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21.03.2014, 10:16 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [383]: Zum 21. März 2014

21. März 2014. Der Geburtstag eines großen Künstlers muss gefeiert werden.

Heute vor 329 Jahren kam Bach zur Welt.

Kannte Jean Paul seine Werke? Vielleicht hörte er mal einige Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier oder eine Claviersuite. Sicher sah er mal sein Bildnis – eine Kupferstichkopie vielleicht des berühmten Haußmann-Porträts, des einzig authentischen Bach-Porträts. Des einzig authentischen? O nein! Erst jüngst kam durch einen äußerst seltenen Glücksfall ein zweites hinzu: ein Pastell, angekauft vom Bach-Museum-Eisenach, das mit hoher Wahrscheinlichkeit noch zu Lebzeiten Bachs, wohl um 1730, gemalt wurde und über Familienbesitz, nämlich Carl Philipp Emanuel, über den großen Bach-Sammler Manfred Gorke auf die Gegenwart kam. Es zeigt den Mann von nicht ganz fünfzig Jahren in vollem Saft: ein Abbild, das mit dem bekannten Altersporträt in den physiognomischen Grundformen des Gesichts und des mächtigen Leibes harmoniert.

Leider war Bach nie in Bayreuth – aber es gibt doch einen weiteren Gemäldefund, der etwas mit der Stadt zu tun hat.

 Kurze, aber notwendige Anmerkung zum Bayreuther „Bach-Porträt“

Eher obskur ist ein Bayreuther Gemäldefund, der lange Zeit mit Bach in Verbindung gebracht wurde und immer noch wird, obwohl dafür nicht die geringsten Anhaltspunkte vorliegen. 1897 wurde hier bei einem Bäckermeister, dessen Großvater 1820/30 als Gärtner im Neuen Schloss angestellt war (aus dem das Gemälde stammen soll), ein Bild gefunden, das – nicht unwidersprochen – als „Bach-Bildnis“ durch die Literatur geistert und heute im Bachmuseum in Eisenach hängt. Schon die kurze Beschreibung im einschlägigen Katalog verdeutlicht die Problematik: „Das Gemälde wurde 1897 durch Max Hartmann in einem Privathaus in Bayreuth entdeckt und spontan als Bach-Bildnis erkannt. Weitere Prüfung des Sachverhaltes, kunsthistorische Begutachtung und Restaurierung folgten. Leider ist bei der Verkleinerung des Keilrahmens die Signatur des Malers unsichtbar geworden. Als Verlagsdirektor von Breitkopf & Härtel kaufte Oskar von Hase das Gemälde und schenkte es 1907 dem gerade eröffneten Bachhaus in Eisenach. Anlaß zur Entstehung des Bildes kann eine Begegnung zwischen Johann Sebastian Bach und Johann Jakob Ihle im Jahr 1720 in Karlsbad gewesen sein, als beide Künstler wahrscheinlich im Gefolge ihrer Dienstherren in dem Kurbad weilten.“[1]

Die Zuschreibung[2] des von Johann Jakob Ihle gemalten Bildes kam allerdings auf sehr subjektive Weise zustande, die an die „intuitive“ Zuschreibung des vor einigen Jahren in Berlin gefundenen „Mozart-Porträts“ von Johann Georg Edlinger erinnert (Gegengründe liegen auch in diesem Fall reichlich vor). Das Bild zeige gar den „Köthener Kapellmeister“. „Kann“, „wahrscheinlich“: es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass sich Ihle und Bach getroffen haben, noch weniger ein Hinweis darauf, welchem Zweck dieses Bild seinerzeit, wenn es denn authentisch sein sollte, gedient haben soll.

Diese Frage ist wichtig: hat Bach das Bild selbst in Auftrag gegeben? Wenn ja: wieso? Für sich selbst (oder für einen Auftraggeber)? Hätte er es sich leisten können und wollen? Hat sein Fürst ein Bild in Auftrag gegeben? Was wissen wir darüber? Ist es nicht möglich, dass Ihle, der fast ausschließlich in Schwaben tätig war, hier einen Landsmann abkonterfeit hat? Das Gemälde soll aufgrund einer Begegnung zwischen Bach und dem Maler in Karlsbad um 1720 entstanden sein, was einer Kuriosität gleichkäme, denn der Maler wäre erst 18 Jahre alt gewesen und Bach 35, obwohl das Bild einen etwas älteren Mann darzustellen scheint.

Was die Physiognomie betrifft, so besitzt Ihles Bild mit dem einzigen anerkannt authentischen Porträt von Haußmann weniger Verbindendes als Trennendes. Im Übrigen ist es unmöglich, gemalte Porträts so wie photographische Abbilder zu bewerten – was zugleich für wie gegen subjektive Zuschreibungen spricht, ohne dass es Beweiskraft hätte. Für Jörg Hansen, dem Direktor des Bachhauses Eisenach, wiegt außerdem[3] „am gewichtigsten (übrigens ebenso bei dem ‚jungen Bach‘ von Rentsch, dem Stuttgarter Denner-Bild, dem ‚Meininger Pastell‘ oder dem sog. ‚Altersbild‘) das völlige Fehlen einer Tradierung z.B. über Kupferstiche, wie sie für Haußmann, aber durchaus auch für andere zweifelhafte Bach-Portraits (dem Gemälde aus der Peters-Bibliothek, dem Gemälde von Goebel) existiert. Streitig ist wohl schon die Zuweisung des Gemäldes an Ihle. Wenn man andere zeitgenössische Maler ins Spiel bringt, kommt man zu plausibleren Ergebnissen unter der Annahme eines Bach-Portraits, begibt sich dann aber in den circulus vitiosus mit der Voraussetzung, der Dargestellte sei überhaupt Bach.“

