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18.03.2014, 16:17 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [380]: Von Welt- und andern Kugeln

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Declaration of Independence drafted by Thomas Jefferson between June 11 and June 28, 1776.

Derart bringt der Verdichter Jean Paul das neue Amerika und das alte Rom zueinander:

So steh' ich und die ganze schreibende Innung aufrecht da und verschießen gern lange Strahlen über die ganze Halbkugel (denn mehr ist auf einmal von Welt- und andern Kugeln nicht zu beleuchten, und dem ganzen Amerika fehlen unsre Kiele), indes wir doch den ersten Christen gleichen, die das Licht, womit sie, in Pech und Leinwand eingeklemmt, als lebendige Pechfackeln über Neros Gärten schienen, zugleich mit ihrem Fett und Leben von sich gaben....

Man mag über das letzte Gleichnis denken, wie man will – ob es mehr oder weniger gelungen und en detail unschief ist, ist vielleicht weniger entscheidend als die Tatsache, dass der Verdichter es wagt – und dem Leser wieder eine kleine Nuss zu knabbern gibt. Denn was hat es mit Amerika auf sich?

Offensichtlich meint der Erzähler, dass es in den frühen Vereinigten Staaten des 18. Jahrhunderts keine literarisch-intellektuelle Kultur gibt. Damit könnte er recht haben, ich sehe jede Menge Cowboys, mehr oder wenige zweifelhafte gentlemen und ladys vor mir, aber es gab doch immerhin eine Unabhängigkeitserklärung, die, alles in allem, einen Fortschritt in der Verfassungsgeschichte der Welt darstellte. Lesen wir nur einmal kurz in die Präambel hinein:

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. — That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, — That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness. Prudence, indeed, will dictate that Governments long established should not be changed for light and transient causes; and accordingly all experience hath shewn that mankind are more disposed to suffer, while evils are sufferable than to right themselves by abolishing the forms to which they are accustomed. But when a long train of abuses and usurpations, pursuing invariably the same Object evinces a design to reduce them under absolute Despotism, it is their right, it is their duty, to throw off such Government, and to provide new Guards for their future security.

Bereits einen Tag nach der Verabschiedung der declaration konnte der Leser, der des Englischen nicht so kundig war, im deutschsprachigen Pennsylvanischen Staatsboten – einer Zeitung, die in Philadelphia herausgegeben wurde – am 9. Juli 1776 die Übersetzung dieses wichtigen Passus' lesen.

Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit. Dass zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; dass sobald einige Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volks ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket. Zwar gebietet Klugheit, dass von langer Zeit her eingeführte Regierungen nicht um leichter und vergänglicher Ursachen willen verändert werden sollen; und demnach hat die Erfahrung von jeher gezeigt, dass Menschen, so lang das Uebel noch zu ertragen ist, lieber leiden und dulden wollen, als sich durch Umstossung solcher Regierungsformen, zu denen sie gewöhnt sind, selbst Recht und Hülfe verschaffen. Wenn aber eine lange Reihe von Mißhandlungen und gewaltsamen Eingriffen, auf einen und eben den Gegenstand unabläßig gerichtet, einen Anschlag an den Tag legt sie unter unumschränkte Herrschaft zu bringen, so ist es ihr Recht, ja ihre Pflicht, solche Regierung abzuwerfen, und sich für ihre künftige Sicherheit neue Gewähren zu verschaffen.

Überflüssig zu sagen: diese Erklärung hat bis heute ihre Gültigkeit bewahrt. Ebenfalls überflüssig zu sagen: dass das Recht auf Life, Liberty and the pursuit of Happiness in jeglichem Land, das – lieber, aufgeklärter Leser: Muss ich noch deutlicher werden?

So sah Thomas Jefferson, der Hauptautor der Declaration und spätere Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, in der Logen-Zeit ungefähr aus: ein Mann nach Jean Pauls Geschmack, der den Kiel zu benutzen wusste. Im Übrigen gab es eine amerikanische Literatur: zwar geprägt von der irrigen quasireligiösen Vorstellung, dass Amerika das Gelobte Land sei, zwar in den klassizistischen Spuren des alten Europa, die hier längst überwunden waren[1] – doch gab es auch die erste afroamerikanische Dichterin namens Phillis Weatly, deren Gedichte tatsächlich gedruckt wurden: vielleicht keine intellektuelle Leuchte, aber doch auch eine Frau des Kiels – den der Dichter im ganzen Amerika vermisste. Hier irrte Jean Paul, oder nicht?

Die Frage bleibt – und darauf zielte der Dichter –, ob es in den jungen USA eine Literatur gab, die der deutschen und französischen Aufklärungsliteratur an die Seite gestellt werden kann. In diesem Sinne hatte Jean Paul wohl – wieder einmal – recht. Allein interessant wird der Fall dort, wo wir die Forderungen der Präambel der declaration auf die Wünsche unserer Helden beziehen. Die Möglichkeit, durch freie Wahlen die Regierung abzuschaffen, die das Glücksversprechen der Subjekte torpediert: diese Möglichkeit hat kein Scheerauer Bürger der vorrevolutionären Epoche. Allein die weitere Frage wäre, ob Gustav und Beata mit einer neuen, anderen und besseren Regierung geholfen wäre. Ich vermute: Nein. Ihr Unglück wurzelt weniger im ungerechten Regiment des Scheerauer Regenten als in ihrem naturgemäß unglücklichen, depressiven Bewusstsein, das mit den alltäglichen Ungerechtigkeiten kaum erklärt werden kann.

Insofern hatte Jean Paul vollkommen recht, nicht die Werte der Unabhängigkeitserklärung von 1776 als Spiegel in seinen Roman einzusetzen – und sei er auch blind.

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[1] Erinnert sei an Timothy Dwights IV. Monsterepos The conquest of Canaan von 1785 und an den noch stark an England orientierten Zirkel der Connecticut Wits und deren literarische Gemeinschaftswerke The Anarchiad (1786-187), The Echo (1791-1805) und The political greenhouse (1799).



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