus herauf, und alle Menschen schienen mir an einem langen Ufer einen Strom zusammenzubluten, der über die Erde hinaus in eine saufende Tiefe hinabsprang.

Haben wir es, denkt der Leser, nicht ein wenig kleiner? Ein durchschnittlicher Lektor würde dem Dichter heute in seine Blutsuppe spucken, aber Jean Paul war niemals ein Autor, der sich – ausgenommen: sein Freund Christian Otto – von Lektoren hätte beeindrucken lassen. Wer nun als sensibler Leser mutmaßen mag, dass es mit der Zuversicht unseres „Verstorbenen“ bange steht, irrt – denn er lässt seinen auferstandenen Helden ein typisch jeanpaulsches Gotteslob singen:

Wäre kein Schöpfer: so müßt' ich vor den verborgnen Angst-Saiten erzittern, die im Menschen aufgezogen sind und an denen ein feindseliges Wesen reißen könnte. Aber nein! du allgütiges Wesen! du hältst deine Hand über unsre Anlage zur Qual und legest das Erden-Herz, worüber diese Saiten aufgewunden sind, auseinander, wenn sie zu heftig beben!...

Dieses Lob mag zwischendurch den aufgerüttelten Leser von 1793 mit der Wirklichkeit des fließenden und erträumten Blutstroms versöhnt haben.



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