Zur weiteren Verwirrung trägt die falsche Information der Ausstellung im Bachmuseum bei, dass Ihle später Hofporträtist in Bayreuth war. Allerdings findet man in der Literatur einen Johann Eberhard Ihle (1727-1814), den Sohn des J.J., der auch Porträts schuf, ab 1749 in Nürnberg ansässig und wohl dort erfolgreich war. Nürnberg – Bayreuth – vielleicht liegt hier eine Verwechslung vor, wenn man nicht annehmen will, dass man einem bloßen Gerücht folgte, das zur Bach-Zuordnung des Bildes zu passen scheint. Diese Information ist jedoch nur die radikalisierte Variante einer gleichfalls falschen Information, derzufolge Ihle „zeitweilig am Bayreuther Hof“ wirkte.[4] So werden aus falschen Daten Vermutungen, schließlich Fakten.

Gisela Vogt, die 1994 die wertvolle Ausstellung mit dem echtem, den umstrittenen und den falschen Bach-Bildnissen kuratierte, nimmt heute übrigens an[5], „dass unser Porträt nicht von Ihle gemalt seien kann. Vielmehr habe ich eine andere Theorie, die für eine Thüringer Porträtisten spricht. Von diesem gibt es ein signiertes interessantes Porträt. Nun ist es natürlich schwierig, nachdem die im Bachhaus befindlichen Unterlagen zur Herkunft des Ihle zugeschriebenen Porträts als Kriegsverlust nicht mehr zur Verfügung stehen, eine Provenienzgeschichte zu rekonstruieren. Der kürzeste Weg zur Erkenntnis wäre eine technische Untersuchung des Aufbaus der Malschichten. Aber dazu müssten sich mehrere Besitzer von Vergleichsstücken einigen.

Zu der verlorenen Signatur wäre noch ein Zusatz zu machen. Ein Restaurator hat mir mal die ‚Schwachstellen‘ eines Gemäldes Öl auf Leinwand und Keilrahmen erklärt. Wenn die Keile sich lockern und die Leinwand durchhängt, reibt diese sich an den inneren Keilrahmenleisten durch. Die Malschicht wird bröselig und letztendlich könnte man das Innere des Bildes als ein glattes Stück herauslösen. Diesem schweren Schaden hat man insofern abgeholfen, indem das Restbild auf einen kleineren Rahmen geheftet wurde. D.h. eventuell wäre in dem neuen Heftfalz, der ja nicht aus reiner Leinwand, sondern schon aus Gemälde besteht, noch die Signatur da. Aber ich denke, man würde das trotz aller Zweifel schöne Bild nicht gefährden, indem man die Heftnägel vom Keilrahmen löst und das über den Keilrahmenrand gefaltete Bild zu untersuchen.

Ich habe bei den signierten Ihle-Bildern in Esslingen die Signatur im Bereich des rechten oberen Ovalrandes gefunden. Gegenüberliegend war die dargestellte Person namentlich benannt. Ein weiterer gravierender Unterschied war die sehr detailreiche Kleidung der dargestellten Personen, was ja auf unser Bild nicht zutrifft. Es ist ja bei unserem Bild ein definitiv unfertiges Gewand.“

Womit auch die letzte Sicherheit in Bezug auf das „Bayreuther Bach-Bildnis“ gewichen ist.

Himmel und Hölle! Ich kam auf die Welt! Und zwar auf die jetzige hiesige!

Ich hatte so viele Gründe zu träumen, was ich einst müßte in der Welt werden, wenn ich in sie käme durch die Geburtshelferinnen; nämlich auf dem Lande ein Jupiter, auf dem Meere ein Neptun, im Eden-Garten ein Gartengott, kurz, immer der Ortsgott, der Gott loci ...  den Geburtshelfer Vierneissel schreibe ich mich jetzt.

Noch dazu waren meine Träume mehr Schlüsse, und es muß, wenn ich fortfahre, was nur Fötus gewesen, fast in Erstaunen setzen, über das Wenige, was man wird: aus einem Fötus etwa höchstens ein Schriftgelehrter oder ein Schriftsässiger – ein Oberbeichtvater oder ein Beichtsohn dessen – ein Feld- – ein Bartscherer – ein Ritt- – ein Deutsch- – ein Wildmeister – ein Fuhr- – ein Edelmann – ein Meß-, ein Geburtshelfer – kurz, jedenfalls ein Mensch.

Des Geburtshelfers Walther Vierneissel Nachtgedanken über seine verlorenen Fötus-Ideale

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[1] Gisela Vogt (Redaktion:) Bach-Bildnisse als Widerspiegelung des Bach-Bildes. Katalog zur Sonderausstellung im Bachhaus Eisenach 1994, S. 23 (hier findet sich das umstrittene Bildnis auf der Titelseite!).

[2] Details bei Karl Hartmann: Ein Bild J. S. Bachs aus dem Bayreuther Schloss stammend? In: Archiv von Oberfranken 35 (1950), S. 3-5.

[3] Briefliche Mitteilung vom 28. Juli 2009.

[4] Werner Neumann: Bilddokumente zur Lebensgeschichte Johann Sebastian Bachs. Leipzig 1979, Nr. B 7.

[5] Briefliche Mitteilungen vom 22. und 23. 10. 2009.



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